Ethik an der Wall Street Hippokrates-Eid für Börsianer

Nach dem Bilanzskandal bei Enron sollte alles besser werden. Doch Studien zeigen, dass an der Wall Street und in der US-Wirtschaft bis heute vieles im Argen liegt. Kritiker fordern deshalb jetzt einen bindenden Ehrenkodex für die Finanzindustrie - eine Art hippokratischen Eid für alle Börsianer.

Von , New York


Manager vor Gericht (Dennis Kozlowski, Ex-Chef von Tyco): Da passierten "ethische Entgleisungen" schon mal
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Manager vor Gericht (Dennis Kozlowski, Ex-Chef von Tyco): Da passierten "ethische Entgleisungen" schon mal

New York - Die American Academy of Arts and Sciences bemüht sich sonst nicht in die schmuddligen Tiefen der Wall Street hinab. Lieber widmet sich der 1780 gegründete Denkerhort in Cambridge bei Boston ätherischerem Gedankengut, zum Beispiel "kritischen sozialen und intellektuellen Fragen" oder ernst-grüblerischem "Ideenaustausch".

Doch genug ist genug. Angewidert von den Firmen-, Fonds- und Börsenskandalen der vergangenen Jahre hat die Akademie nun Alarm geschlagen. Das komplette "Wertesystem" der US-Wirtschaft sei "zusammengebrochen", erklärt sie. Die bisherigen Aufpasser und "Gatekeeper" der Wall Street - die Direktoren, Buchprüfer, Regulatoren, Notare, Investmentbanker und Wirtschaftsjournalisten - hätten allesamt restlos versagt, da sie selbst meist nur "auf das eigene Interesse" schielten.

Harte Worte von hoher Warte. In der Sonderkommission, die von der Akademie mit dieser schonungslosen Bestandsaufnahme von US-Wirtschaft und Börsenlandschaft beauftragt wurde, finden sich so klangvolle Namen wie der Top-Investmentbanker Felix Rohatyn, der Fusionsanwalt Marty Lipton und John Reed, der Vorsitzende der New York Stock Exchange (NYSE). Sie schlagen jetzt eine dramatische Lösung des Problems vor: einen gemeinsamen Ehrenkodex für Wirtschaft und Finanzindustrie.

Ethische Entgleisungen

Ein solcher Ethik-Eid, schreibt Rohatyn in dem Bericht der Kommission, "sollte grundlegende Prinzipien" für alle Akteure an der Wall Street enthalten: "Wem du Rechenschaft schuldest, was deine Prioritäten sind im Zusammenspiel zwischen dir selbst, deinen Klienten und den Regulatoren." Jedes Unternehmen müsse seine Angestellten auf diesen Kodex einschwören: "von ganz oben bis nach ganz unten".

Börsianer in New York: Die Gatekeeper versagen
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Börsianer in New York: Die Gatekeeper versagen

Ein hippokratischer Eid für Banker, Broker und Manager, ähnlich wie für Ärzte? Die Idee scheint überfällig - und einleuchtend: Weder die obersten Entscheidungsträger der Finanzwelt noch die der Medizin operieren allein um ihrer selbst willen; zahllose Schicksale hängen von ihnen ab. Es ist längst selbstverständlich, dass sich ein Arzt moralisch verantworten muss - warum also nicht auch der CEO einer Aktiengesellschaft?

Die größten Häuser an der Wall Street haben denn auch auf Anfrage der Akademie bereits - wenn auch unverbindlich - Zustimmung signalisiert: Citigroup, Credit Suisse First Boston, Goldman Sachs, J.P. Morgan Chase, Lehman Brothers, Merrill Lynch, Morgan Stanley. Andere hegen dagegen Zweifel. "Ein Ehrenkodex ist immer auch ein PR-Trick", warnt Michael Davis vom Center for Study of Ethics am Illinois Institute of Technology. "Investmentbanking ist ein schwer zu kontrollierender Bereich", hadert das "Wall Street Journal", das Hausblatt der Börse. Da passierten "ethische Entgleisungen" schon mal.

