Europa-Chef Courtois "Microsoft geht eine riskante Wette ein"

Der US-Softwarekonzern Microsoft will mit mehreren neuen Produkten den Markt für mobile Endgeräte aufrollen. Europa-Chef Jean-Philippe Courtois sprach mit SPIEGEL ONLINE über Smartphone und Tablet PC.


Jean-Philippe Courtois: "16 Stunden am PC sind vorstellbar"

Jean-Philippe Courtois: "16 Stunden am PC sind vorstellbar"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Courtois, Sie haben einen Tablet PC dabei und außerdem noch ein Notizbuch. Benutzen Sie das Gerät wirklich?

Jean-Philippe Courtois: (Lacht) Stimmt, ich habe noch Papier bei mir. Aber seit einigen Wochen benutze ich den Tablet PC. Und ich benutze ihn von Tag zu Tag häufiger, er läuft dem Notizbuch den Rang ab.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll den Tablet PC eigentlich kaufen?

Courtois: Das Gerät richtet sich in erster Linie an Geschäftsleute, vor allem an jene, die viel unterwegs sind und eine Menge Informationen verarbeiten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Warum engagiert sich Microsoft so stark in diesem Bereich? Die Hardware kommt schließlich nicht von ihnen und Windows XP verkaufen Sie doch sowieso - mit oder ohne Extra-Software für die Eingabe per Stift.

Courtois: Wir möchten den Zeitraum erweitern, in dem Menschen mit Computern und mit Windows arbeiten können. Bisher sind es sechs bis acht Stunden pro Tag. Bis zu 16 Stunden sind vorstellbar. Da gibt es noch sehr viele Anwendungsszenarios, von denen wir heute noch gar keine Vorstellung haben. Und für die braucht man Software.

SPIEGEL ONLINE: Ein weiteres neues Produkt ist das seit einigen Tagen erhältliche Smartphone, das auf einem Microsoft-Betriebssystem läuft. In Europa wird der Markt für Handy-Betriebssysteme praktisch komplett von einer Firma kontrolliert - Nokia. Haben Sie da überhaupt Chancen?

Courtois: Ja, die Chancen sind gut. Derzeit sind die meisten der Meinung, dass lange Standby-Zeiten und das Design die wichtigsten Merkmale eines Handys sind. Aber in der Zukunft werden die Anwendungen darüber entscheiden, welches Gerät der Konsument kauft. Das wird genau so sein wie bei Spielkonsolen. Die Leute werden in den Laden gehen und sagen: Hey, was läuft denn da drauf? Unser Handy-Betriebssystem kann man erweitern, es bietet Softwareentwicklern viele neue Möglichkeiten. Man hat uns oft dafür kritisiert, dass wir nicht innovativ genug seien. Mit diesem Gerät sind wir jedoch im Anwendungsbereich ganz klar die Ersten am Markt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben doch mit dem xda/mda schon eine Personal-Data-Assistant-Telefonkombination auf dem Markt. Ist das jetzt die Konsumentenversion?

Courtois: Der Pocket PC ist eher ein Produkt für Geschäftskunden. Dieses neue Handy wird aber alle unsere Kundengruppen ansprechen. Für Geschäftsleute sind vor allem die Outlook-Funktionen wie E-Mail und Kalender interessant, für Privatleute die tollen Spiele.

SPIEGEL ONLINE: Welches deutsche Mobilfunkunternehmen wird das Windows-Handy verkaufen?

Courtois: Wir verhandeln noch, aber mindestens ein deutscher Mobilfunker wird ein Gerät mit unserem Betriebssystem anbieten - innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate. Auch mit verschiedenen Geräteherstellern in Europa verhandeln wir wegen weiterer Modelle.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie denn, dass es in Europa noch Nachfrage für Handys gibt? Der Markt gilt doch als weitgehend gesättigt.

Microsoft Smartphone: "Die Chancen sind gut"

Microsoft Smartphone: "Die Chancen sind gut"

Courtois: Bei den PDAs haben wir vor zwei Jahren auch bei null angefangen heute haben wir mit dem Pocket PC 50 Prozent Marktanteil. Gerade weil es in Europa so ein hohes Interesse an Handys gibt, wird unser Produkt Aufmerksamkeit erregen.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen zwölf Monaten hat Microsoft viele neue Initiativen gestartet - PDAs, Handys, Spielekonsolen, Tablet PC - wo ist da die Strategie? Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich verzetteln?

Courtois: Microsoft geht das dritte Mal in seiner Geschichte eine riskante Wette ein. Bill Gates spricht vom "digitalen Jahrzehnt", in dem sich all diese verschiedenen Geräte vernetzen werden.

SPIEGEL ONLINE: Soll jedes Gerät, das in der kommenden, mobilen Welt Daten verarbeitet, mit Windows laufen? Ist das Ihr Ziel?

Courtois: Nein, das ist es nicht, was wir sagen. Wir versuchen zu zeigen, wie das digitale Jahrzehnt aussehen könnte. Dadurch wollen wir Innovation vorantreiben. Wenn man sich anschaut, wie sich etwa die Telekommunikationsindustrie derzeit verändert, dann merken Sie, dass es vor allem um Software geht. Folglich engagieren wir uns vor allem im Handybereich - dem vom den Stückzahlen her größten IT-Markt der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Das US-Kartellverfahren ist beigelegt, aber es läuft noch ein von EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti initiiertes Verfahren gegen Ihr Unternehmen. Wie sind Ihre Erwartungen?

Courtois: Wir haben uns entschieden, unsere Verantwortung als Unternehmen weltweit noch stärker wahrzunehmen. Wir sind bereit, wieder in die Diskussion mit der EU einzusteigen. Ich glaube, es ist jetzt Zeit, zu einer Lösung zu kommen. Allerdings möchte ich nicht über einen Zeitrahmen spekulieren. Das ist Sache der Kommission.

SPIEGEL ONLINE: Alle Ihre neuen Initiativen kosten viel Geld. Im laufenden Jahr wird Ihr Forschungsbudget weltweit um 20 Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar steigen. Übernehmen Sie sich da nicht sowohl finanziell als auch organisatorisch?

Courtois: Wenn wir jetzt nicht investieren und ein paar kühne Wetten abschließen, haben wir keine Chance, im digitalen Jahrzehnt eines der führenden Unternehmen zu sein. Das ist eine Entscheidung, die Bill Gates als Chief Software Architect getroffen hat (lacht). Er ist derjenige, der das Geld ausgibt.

Das Interview führte Thomas Hillenbrand



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