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08. Juli 2008, 15:41 Uhr

EU-Vergleich

Arbeitslose in Deutschland sind besonders armutsgefährdet

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Deutschland bleibt eine Wohlstandsinsel - selbst in Relation zu den anderen EU-Staaten. Sogar der Vergleich mit den vermeintlichen Sozialparadiesen Skandinaviens fällt günstig aus. Deutlich schlechter wird die Lage allerdings, wenn man seinen Job verliert.

Wiesbaden - Das Problem der Armut gibt es auch in Deutschland - doch es ist wesentlich kleiner als in anderen Ländern der Europäischen Gemeinschaft. 13 Prozent der Bundesbürger gelten als arm oder von Armut bedroht. In der gesamten Europäischen Union sind es 16 Prozent.

Suppenküche in Berlin: Alleinerziehende besonders von Armut bedroht
DPA

Suppenküche in Berlin: Alleinerziehende besonders von Armut bedroht

Ebenfalls besser als der europäische Durchschnitt und sogar weit besser als die skandinavischen Ländern schneidet Deutschland ab, wenn man die Armutsquote bei jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren betrachtet. Mit 15 Prozent liegt der Wert fünf Prozentpunkte unter dem EU-Durchschnitt - und sogar 20 Punkte unter dem Dänemarks, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte.

Das geringste Armutsrisiko verzeichnet die Statistik in der Tschechischen Republik und den Niederlanden (jeweils zehn Prozent). Die höchsten Gefahren bestehen in Lettland (23 Prozent) und Griechenland (21 Prozent).

Ein deutlich größeres Risiko, in Armut abzugleiten, machten die Statistiker allerdings für Arbeitslose aus. In Deutschland liegt die Quote bei 43 Prozent und damit um zwei Prozentpunkte höher als in der gesamten EU. In der Euro-Zone beträgt der Vergleichswert sogar nur 38 Prozent.

Als von Armut bedroht gelten Menschen, die 60 Prozent oder weniger des mittleren Einkommens im jeweiligen Land zur Verfügung haben. Dabei wird nicht der Mittelwert aller Einkommen herangezogen, sondern der deutlich niedriger liegende Median, der die gesamte Bevölkerung genau in der Mitte in zwei gleich große Gruppen teilt. Nach einer europaweit einheitlichen Definition wird auch die familiäre Situation der Menschen berücksichtigt, ebenso wie Einspareffekte beim Zusammenleben in Familien.

Ein allein lebender Mensch gilt in Deutschland bei einem Jahresnettoeinkommen von 9370 Euro inklusive aller Sozialtransfers als von Armut bedroht. In Luxemburg ist der Schwellenwert mit 17.808 Euro fast doppelt so hoch, in Litauen und Lettland ist hingegen ein Mensch mit mehr als 1520 Euro Jahreseinkommen nicht mehr arm.

Bei der erwerbstätigen Bevölkerung ist das Armutsrisiko in Deutschland geringer als in der gesamten EU. So sind in Deutschland nur fünf Prozent der Über-16-Jährigen trotz Erwerbstätigkeit armutsgefährdet, im EU-Durchschnitt jedoch rund acht Prozent. In der Euro-Zone sind es sieben Prozent und in den zehn neuen Mitgliedstaaten neun Prozent.

Während die Ruheständler in der Bundesrepublik mit 13 Prozent und in der EU mit 16 Prozent das gleiche Armutsrisiko wie die Gesamtbevölkerung haben, sind in den zehn neuen Mitgliedstaaten nur zehn Prozent der Rentner betroffen.

Hohes Risiko für geringqualifizierte Migranten

Damit wird der öffentliche Aufschrei in Folge des Armutsberichts, den die Bundesregierung im Juni vorgelegt hatte, erneut relativiert. Der Bericht hatte eine deutlich erkennbare Erosion der Mittelschicht dokumentiert und damit Rufe nach einer Aufstockung der sozialen Transferleistungen provoziert. Allerdings hatte der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel den Schlussfolgerungen energisch widersprochen und ganz andere Verlierer der Entwicklung ausgemacht. Demnach zählen in erster Linie Menschen mit Migrationshintergrund und alleinerziehende Deutsche zu den Verlierern.

Zur Stützung seiner These zieht Miegel die Bevölkerungsstatistik heran. Demnach hat sich die ansässige, deutschstämmige Bevölkerung seit 1996 um 2,8 Millionen vermindert, die Zahl der Migranten ist dagegen um 3,5 Millionen gestiegen. "Die intensiv diskutierte Ausdünnung der Mittelschicht ist also nur zum Teil auf den Abstieg von Bevölkerungsgruppen zurückzuführen", sagte Miegel. Wesentlich stärker falle ins Gewicht, dass in großer Zahl Menschen aus dem Ausland nach Deutschland gezogen seien, die in ihrer großen Mehrheit die Gruppe der Einkommensschwachen gestärkt hätten.

Europaweit 200.000 Menschen befragt

Auf der anderen Seite gebe es auch Gewinner, und das in nicht geringer Zahl. Immerhin 2,1 Millionen hätten 2006 den Aufstieg in die Liga der Top-Verdiener geschafft - darunter 1,1 Millionen zumeist deutschstämmige Familien und etwa eine Million Über-64-Jährige. Insgesamt lassen die Zahlen für Miegel deshalb nur einen Schluss zu: Die zunehmend ungleiche Verteilung der Einkommen in Deutschland ist kein Problem der Mittelschicht. Die Chance auf Wohlstand hänge vielmehr entscheidend davon ab, ob man in eine deutsche Familie geboren sei.

Eine solche umfangreiche Zusammenschau von unterschiedlichen Statistiken nehmen die Experten des Statistischen Bundesamts allerdings nicht vor. Ihnen liegt ein nach Möglichkeit einheitlicher Vergleich für ganz Europa am Herzen, wie ihn die eigens geschaffene Statistik EU-SILC 2006 anbietet. Für die jährliche Erhebung wurden insgesamt rund 200.000 private Haushalte in der EU befragt, davon 13.799 in Deutschland.

Mit Material von AP

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