Manager in der Steinzeit

Wobei es natürlich mehr als "Entgleisungen" sind, die in den spektakulären Wirtschaftsverfahren dieser Tage ans Licht kommen: Enron, WorldCom, HealthSouth, ImClone, die Fondsskandale und Ermittlungen gegen Börsenbroker. Und nicht nur die hohen Herren sündigen: Gerade erst hat die Polizei einen früheren NYSE-Parkettboten unter dem Verdacht verhaftet, Insider-Informationen an einen Day Trader weitergereicht zu haben, der damit 300.000 Dollar Gewinn gemacht habe.

Welch persönliche Dramatik hinter solchen Schlagzeilen steckt, wie viele Leben davon auch indirekt zerstört werden können, zeigt das Buch "Conspiracy of Fools", das heute hier in den Handel kommt. Darin rekonstruiert Kurt Eichenwald, ein investigativer Reporter der "New York Times", den Kollaps von Enron, und zwar in dramatischen, oft brandneuen Details.

Zum Beispiel der Moment, da dem letzten, bis dahin ahnungslosen Enron-Finanzchef Jeff McMahon das Ausmaß des Betrugs innerhalb des eigenen Konzerns dämmert: "'Wir haben keine Methode, nachzuprüfen, wie viel Cash wir haben?', stotterte McMahon. 'Das ist unmöglich! Wir sind eine Fortune-50-Company! Wir müssen doch über unser Cash Bescheid wissen!'"

Nach Enron sollte sich alles ändern. Doch wie viel auch heute noch zu tun ist, und nicht nur in den USA, zeigt die jüngste Ethik-Studie der unabhängigen Consulting-Firma Governance Metrics International (GMI). Seit zwei Jahren untersucht GMI das Maß an Verantwortlichkeit und Transparenz von Unternehmen weltweit gegenüber ihren Aktionären. Auch diesmal lautete das traurige Fazit: "Viele Manager und Boards befinden sich weiter in der Steinzeit."

Fragwürdige Boni

Von 3220 Konzernen in der ganzen Welt, die GMI auf Herz und Nieren prüfte, verdienten nur 34 die Höchstnote 10. Immerhin: Die Mehrheit davon (27) sind US-Firmen, der Rest Kanadier, Australier und Briten, welche insgesamt am besten wegkommen. Deutschland liegt mit einem durchschnittlichen Rating von 5,23 im Mittelfeld, vor Italien, aber hinter der Schweiz.

Unter den Top-Amerikanern: 3M, General Electric, General Motors, Lockheed Martin, Pepsi und Procter & Gamble. Am Ende der Skala finden sich Unternehmen wie der angeschlagene Donut-Bäcker Krispy Kreme und UnitedHealth, ein Multi im US-Gesundheitsswesen. Als besonders "fragwürdig" kritisierte GMI die überzogenen Saläre, Boni und Abfindungen von Konzernchefs und Spitzenkräften in den USA, gefolgt von "regulatorischen und kriminellen Ermittlungen" und ungleichem Stimmrecht für Shareholder.

Moralische Abgründe tun sich also bis heute auf. So fand jetzt eine Studie der Beratungsfirma Glass Lewis heraus, dass zu Unrecht bewilligte Manager-Boni selbst nach einer Korrektur der Bücher "fast nie" zurückgezahlt würden. Immerhin: Über 400 US-Konzerne mussten im vorigen Jahr ihre Bilanzen nachträglich revidieren. Als die schlimmsten Sündenböcke prangert Glass Lewis dabei unter anderem Time Warner, Tyco, Bristol-Myers Squibb, Xerox und Qwest an.

Dass der gordische Knoten nicht so einfach zu zerschlagen ist, räumt aber auch die Denker-Akademie aus Cambridge ein. Wenn man die enormen Profite bedenke, die zum Beispiel ein einzelner Banker aus nur einer Handvoll von Transaktionen verdienen könne, schreibt Gerald Rosenfeld, der CEO der Investmentbank Rothschild North America, in dem Bericht, "dann ist der Druck aufs Verhalten manchmal zu stark, um ihn auszuhalten". Mit anderen Worten: Wer kann da schon widerstehen?



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