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TANKSTELLEN Etwas skeptisch

Die Mineralölkonzerne erwarten, daß deutsche Autofahrer zunehmend auf Gasbetrieb umstellen.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Entlassungen und Kurzarbeit braucht die Belegschaft der Wuppertaler Firma Landi den Hartog nicht zu fürchten. Seit Anfang des Jahres kann sich Landi, so ihr Geschäftsführer Arno Niemeyer, »vor Arbeit nicht mehr retten«.

Plötzlich nämlich ist ein Produkt gefragt, das in der Bundesrepublik bisher kaum Abnehmer fand: Bausätze für die Umrüstung von Autos auf Flüssiggas-Antrieb.

Händler und Autowerkstätten bestellen die Bausätze, die Landi für den gleichnamigen holländischen Hersteller vertreibt, in solchen Mengen, daß sie inzwischen mehrere Wochen auf die Ware warten müssen. Täglich melden sich bis zu 100 neue Kunden.

Nach den letzten Benzin-Preiserhöhungen suchen deutsche Autofahrer verstärkt nach einer preiswerten Alternative. Viele stiegen schon auf Diesel-Modelle um, kaum daß Dieselöl im Vergleich zum Benzin etwas billiger wurde. Und beim Autogas ist die Preisdifferenz noch weit größer.

Der Liter Flüssiggas kostet für den Kraftfahrer heute im Schnitt 94 Pfennig. Den technisch bedingten Mehrverbrauch von rund zehn Prozent eingerechnet, ist das Flüssiggas derzeit noch etwa 30 Pfennig billiger als der Liter Super.

Vom 1. April an wird Gas für den Kraftfahrer noch günstiger. Autogas ist nämlich von der Mineralölsteuererhöhung um sieben Pfennig plus Mehrwertsteuer ausgenommen. Wenn das Superbenzin knapp 1,40 Mark kostet, sparen die Gasfahrer bei jedem Liter fast 40 Pfennig.

Dem Trend weg vom Benzin helfen die Mineralölkonzerne seit kurzem selber nach. Bisher mußten Autofahrer mit Gastank lange suchen, bis sie eine Zapfstelle zum Nachfüllen fanden. Noch vor zwei Jahren gab es im ganzen Bundesgebiet nicht einmal fünfzig Gastankstellen -- meist ziemlich versteckt bei Händlern gelegen, die ansonsten Propan und Butan für Campingfreunde verkaufen.

Nun beginnen auch die Ölgesellschaften, ihr Tankstellennetz verstärkt mit Gaszapfsäulen auszurüsten. Den Anfang machte im November die BP bei der Stuttgarter Schwabengarage. Inzwischen gibt es zwölf BP-Stationen mit Autogas (Werbeslogan: ... der Kraftstoff mit Zukunft ...), in einigen Monaten sollen es zwanzig sein.

Die Shell eröffnet nach Ostern die ersten Gastankstellen. Von Norden her über Hamburg, Hannover und Braunschweig soll zunächst ein »Testnetz« von sechs bis zehn Stationen das Bundesgebiet überziehen. Auch Aral wird dieses Jahr an fünf bis sechs Stationen versuchsweise Gas einführen.

Am rührigsten aber sind die Flüssiggas-Händler. Sie haben ihr Netz innerhalb kurzer Zeit vervierfacht -- auf über 200 Zapfstellen. Auch Reparaturwerkstätten sollen das Autogas anbieten.

Das plötzliche Interesse der Benzinfirmen am Gas kommt nicht von ungefähr. Die Ölländer üben wachsenden Druck auf die Ölmultis aus, mit dem Rohöl auch Flüssiggas abzunehmen. Denn bei der Ölförderung wird in der Regel auch immer Gas frei. Bisher wurde das Gas am Bohrloch einfach verbrannt. Das Abfackeln, so erkannten mittlerweile viele Erdölproduzenten, ist nicht nur Energieverschwendung -- sie verschenken damit auch Geld.

Verkaufen wollen die Ölgesellschaften auch das Gas, das als Nebenprodukt bei der Veredlung des Rohöls in den Raffinerien entsteht. Das waren bisher nur zwei bis drei Prozent der erzeugten Ölmenge. Bei neuen Anlagen, die weniger Schweröl produzieren, steigt dagegen der Gasanfall auf vier Prozent.

Optimisten unter den Autogas-Promotern wie die BP erwarten, daß der Flüssiggas-Absatz in den nächsten fünf bis sieben Jahren einen Anteil von etwa S.74 sechs Prozent am deutschen Kraftstoff-Verbrauch erreichen wird. Bislang können erst etwa 8000 Autofahrer zur Zeit auf Gas umschalten, das entspricht einem Anteil am Kraftstoff-Verbrauch von weniger als einem Prozent.

In den Nachbarländern dagegen sieht es schon ganz anders aus. Rund 200 000 Holländer nutzen bereits den Vorteil, in Italien sind es mehr als 500 000. Auch in Skandinavien, Frankreich und Österreich hat der alternative Treibstoff Marktanteile von fünf bis zehn Prozent erreicht. Insgesamt fahren in Europa ungefähr eine Million Autos mit Gas.

Mit der steigenden Preisdifferenz zum Benzin wird der Flüssiggas-Antrieb auch für die Deutschen attraktiver. Der Umbau im Wagen kostet zwischen 1700 und 2000 Mark. Im Kofferraum wird ein Gastank installiert, unter der Motorhaube vor dem Vergaser ein Verdampfer (Zurückwandlung des Gases vom flüssigen in dampfförmigen Zustand) und ein Mischgerät (für die Zuführung von Luft) eingebaut. Mit einem Schalter am Armaturenbrett kann, auch während der Fahrt, nach Belieben von Gas auf Benzin geschaltet werden.

Nach rund 50 000 Kilometern hat sich bei heutigen Kraftstoffpreisen der Umbau rentiert. Lohnend ist die Umrüstung daher zunächst nur für Vielfahrer, die jährlich mehr als 25 000 Kilometer zurücklegen. Unter den Interessenten sind denn auch Taxi-Unternehmen, Speditionen, die Polizei oder kommunale Betriebe.

Die Umstellung auf das Autogas bringt aber nicht nur finanzielle Vorteile. Anders als Benzin und Diesel wird das Flüssiggas vom Motor nahezu ohne Rückstände verbrannt: Die Luft wird kaum noch mit Auspuffgasen verpestet, die Motoren laufen länger, das Öl muß seltener gewechselt werden.

Die Nachteile: Die Gaswagen sind in der Spitze etwa fünf Prozent langsamer als Benziner. Diesel- und Einspritzmotoren lassen sich nicht oder nur unter hohem Aufwand auf Gas umrüsten. Viele Autofahrer stört der Behälter im Kofferraum. Und in Tiefgaragen dürfen deutsche Autogas-Fahrer auch nicht parken.

»Noch nicht voll überschaubare Sicherheitsrisiken« machen darum zum Beispiel die Esso noch »etwas skeptisch gegenüber dem Gas«. Die Erfahrungen im Ausland sprechen allerdings nicht dafür, daß der Gasantrieb gefährlicher als ein Benzin-Motor ist. Von autorisierten Werkstätten umgerüstete Autos werden denn auch nach einer Vorführung beim TÜV anstandslos zugelassen.

Viel schwerer scheint es vorerst noch, eine größere Zahl von Tankstellen mit Gaszapfsäulen auszustatten. »Die Behörden«, klagt Esso-Sprecher Klaus Hanemann, »sind darauf noch kaum eingestellt.«

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