Kampf gegen Inflation EZB hebt Leitzins um 0,75 Prozentpunkte an – historischer Schritt

Zweiter Zinsschritt binnen weniger Wochen: Die Europäische Zentralbank reagiert auf die Rekordinflation und erhöht den Leitzins auf 1,25 Prozent. Eine solche Anhebung hat es seit der Euro-Bargeld-Einführung noch nicht gegeben.
EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Riesen-Zinsschritt zur Bekämpfung der Inflation

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Riesen-Zinsschritt zur Bekämpfung der Inflation

Foto:

Andreas Arnold / dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich mit dem größten Zinsschritt seit Einführung des Euro-Bargelds 2002 gegen die Rekordinflation. Die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde beschlossen, den Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, um einen Dreiviertel-Prozentpunkt auf 1,25 Prozent zu erhöhen. Zugleich stellten sie weitere Zinserhöhung in den kommenden Monaten in Aussicht.

Der Druck auf die Zentralbank hatte zuletzt deutlich zugenommen. Denn die Inflation in der Eurozone erklimmt inzwischen immer neue Höchstwerte. Im August stieg sie auf 9,1 Prozent, und ein Abklingen des Teuerungsschubs ist angesichts der Energiekrise infolge des Ukrainekriegs nicht in Sicht. Die Rate ist mittlerweile mehr als viermal so hoch wie das Inflationsziel der EZB von zwei Prozent.

Im Juli hatte die Zentralbank die Abkehr von ihrer jahrelangen Ära der Nullzinspolitik eingeleitet und dabei die Zinsen erstmals seit 2011 nach erhöht, damals um 0,5 Prozentpunkte. Für diese Septembersitzung hatte der EZB-Rat bereits frühzeitig eine weitere Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte signalisiert. Doch weil die Inflation zuletzt weiter anzog, nahm der Druck auf die Euro-Währungshüter zu, einen größeren Schritt zu beschließen. Höhere Zinsen können steigenden Teuerungsraten entgegenwirken.

Für viele Sparer ist dabei das Ende der langen Phase der Negativzinspolitik eine wichtige Nachricht. Seit Juli müssen Geschäftsbanken nicht mehr 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Viele Banken nahmen dies zum Anlass, sogenannte Verwahrentgelte für ihre Kunden abzuschaffen. Der sogenannte Einlagensatz steigt durch die aktuelle EZB-Entscheidung nun auf 0,75 Prozent.

Die EZB hatte die hohe Inflation lange als vorübergehend interpretiert und leitete deutlich später als viele andere Zentralbanken die Zinswende ein. Die US-Notenbank Fed beispielsweise hat ihre Leitzinsen bereits mehrfach nach oben geschraubt, dabei zweimal um jeweils 0,75 Prozentpunkte.

Volkswirte rechnen für die kommenden Monate mit einem weiteren Anstieg der Inflation im Euroraum über die im August erreichten 9,1 Prozent hinaus. Treiber dafür sind die steigenden Energie- und Lebensmittelpreise.

Für das gesamte laufende Jahr geht die EZB nun von einer Teuerungsrate im Euroraum von 8,1 Prozent aus – ein starker Anstieg zu ihrer Einschätzung vom Juni, als sie noch von 6,8 Prozent ausging. Im Jahr 2023 wird die Inflation dann der Prognose zufolge durchschnittlich bei 5,5 Prozent liegen, erst im Jahr 2024 würde sie demnach mit 2,3 Prozent nahe dem selbst gesteckten Ziel sein. Wirtschaftsforscher rechnen allerdings damit, dass die Inflation in Deutschland deutlich über diese Werte steigen wird – das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW Kiel) prognostiziert eine Teuerungsrate von durchschnittlich 8,7 Prozent, das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) gar 9,5 Prozent.

Für immer mehr Menschen werde die hohe Inflation zu einer enormen Belastung, sagte Bundesbankpräsident Joachim Nagel jüngst. Nagel, der im EZB-Rat über die Geldpolitik mitentscheidet, sprach sich für eine »kräftige Zinsanhebung« im September aus und sagte: »Und in den folgenden Monaten ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen.« Die Geldpolitik müsse die hohe Teuerung entschlossen bekämpfen.

Zugleich gibt es unter Währungshütern Sorge, mit einer zu schnellen Normalisierung der zuvor jahrelang ultralockeren Geldpolitik die Konjunktur zu bremsen, die ohnehin mit Lieferengpässen und den Folgen des Ukrainekriegs etwa auf dem Energiemarkt zu schaffen hat. Die EZB behält sich daher vor, über Anleihenkäufe hoch verschuldeten Eurostaaten zu helfen.

mik/fdi/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.