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MANAGER Es wurde frostig

Krach in der Firma des DIHT-Dauerpräsidenten Otto Wolff von Amerongen: Ein Spitzenmanager geht. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Peter Jungen, Vorstandsmitglied der Otto-Wolff-Gruppe, achtete auf die Rangordnung, als er das Chefsekretariat an der Kölner Zeughausstraße betrat. Der Manager, Leiter der Maschinen- und Anlagenbau-Sparte PHB Weserhütte, ließ sich zuerst im linken Zimmer anmelden, dann im rechten.

Links residiert wie ehedem Otto Wolff von Amerongen, der Firmenpatriarch. Seit seinem Rückzug aus dem Tages-Management des Otto-Wolff-Konzerns Mitte des Jahres leitet der 68jährige Inhaber den Aufsichtsrat seines Stahl- und Handelskonglomerats. Gegenüber ist Schwiegersohn Arend Oetker als neuer Chefmanager eingezogen.

Da es in der Firmenleitung meist familiär zugeht, sah Wolff auch bei dem Besuch in der vorvergangenen Woche keinen Anlaß, formal zu bleiben. Aufgeräumt wie immer rief er auch gleich Arend Oetker herbei. Dann konnte Jungen sein Anliegen vortragen.

Er bitte, verkündete der sonst so legere Jungen stelzig, vorzeitig von seinen Dienstpflichten entbunden zu werden. Er wolle eine »andere berufliche Aufgabe« übernehmen.

Wolff und Schwiegersohn machten keine Anstalten, den langjährigen Mitarbeiter umzustimmen. Sie waren auch nicht überrascht. Jungens Kündigung kam ihnen recht, denn einiges hatte sich angehäuft.

Da war der Abgang des Seniors. Auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger hatte sich Deutschlands dienstältester Industrieller bei mehreren Wunschkandidaten enttäuschende Abfuhren eingehandelt. Als Ersatzmann präsentierte er schließlich seinen Schwiegersohn Arend. Der hatte so Wolff, den »Nachweis seines unternehmerischen Könnens längst erbracht«.

Arend Oetker, ein Neffe des Bielefelder Pudding-Patriarchen Rudolf August, hatte sein Familienerbe, die Marmeladenfabrik Schwartau und den Nähmaschinen-Hersteller Kochs Adler, in die Gewinnzonen gebracht.

Der Einzug Oetkers in die Kölner Firmenzentrale muß eine herbe Enttäuschung für den alten Wolff-Vertrauten Jungen gewesen sein, der sich durchaus Hoffnungen auf den Spitzenplatz machen konnte.

Die beiden Rivalen kennen sich aus gemeinsamen Studienjahren an der Kölner Uni. Der 144 Tage ältere Arend Oetker - wie Jungen Jahrgang 1939 - studierte Betriebswirtschaft, sein Kommilitone Volkswirtschaft. Während Oetker nach dem Studium, frisch vermählt mit der Wolff-Tochter Claudia, sich um die Firmen seiner Mutter kümmerte, heuerte Jungen als Assistent bei Otto Wolff an.

Gelegenheiten zum Wiedersehen gab es immer wieder - bei Wolff daheim in Köln-Marienburg, im CDU-Wirtschaftsrat oder beim Bundesverband der Deutschen Industrie.

Seit sie aber dienstlich bei Sitzungen des Otto-Wolff-Vorstands zusammenkamen, wurde es frostig zwischen beiden. Oetker und Jungen konnten sich nicht darauf einigen, wo es bei der PHB Weserhütte langgehen sollte.

Jungen hatte aus der Baggerfirma, die an der Verlustzone entlangschrammte, einen Maschinen- und Anlagenbaukonzern mit internationaler Bedeutung gezimmert. Mit einer vorbildlich aufgebauten Auslandsorganisation holte PHB Weserhütte von Jahr zu Jahr mehr Aufträge rein.

