EU-Konjunkturprognose Europäische Wirtschaft bricht um 7,8 Prozent ein

Die zweite Infektionswelle lässt das Wirtschaftswachstum der Eurozone abflauen. Für 2020 erwartet Brüssel einen Einbruch von insgesamt 7,8 Prozent – eine beispiellose Rezession, aber besser als im Sommer angenommen.
Straßenszene in Salamanca: Brüssel erwartet eine beispiellose Rezession für die europäische Wirtschaft

Straßenszene in Salamanca: Brüssel erwartet eine beispiellose Rezession für die europäische Wirtschaft

Foto: Manuel Ángel Laya / DPA

Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone wird nach der neuesten Prognose der EU-Kommission dieses Jahr um 7,8 Prozent einbrechen. Für die 27 Mitgliedsländer rechnet die EU-Kommission mit einem Rückgang von 7,4 Prozent. Die Brüsseler Behörde verbesserte damit am Donnerstag ihre Konjunkturprognose vom Sommer. Dafür geht sie nun von einer langsameren wirtschaftlichen Erholung nach der Coronakrise sowie einem sprunghaften Anstieg der Neuverschuldung aus.

"Es wird nicht erwartet, dass die Produktion sowohl im Euroraum als auch in der EU im Jahr 2022 wieder den Stand vor der Pandemie erreicht", erklärte die Kommission.

Für das kommende Jahr werden 4,2 Prozent Wachstum für die 19 Staaten der Eurozone und 4,1 Prozent für die EU-27 vorausgesagt, für 2022 dann jeweils drei Prozent. Auch im übernächsten Jahr werde aber das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht, hieß es.

Beispiellose Rezession

Die neuen Prognosezahlen für 2020 deuten weiter auf eine beispiellose Rezession hin, fallen aber dennoch etwas besser aus als im Sommer. Im Juli hatte die Brüsseler Behörde prognostiziert, dass die Wirtschaftsleistung in der Eurozone um 8,7 Prozent und in der EU insgesamt um 8,3 Prozent schrumpft. Nach einem scharfen Einbruch wegen des Pandemielockdowns im zweiten Quartal war die Wirtschaft aber im dritten Quartal sowohl in der Eurozone als auch in der EU insgesamt um mehr als 12 Prozent gewachsen.

Jetzt verweist die Kommission auf neue Risiken wegen der zweiten Corona-Welle und der damit verbundenen neuen Pandemieauflagen. "Nach der tiefsten Rezession in der Geschichte der EU und einem sehr starken Aufschwung im Sommer ist Europas wirtschaftliche Erholung wegen der wieder höheren Zahl von Covid-19-Fällen unterbrochen worden", sagte Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. "Das Wachstum kehrt 2021 zurück, aber es wird zwei Jahre dauern, bis die europäische Wirtschaft wieder in etwa an das Niveau vor der Pandemie anknüpfen kann."

Schuldenspitzenreiter Griechenland

Die Schuldenquote der EU-Länder wird wegen der Krise in diesem Jahr voraussichtlich von 79,2 Prozent auf 93,9 Prozent der Wirtschaftsleistung springen. Für die 19 Länder der Eurozone geht Brüssel sogar davon aus, dass sie 100 Prozent der Wirtschaftsleistung übersteigen wird. Spitzenreiter ist hier Griechenland mit 207 Prozent. Italien, Portugal, Spanien, Belgien, Frankreich und Zypern liegen ebenfalls deutlich über 100 Prozent.

Für Deutschland ist der Prognose zufolge in diesem Jahr ein Wirtschaftseinbruch um 5,6 Prozent zu erwarten. Für 2021 geht die Kommission von einem Wachstum um 3,5 Prozent aus. In ihrer Sommerprognose hatte die Behörde der Bundesrepublik noch Aussichten auf einen Wirtschaftsaufschwung im nächsten Jahr um 5,3 Prozent bescheinigt.

Spanien am härtesten von Corona getroffen

Das mit Abstand am stärksten von der Coronakrise getroffene Land wäre nach den neuen Zahlen aus Brüssel Spanien. Hier ist ein Wirtschaftseinbruch um 12,4 Prozent in 2020 zu erwarten. Es folgen Italien (minus 9,9 Prozent), Kroatien (minus 9,6 Prozent) und Frankreich (minus 9,4 Prozent). Litauen (minus 2,2) und Irland (minus 2,3) kämen hingegen eher glimpflich davon.

Die Kommission versieht ihre Voraussagen allerdings mit einem deutlichen Fragezeichen: Wegen der Pandemielage seien Wachstumsprognosen derzeit "mit einem extrem hohen Grad an Unsicherheit und Risiken behaftet", erklärte die Behörde.

No-deal-Brexit angenommen

Acht Wochen vor Ende der Brexit-Übergangsphase geht die EU-Kommission damit für ihre Konjunkturprognose vorerst davon aus, dass kein Handelspakt mit Großbritannien gelingt und ab 1. Januar Zölle eingeführt werden. Das sei eine technische Annahme und schließe nicht aus, dass doch ein Verhandlungserfolg komme, sagte Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni am Donnerstag.

Auf Grundlage ihrer Annahme prognostiziert die EU-Behörde für Großbritannien eine noch langsamere wirtschaftliche Erholung von der Coronakrise als für die Europäische Union. Nach einem erwarteten Wirtschaftseinbruch um 10,3 Prozent in diesem Jahr geht die Kommission für das Vereinigte Königreich von nur 3,3 Prozent Wachstum 2021 und 2,1 Prozent für 2022 aus.

Die Tatsache, dass nach jetzigem Stand ab 2021 ohne Abkommen mit der EU nach Regeln der Welthandelsorganisation WTO Handel betrieben werde, werde den Aufschwung bremsen, sagte Gentiloni. Nach WTO-Regeln müssten Zölle auf wichtige Produkte erhoben werden. In den Verhandlungen der EU mit Großbritannien war zuletzt immer noch keine Einigung in Sicht.

caw/dpa/AFP