Euro-Crashkurs Biedenkopf erklärt die Krise

Was deutsche Politiker in der Heimat nicht machen, übernimmt Kurt Biedenkopf. Der ehemalige CDU-Spitzenpolitiker erklärt verständlich, worum es bei der europäischen Integration geht und warum die Währungsunion falsch konstruiert ist - bei einem Vortrag in Südafrika.
Kurt Biedenkopf (Archivbild): Warum gibt es dieses Europa überhaupt?

Kurt Biedenkopf (Archivbild): Warum gibt es dieses Europa überhaupt?

Foto: DDP

"Ich hab' nur 'ne Krawatte an, weil ich hier die Festsau bin", sagt Kurt Biedenkopf, als er im Gemeindehaus von St. Martini ankommt und die übersichtliche Anzahl von Schlipsträgern bemerkt. Es ist Sommer in Kapstadt, das Thermometer misst fast 30 Grad. Der Ex-Ministerpräsident von Sachsen, laut eigener Website ein "kompetenter Meinungsführer" sowie "gefragter Autor und Interviewpartner", macht gerade Urlaub in Südafrika. Zum ersten Mal ist Biedenkopf hier, es gibt viel zu sehen. Aber das hält den CDU-Mann nicht davon ab, auf einen Vortrag in der religiösen Deutschen-Enklave im Zentrum von Kapstadt vorbeizukommen.

Er soll zum Thema "Europa am Scheideweg" sprechen. Das klingt so allgemein, dass Biedenkopf - immerhin Jahrgang 1930 - darüber bereits in den fünfziger Jahren hätte reden können. Die mehr als 250 Besucher hat das nicht abgehalten. Zumal viele von ihnen zu den Menschen gehören, die sie hier Schwalben nennen: Deutsche, die den europäischen Winter 10.000 Kilometer weiter südlich verbringen.

Kein einziger Schwarzer hat sich in den Raum verirrt, in dem noch die unverkauften Engel des Weihnachtsbasars vom Wochenende liegen. Sponsoren des Abends sind zwei südafrikanische Weingüter und ein solider deutscher Strumpfhersteller. Zwei Bäcker aus Sachsen haben auch noch was mitgebracht.

Länger als eine Stunde spricht Biedenkopf, nur ein paar Notizen hat er sich gemacht. Die Deutschen bekommen das geboten, was die Bundesbürger daheim so schmerzlich vermissen: Einen Experten, der ihnen sachlich-unaufgeregt einen Crashkurs auf Volkshochschulniveau gibt - ohne Wortungetüme wie EFSF, dafür aber mit verständlichen Antworten auf komplizierte Fragen: Warum gibt es dieses Europa überhaupt? Welchen Konstruktionsfehler hat die Währungsunion eigentlich?

Biedenkopf macht Politik greifbar

In Deutschland werden diese Themen vorwiegend von nimmermüden Apokalyptikern wie Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel und FDP-Dauerrebell Frank Schäffler behandelt. Ob Angela Merkel, Sigmar Gabriel oder andere Spitzenpolitiker: Fast niemand will die Rolle des Krisenerklärers übernehmen.

Man merkt gleich zu Beginn, was Biedenkopf von vielen aktiven Politikern unterscheidet: Er kann Geschichten erzählen, Politik greifbar machen, muss nicht in einen keimfreien Technokratensprech fliehen. So erzählt er etwa von seinem Vater, der nach dem Ersten Weltkrieg als Student in einer Burschenschaft war, deren Mitglieder die deutsch-französische Erbfeindschaft für unüberwindbar hielten: "Dass beide Länder einmal in einem geeinten Europa zusammenarbeiten, war für meinen Vater undenkbar."

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg, dieser "schreckliche Lehrmeister für alle Europäer". Anschließend sei die Devise "Nie wieder Krieg!" gewesen, sagt Biedenkopf. Man hat diesen Satz schon so oft gehört. Und doch wirkt er in diesem Moment nicht so, als erzähle der nervige Opa mal wieder von früher. Dafür ist Biedenkopf zu nüchtern. Er spricht viel über Frankreich und wirbt um Verständnis für das Land. Es sei ein großer Schritt gewesen, die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zu bestrafen, sondern auf sie zuzugehen. Und die Initiativen für mehr Europa seien fast immer von Paris ausgegangen.

Für eine Währungsunion brauche man eine politische Union

Biedenkopf ist allerdings kein Süßholzraspler. Er sagt, dass bereits die Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft einen Denkfehler begangen hätten: "Sie glaubten, die Wirtschaft sei die Dienerin für einen geeinten Kontinent. Wenn die Ökonomien zusammenwachsen, so der Irrglaube, dann auch die Politik."

Für eine Währungsunion brauche man aber zwingend eine politische Union, sagt Biedenkopf. Und macht es wieder plastisch: Erst wurde Deutschland 1871 geeint, dann kam die Mark - und nicht umgekehrt. Dass der Euro ohne die notwendige politische Union eingeführt worden sei, vergleicht Biedenkopf mit einer Expedition in ein fernes Land, bei der man auf den Kauf einer Ausrüstung verzichte - in der Hoffnung, sich diese nach und nach zulegen zu können.

Für die Euro-Zone bedeutet eine politische Union laut Biedenkopf zunächst zweierlei:

  • Es muss einheitliche Regeln geben und eine Art Polizei, die aufpasst, dass sich jeder daran hält.
  • Darüber hinaus muss die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der einzelnen Regionen ausgeglichen werden - wie es auch im deutschen Länderfinanzausgleich der Fall ist.

Das alles fehlt. Noch. Aber warum machen die Konstruktionsfehler erst zehn Jahre nach Geburt des Euro so große Probleme? Biedenkopf holt erneut lange aus, erzählt von der Riesenblase, die platzte und die Finanzkrise verursachte. Und dass die Staaten 2008 so etwas wie die letzten Gläubiger waren, die mit Unsummen die Banken retteten und die Wirtschaft päppelten.

"Ach, ein bisschen Zeit haben wir noch"

Doch dann, so Biedenkopf, hätten die Finanzmärkte eben das Naheliegende getan und angefangen zu hinterfragen, wie viel Ausgaben sich die Länder eigentlich leisten könnten. "Und sie haben - wie sie das bei Firmen auch machen - nach der Qualität des Managements gefragt." Soll heißen: Ist die Regierung in der Lage, ein Land aus der Schuldenfalle herauszuführen?

Biedenkopf, der zuvor noch kritisiert hat, die Welt leide unter der Überbetonung des Ökonomischen, bricht nun eine Lanze für die Finanzmärkte. Gegrummel im Publikum. Doch das verstummt, als er die Zuhörer mit einbezieht: "Wenn Sie alle Teilhaber eines Fonds wären, der Ihre Rente bezahlen soll, würden Sie dann in griechische Staatsanleihen investieren?"

Es macht Biedenkopf sichtlich Spaß, über Europa und die Krise der Währungsunion zu dozieren. Und fast hat man das Gefühl, er wolle gar nicht mehr aufhören. In der anschließenden Diskussion geht es um den Schlendrian der Italiener, die Unfähigkeit der Politiker und die Rückkehr der D-Mark. Weil auch die Deutschen in Kapstadt dazu neigen, Co-Referate zu halten, ermahnt sie die Moderatorin, bitte präzise Fragen zu stellen. Daraufhin erwidert Urlauber Biedenkopf: "Ach, ein bisschen Zeit haben wir schon noch."

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