Agrarsubventionen an Finanzinvestoren So viel Geld fließt an Konzerne, weil sie Land besitzen

Bei den deutschen Empfängern von EU-Agrarsubventionen zeigt sich: Auch landwirtschaftsferne Investoren profitieren - und Betriebe, die durch Mängel bei der Tierhaltung aufgefallen sind.
Foto: Patrick Pleul/ dpa

Jedes Jahr erhalten Landwirte Geld von der Europäischen Union. Jeder Bauer, der die Subventionen beantragt, bekommt sie. Wobei: Die Eigentümer müssen gar keine Bauern sein. Es reicht im Wesentlichen, einen Betrieb mit einem Betriebsleiter mit landwirtschaftlicher Ausbildung zu haben und Land zu besitzen, auf dem etwas angebaut wird.

Von dem System profitieren also

  • nicht nur bäuerliche Betriebe,
  • sondern auch Finanzinvestoren,
  • Großgrundbesitzer
  • sowie unter Umständen Tierhalter, die durch Skandale bekannt wurden.

SPIEGEL ONLINE hat bereits die Top-Empfänger der EU-Agrarzahlungen für das Jahr 2017 veröffentlicht und in Karten gezeigt, wie das Geld regional verteilt wird.

In diesem Text geht es um Beispiele für Betriebe, die Subventionen erhalten haben, die in der Vergangenheit negativ aufgefallen sind oder deren Besitzer in erster Linie ihr Geld in Boden angelegt haben.

Deutschland profitiert besonders von der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP): mit mehr als sechs Milliarden Euro EU-Subventionen lag Deutschland 2017 zusammen mit Spanien auf dem zweiten Platz hinter Frankreich (8,2 Milliarden Euro) und noch vor Italien und Polen. An der Systematik, die Zahlungen an die Fläche zu koppeln, gibt es seit Längerem Kritik.

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Subventionen: So funktioniert die EU-Agrarpolitik

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Für Tierhaltung an sich gibt es die Basisprämie nicht - es sei denn, die Tierhalter besitzen neben den Ställen auch noch Ackerland. Zwar kann auch Geld für freiwillige Tierschutzmaßnahmen beantragt werden, das wird aber nur gezahlt, wenn sich das jeweilige Bundesland an den Kosten beteiligt.

Die Basissubventionen, die direkt an die Betriebe gezahlt werden, streichen derzeit immer häufiger Landbesitzer ein, die mit der Scholle nichts zu tun haben. Vor allem in Ostdeutschland. Das einströmende Geld hat dazu geführt, dass sich die Preise für Land in nur zehn Jahren verdreifacht haben.


Beispiele landwirtschaftsferner Großinvestoren

Für die Kapitalanleger lohnt sich die Investition in Ackerland: Unternehmen wie der Versicherungsgigant Munich RE, die Kriegsschiff- und Luxusjachten-Werft Lürssen, die Holding des Möbelkonzerns Steinhoff oder das Nachfolge-Unternehmen von KTG-Agrar - alle streichen für ihr Land EU-Agrarzahlungen ein, ohne dort sonst ansässig zu sein.

Die Zahlen für diese Gruppen der Großinvestoren zusammenzustellen ist nicht ganz einfach, weil es sich in der Regel um ein Geflecht aus mehreren Tochterfirmen handelt, die jeweils einzeln antragsberechtigt und auch in der Datenbank zu den EU-Agrarzahlungen  für jeden Bürger zu recherchieren sind. Der Haken daran: Die Muttergesellschaften legen ihre Beteiligungen nicht immer offen - auch wenn das durchaus zulässig ist, hat es den vielleicht gewünschten Nebeneffekt, dass der Überblick schwieriger wird.

Gustav Zech Stiftung

Das Unternehmen KTG Agrar, das als "erster Bauer an der Börse" für viel Aufsehen sorgte und einst insgesamt rund 45.000 Hektar Ackerland besaß, meldete 2016 Insolvenz an. Die Familienstiftung der Zech-Gruppe, einem Immobilienunternehmen aus Bremen, hat den größten Teil der früheren KTG übernommen und unter dem Dach der Deutschen Agrar Holding (DAH) gebündelt. Einziger Gesellschafter ist die Gustav Zech Stiftung mit Sitz in Liechtenstein. Die DAH taucht in der Subventionsdatenbank aber gar nicht auf, sondern nur insgesamt 32 Tochterfirmen mit Namen, die nicht auf die Muttergesellschaft schließen lassen.

Die Firmen heißen PAE Marktfrucht, ATU Herzsprung Ackerbau und Tierzucht, Schöllnitz Agrar oder "Zur Spetze" Agrarproduktionsgesellschaft. Jeder dieser Betriebe, die Landwirtschaft fast ausschließlich in Brandenburg betreiben, hat EU-Agrarzahlungen bekommen; die Muttergesellschaft hat ihren Sitz allerdings in Luxemburg. Die ausgezahlten Summen reichen von mageren 2667 Euro für die SI norus Agrar AG in Waldsieversdorf bis zu 448.571 Euro für die ATU Herzsprung Ackerbau und Tierzucht GmbH in Heiligengrabe. Insgesamt haben die Betriebe im vergangenen Jahr 5.386.817 Euro aus Brüssel erhalten, mehr als 90 Prozent davon als Direktzahlungen.

