Euro bei 1,60 Dollar Experten wetten auf Ende der Euro-Rekordfahrt
Hamburg - So teuer war der Euro noch nie: An diesem Dienstag ist die europäische Gemeinschaftswährung erstmals über die Marke von 1,60 Dollar gesprungen. Am Nachmittag notierte der Euro bei 1,6002 Dollar. Damit ist er fast doppelt so viel wert wie zu seinem Tiefststand im Jahr 2000: Damals kostete ein Euro nur 82 US-Cent.
Dabei ist der Euro-Höhenflug weniger der eigenen Stärke zuzuschreiben. Ausschlaggebend ist vielmehr der Dollar-Sturz, der durch die US-Kreditkrise ausgelöst wurde. Seit vergangenem August senkte die Notenbank Fed den Leitzins immer weiter - von anfangs 5,25 Prozent auf nun 2,25 Prozent. Die Zinsen im Euroland blieben dagegen stabil. "Diese Geldpolitik ist der Hauptgrund für die Wechselkursentwicklung", erklärt Christian Melzer von der Deka-Bank. Das Kapital fließt schließlich dahin, wo es sich am schnellsten vermehren kann.
Aktuell kommt nun die hohe Inflation in Europa hinzu. Allein in Deutschland kletterten die Verbraucherpreise im März um 3,1 Prozent. Damit ist klar: Die Europäische Zentralbank wird die Zinsen vorerst nicht senken - das würde die Inflation nur noch weiter anheizen. "Die Zinssenkungserwartung der Marktteilnehmer wurde gedämpft", sagt Melzer. Im Ergebnis sprang der Euro nach oben.
Nicht nur für Währungsspekulanten ist dies relevant. Mittlerweile deuten sich auch erste Auswirkungen auf die Realwirtschaft an. "Der Euro-Dollar-Kurs hat eine Schmerzgrenze erreicht", sagt Experte Melzer. Das Gleiche gelte für das Verhältnis des Euro zum britischen Pfund. "Der Export wird dadurch wesentlich geschwächt." In der Konsequenz hat die Deka-Bank ihre Wachstumsprognose 2009 für den Euroraum von 1,9 auf 1,5 Prozent gesenkt.
Allerdings: Allzu lange dürfte die Entwicklung nicht anhalten. "Wir gehen davon aus, dass der Höhepunkt bei 1,65 Dollar erreicht wird", sagt Melzer. Die US-Rezession sei schließlich schon in die Kurse eingepreist, ebenso wie weitere Zinssenkungen der Fed. Einen Eurokurs von 1,70 Dollar hält die Deka-Bank deshalb für unwahrscheinlich. "Da müssten schon sehr schlechte US-Zahlen kommen", sagt Melzer.
Für 2009 erwartet das Institut sogar höhere Zinsen in den USA. Und das dürfte den Dollar wieder stärken. "Auf Zwölf-Monats-Sicht sehen wir den Euro bei 1,47 Dollar", sagt Melzer.
Immerhin: Die Unternehmen klagen bisher kaum über den Euro-Höhenflug. "Der Export hat sich bemerkenswert gut geschlagen", sagt André Schwarz vom Bundesverband des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA). Der Grund: Das aktuelle Geschäft findet in der Regel nicht zu aktuellen Wechselkursen statt, sondern zu denen vor rund sechs Monaten. Damals haben sich die Unternehmen zu einem Eurokurs von rund 1,40 Dollar abgesichert - immer noch viel, aber längst nicht so dramatisch wie 1,60 Dollar.
"In der zweiten Jahreshälfte könnte es bei anhaltend hohem Wechselkurs schon kritischer werden", sagt Schwarz. "Das Neugeschäft wird tendenziell schwieriger." Für das Gesamtjahr rechnet der Verband nur noch mit einem Exportwachstum von fünf Prozent. Der langjährige Durchschnitt liegt bei sechs Prozent.
Indirekt gefährdet der teure Euro damit Arbeitsplätze in Deutschland. Denn für die Unternehmen wird es immer lohnender, ihre Produktion in den Dollarraum zu verlagern. "Wir bekommen sicher eine Diskussion über die Standorte", sagt Schwarz. "Die Unternehmen sehen sich gezwungen, ihre Standorte weltweit stärker zu streuen."
Dramatisieren sollte man die Entwicklung aber nicht, warnt der BGA. So erwartet der Verband, dass der Eurokurs eher wieder sinkt. "Auf mittlere Sicht ist eine Entspannung in Richtung 1,50 Dollar wahrscheinlich", sagt Schwarz. Auch sonst sind die meisten Exporteure gelassen: Trotz der Finanzkrise bleibe die weltweite Nachfrage stabil, die Auftragsbücher seien gut gefüllt.
Ein bemerkenswertes Resultat ergab eine Umfrage, die der BGA vor kurzem unter seinen Mitgliedsunternehmen durchführte. Demnach leidet nur ein Viertel der Firmen unter dem hohen Eurokurs. Ein Drittel hingegen gab an zu profitieren. Der Grund sind die günstigen Importe: Öl aus Arabien, Elektronik aus Japan oder Werkzeug aus China werden in Dollar abgerechnet - und sind deshalb so günstig wie nie.
Bei den Ausfuhren wiederum geht der Großteil ins europäische Ausland - und da wird in Euro abgerechnet. Auch Geschäfte mit Asien werden immer öfter in Euro abgewickelt. "Die Unternehmen setzen bei ihren Währungsgeschäften auf ein zweites Standbein", erklärt Schwarz vom BGA. Klammheimlich wird der Euro damit zur zweiten Weltwährung.