Die Gewinne bei PHB sprudelten 13 Jahre lang. Der Einbruch kam in diesem Jahr. Weil der Dollar wegrutschte, weil Öl- und Rohstoffpreise zurückgingen, fiel weltweit die Nachfrage nach PHB-Erzeugnissen - nach Seilbahnen und Schwimmkränen, Baggern und Bergwerksgeräten, Rangieranlagen und Rampen. Zahlreiche Großabnehmer hatten ihre Bestellungen storniert; klamme Kunden baten um Aufschub bei der Bezahlung von Lieferungen.

Die Ankündigung, daß Jungens Anlagenbau Verluste bringen würde, kam Boß Wolff höchst ungelegen. Schließlich hatte sein Konzern schon in anderen Bereichen Flops gebaut. Mit einer Viertelmilliarde Mark bügelte Otto Wolff Verluste aus Stahlgeschäften in den USA, Südafrika und Brasilien aus. Ein

gutes Dutzend Krisensitzungen fand statt. Arend Oetker drängte auf einen schnellen Abbau von Kapazitäten, das Personal sollte sofort reduziert werden. Die Firma, assistierte Schwiegerpapa Wolff, müsse für einen weiteren Partner schöngemacht werden.

Spartenchef Jungen dagegen wollte behutsamer vorgehen. Er hatte in den letzten fünf Jahren bei steigenden Auftragseingängen seine Fertigungskapazitäten bereits halbiert. Die Durststrecke sei durch Umsetzung von Mitarbeitern zu überstehen.

Jungen kann auf seinen Auftragsbestand von 1,4 Milliarden Mark verweisen. Großaufträge aus China, der UdSSR und den USA wurden reingeholt, die australische Beteiligungsfirma Eglo erwartet zusammen mit den Howaldtswerken von der Regierung in Canberra eine Order für U-Boote. Die Firma, so Jungen und seine Leute von der Weserhütte, käme schon bald wieder in die schwarzen Zahlen.

Doch Jungen, der vor zwei Jahren den ihm angetragenen Vorstandsvorsitz bei der Arbed Saarstahl ausgeschlagen hatte, resignierte.

Der Senior bestritt bis zuletzt Unstimmigkeiten mit dem Untergebenen. Nachdem der SPIEGEL im Juli darüber geschrieben hatte, dementierte Wolff in einem Leserbrief. »Aufgrund seiner unternehmerischen Leistung« sei der PHB-Chef »schließlich erst vor nicht langer Zeit ... in den Vorstand der Otto Wolff AG berufen worden«.

Mißstimmung gab es nicht nur wegen geschäftlicher Probleme. Wolff hatte dem PHB-Chef nahegelegt, sich mehr auf den Job und weniger auf seine Ehrenämter zu konzentrieren. Dabei hatte Jungen gerade auch in diesen Dingen Otto Wolff nachgeeifert. Kaum ein anderer Industrieller häufte so viele Ehrenämter an wie der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT).

Jungen verzichtete auf den ihm freigehaltenen Landeslistenplatz 9 der CDU Nordrhein-Westfalen für die kommende Bundestagswahl. Dann sagte er seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten des einflußreichen Maschinen- und Anlagenbauverbands VDMA ab.

Nach dem Verzicht auf den Verbandsposten kamen die Headhunter, die stets ein gutes Gespür für Mißstimmigkeiten haben, um dem Topmanager neue Posten anzubieten. Jungen entschied sich wieder für ein Familienunternehmen. Die steinreiche Werhahn-Gruppe aus Neuss, die im Handel und im Bankgewerbe, mit Mehl und Holz ihr Geld mehrt, sucht einen Mann für einen schwierigen Job.

Die Strabag Bau-AG, bei der Werhahn Großaktionär ist, hat im vergangenen Jahr keine Dividende gezahlt. Der amtierende Vorstandschef Gerhardt Hartwich, 64, geht in den Ruhestand, Peter Jungen soll sein Nachfolger werden.

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