Lürssen-Gruppe

Auch die Lürssen-Gruppe hat eine Tochtergesellschaft gegründet, deren Namen höchstens lautmalerisch an den Jachten- und Kriegsschiffbauer erinnert: die LIRS Agrar- und Dienstleistungs GmbH mit Sitz im sachsen-anhaltinischen Möckern. Die Firma hat 2017 von der EU insgesamt 727.923 Euro erhalten, davon fast 95 Prozent Direktzahlungen.

Werftenstandort Lemwerder der Lürssen-Gruppe

Werftenstandort Lemwerder der Lürssen-Gruppe

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Steinhoff Familienholding

Die Steinhoff Familienholding, Mutterfirma des kriselnden internationalen Möbelkonzerns Steinhoff, besitzt ebenfalls umfangreiche landwirtschaftliche Flächen im Osten Deutschlands, Schätzungen gehen von rund 20.000 Hektar aus. Auch die Struktur der Steinhoff Familienholding ist komplex, neben 16 Biogas-Betreibern gehören zu dem Firmengeflecht mindestens fünfzehn Betriebe in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, mit Namen wie Landgut Bartow, Tier- und Pflanzenproduktion Felgentreu oder Pritzenower Biorind. Allein diese fünfzehn Betriebe haben im vergangenen Jahr gemeinsam EU-Agrarzahlungen in Höhe von 3.677.748 Euro erhalten, mehr als 95 Prozent als Direktzahlungen.

Steinhoff ist eigentlich ein internationaler Möbelkonzern

Steinhoff ist eigentlich ein internationaler Möbelkonzern

Foto: Mohssen Assanimoghaddam/ dpa


Beispiele problematischer Tierhaltung

Auch Betriebe mit intensiver Tierhaltung, von Gegnern Massentierhaltung genannt, sind antragsberechtigt, wenn sie Land besitzen. So kommt es zu der widersprüchlichen Situation, dass Betriebe, die durch Mängel in der Tierhaltung in die Kritik geraten sind, ihren Fortbestand mit EU-Agrarzahlungen sichern.

Dazu gehört Wimex, die Firma des damaligen Präsidenten des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), deren Verfehlungen auch SPIEGEL ONLINE dokumentiert hat. Wimex hat im vergangenen Jahr rund 275.000 Euro EU-Agrarsubventionen erhalten.

Der niederländische "Schweinebaron" Adrianus Straathof ist in den vergangenen Jahren wegen so vieler Verfehlungen in seinen deutschen Betrieben aufgefallen, dass gegen ihn in Deutschland ein nationales Berufsverbot verhängt wurde. Seine Geschäfte aber laufen weiter, die LFD-Holding hat die Betriebe übernommen und ist als "Landwirtschaftliche Ferkelzucht Deutschland" mit 28.000 Ferkeln pro Woche Marktführerin bei der Schweinezucht. Die Holding besitzt ebenfalls viele Tochterfirmen (unter anderem eine Tierarztpraxis) und hat damit im vergangenen Jahr mindestens 241.904 Euro EU-Zahlungen erhalten. Ende des Jahres soll das Gesamtgeschäft verkauft werden.

P. Lange - adpic.de

Auch führende Bauernfunktionäre sind aufgefallen, durch die Veröffentlichung von Aufnahmen der Tierrechtsorganisationen Animal Rights Watch (Ariwa) und Peta. Alle betroffenen Betriebe haben auch im vergangenen Jahr wieder Überweisungen aus Brüssel erhalten.

Die Bilder stammten damals unter anderem

  • aus dem Mastbetrieb des damaligen Vorsitzenden des Zentralverbandes der Deutschen Schweineproduktion (ZDS), Paul Hegemann (EU-Zahlungen 2017: 31.571 Euro) ,
  • aus einem Stall des Vorsitzenden des Verbands Deutscher Putenerzeuger, Thomas Storck (111.848 Euro, für drei Betriebe),
  • weitere Aufnahmen aus einer Ferkelzucht der Genossenschaft von Helmut Gumpert (576.826 Euro), Präsident des Thüringer Bauernverbands
  • sowie aus dem Familienbetrieb von Johannes Röring (33.711 Euro), CDU-Bundestagsabgeordneter, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV) und Vorsitzender des Fachausschusses Schweinefleisch im Deutschen Bauernverband.

Die Zahlung der EU-Gelder ist nicht grundsätzlich an Umwelt- oder Tierschutzauflagen gekoppelt, auch bei Verfehlungen muss nichts zurückgezahlt werden. Seit Jahren wird die Art der Verteilung kritisiert, aber es sieht nicht so aus, als änderte sich etwas daran. Vor allem die Interessenvertretung der deutschen Landwirte, der Deutsche Bauernverband (DBV), setzt sich weiterhin dafür ein, dass die Direktzahlungen erhalten bleiben.

Das fünfköpfige Präsidium kommt zusammen auf Subventionen in Höhe von gut 380.000 Euro, davon mehr als 98 Prozent als Direktzahlungen.

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