Euro-Zentralbank Volkswirte finden Zinserhöhung falsch

Die Ankündigung der Zentralbank EZB, schon bald die Zinsen zu erhöhen, ist bei Volkswirten auf Kritik gestoßen. Eine Leitzinserhöhung wäre ein Fehler, meint nicht nur Norbert Walter von der Deutschen Bank.


EZB-Logo: Erst expansiv, dann restriktiv
DPA

EZB-Logo: Erst expansiv, dann restriktiv

Frankfurt am Main - "Ich halte die Ankündigung der EZB mit Blick auf die von der Notenbank selbst skizzierte Inflationsentwicklung und auf die Inflationserwartungen nicht für zwingend", sagte Hüther der "Financial Times Deutschland". Bereits die Verlautbarungen aus dem EZB-Direktorium der vergangenen Wochen seien übertrieben gewesen und nur als Warntafeln in Richtung Lohnpolitik und Finanzpolitik verständlich. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, hatte am Freitag eine baldige Erhöhung der Zinsen im Euroraum angekündigt.

"Wir stehen ja nicht vor explodierendem Wachstum in Deutschland und Europa", sagte Hüther. Vielmehr habe die Notenbank unverändert den Spielraum, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen. Für den Beginn der Normalisierung des Notenbankzinsniveaus sei es im Frühjahr allemal früh genug.

Walter: Lohnpolitik ist moderat

Auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, hält eine Erhöhung der Leitzinsen noch in diesem Jahr für einen Fehler. Es sei falsch, die Geldpolitik "von expansiv auf restriktiv umzusteuern", schrieb Walter in einer Kolumne für die "Welt am Sonntag". Die Lohnpolitik sei "moderat", die Lohnstückkosten würden kaum steigen, in Deutschland bleibe der Wettbewerb scharf und begrenze das Potenzial für Preissteigerungen.

Eine Zinserhöhung der EZB aus dem Grund, weil die USA (bei deutlich stärkerem Wachstum) schrittweise die Zinsen erhöhen, hält Walter für falsch. Der Euro dürfte zudem ab 2007 wieder aufwerten, wenn die USA ihr hohes Leistungsbilanzdefizit korrigieren müssen. Mit einer zu raschen Zinserhöhung könnte sich die EZB das Deflationsproblem Japans einhandeln, warnt Walter.

Laute Kritik kommt auch aus der Politik: "Ich fände es fatal, wenn wegen der übertriebenen Annahme einer Inflationsgefahr die langsam anziehende Konjunkturbelebung abgewürgt würde", sagte der SPD-Finanzpolitiker Joachim Poß dem "Handelsblatt". "Höhere Zinsen würden im kommenden Jahr die Stärkung der Binnenkonjunktur, auf die wir ja im Koalitionsvertrag ausdrücklich setzen, gefährden. Außerdem würde eine Zinserhöhung die von uns angestrebte Haushaltskonsolidierung zusätzlich erschweren", sagte der SPD-Fraktionsvize.

HVB: "Das wirft die Konjunktur nicht aus der Bahn"

Der Chefvolkswirt der HypoVereinsbank, Jörg Krämer, sieht dagegen keine Gefahr für die Konjunktur: "Eine Zinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten wirft die deutsche Konjunktur nicht aus der Bahn", sagte er. "Wir werden unsere Wachstumsprognose nicht ändern". Nach einem Anstieg im Dezember auf 2,25 Prozent rechne er damit, dass die EZB den Leitzins im ersten Quartal 2006 auf 2,5 Prozent erhöhe.

Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", er könne sich auch 2,75 Prozent im nächsten Jahr vorstellen. Doch 3,0 Prozent würden es eher nicht, dafür seien die Wachstumsraten in Europa zu schlecht. Damit komme auch 2006 billiges Geld in den Wirtschaftskreislauf. Erst bei 3,0 bis 3,5 Prozent wäre die Geldpolitik neutral, sagte Niklasch.

Zinserhöhung kostet Bund rund 3,6 Milliarden

Volkswirt Thomas Mayer von der Deutschen Bank betonte in der "Süddeutschen Zeitung", für die deutsche Konjunktur habe der kleine Zinsschritt kaum Auswirkungen. Auch die deutsche Exportbranche zeigte sich unbeeindruckt. Der avisierte Aufschlag "hat keine Auswirkungen auf den Außenhandel", sagte der Präsident des Bundesverbands des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Anton Börner.

Höhere Leitzinsen führen nach Einschätzung des Subventions- und Haushaltsexperten des Kieler Instituts für Wirtschaft, Alfred Boss, allerdings zu einer Mehrbelastung der öffentlichen Kassen.

Angesichts eines Schuldenstandes von rund 1450 Milliarden Euro führe eine Zinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten rein rechnerisch zu einer Mehrbelastung von rund 3,6 Milliarden Euro für Bund, Länder und Gemeinden. Allerdings werde jedes Jahr nur ein Teil der Schulden umgeschuldet und somit einem neuen Zinssatz unterworfen.



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