Was wurde aus der »Ever Given«? Ägyptens Milliardenpfand

Vor fünf Wochen blockierte der riesige Containerfrachter den Suezkanal. Noch immer hat er die Zone nicht verlassen: Die ägyptischen Behörden haben ihn festgesetzt. Mitsamt Containern und Crew.
Die »Ever Given« im Großen Bittersee

Die »Ever Given« im Großen Bittersee

Foto: Mohamed Elshahed / AP

Jetzt steckt die »Ever Given« zum zweiten Mal im Suezkanal fest. Diesmal aber nicht quer in einem engen Kanalabschnitt, sondern im kilometerbreiten Großen Bittersee zwischen dem nördlichen und dem südlichen Kanalteil.

Sie blockiert nicht mehr den Schiffsverkehr durch das Nadelöhr der globalen Handelsschifffahrt. Ja, sie könnte mit ihrer 25-köpfigen Besatzung laut der Betreibergesellschaft sogar aus eigener Kraft weiterfahren: gen Rotterdam, um die rund 18.000 Container an Bord endlich bei ihrem Zielhafen abzuliefern.

Aber sie darf nicht.

Kleiner Bagger, großes Schiff: Allein für die Bergungsarbeiten soll die Suezkanal-Behörde von den »Ever Given«-Eigentümern 300 Millionen Dollar verlangen

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Foto: - / dpa

Seit dem 29. März ankert die »Ever Given« im Großen Bittersee. An jenem Montag vor vier Wochen wurde der 400 Meter lange Containerfrachter herausmanövriert aus dem südlichen Kanalabschnitt. Den hatte die »Ever Given« sechs Tage lang versperrt – und so einen Megastau von rund 400 Schiffen verursacht. Manche davon erreichen erst dieser Tage ihre Zielhäfen in Europa oder Fernost.

Ägypten fordert 916 Millionen Dollar

Die Blockade hat sich aufgelöst. Nicht aber der Streit über den Schadensersatz, den die »Ever Given«-Eigentümer nun leisten sollen.

916 Millionen US-Dollar fordert Ägyptens Suezkanal-Behörde von der japanischen Gesellschaft Shoei Kisen und deren Tochterunternehmen Luster Maritime aus Panama – je fast ein Drittel davon allein für die aufwendige Bergung und für Rufschädigung. Laut der Nachrichtenagentur Reuters sollen die Schiffseigner aber nur 100 Millionen Dollar geboten haben; Shoei Kisen äußert sich nicht dazu.

Befreiung der »Ever Given« am 23. März: Wegen der Blockade standen mehr als 400 Schiffe vor dem Suezkanal im Stau

Befreiung der »Ever Given« am 23. März: Wegen der Blockade standen mehr als 400 Schiffe vor dem Suezkanal im Stau

Foto: - / AFP

Und so haben die Ägypter als Pfand die »Ever Given« beschlagnahmt. Mitsamt den rund 18.000 Containern. Auch die Crew wurde festgesetzt: Nur zwei Männer durften aufgrund akuter Notfälle von Bord.

Der Beschluss, das Schiff zu arretieren, sei »extrem enttäuschend«, klagt Ian Beveridge, Chef der für das Schiffsmanagement zuständigen Hamburger Reederei Bernhard Schulte Shipmanagement (BSM). Der Zwischenfall habe keine Umweltschäden verursacht. Und: Man habe von Anfang an bei der Aufklärung des Unglücks mit den Behörden kooperiert.

Containerstapel als Windfang

Laut BSM sollen umfassende Untersuchungen gezeigt haben, dass weder ein mechanischer Defekt noch ein Antriebsproblem den Zwischenfall verursacht hat. Die »Ever Given« hatte sich am 23. März bei starkem Wind im Kanal quergestellt und war auf Grund gelaufen.

Über den Auslöser ranken sich Spekulationen. Möglicherweise könnten die Tausenden teils Dutzende Meter hoch aufragenden Container an Bord ähnlich wie ein Segel vom Wind erfasst worden sein – und so dazu beigetragen haben, dass der Kapitän die Kontrolle verlor.

Rund 18.000 Container hat die »Ever Given« geladen

Rund 18.000 Container hat die »Ever Given« geladen

Foto: MOHAMED ABD EL GHANY / REUTERS

Die tatsächliche Unglücksursache steht aber noch nicht offiziell fest. Das erschwert eine Einigung im Streit um den Schadensersatz.

Vor allem für die Eigentümer drängt die Zeit. Sie können ihr Schiff nicht nutzen – und müssen sich mit den Kunden auseinandersetzen, die ihre Fracht endlich haben wollen.

Wohl auch deswegen suchen sie nun ihr Glück vor Gericht. Die Eigentümer hätten Einspruch gegen die Beschlagnahmung von Schiff und Fracht durch die ägyptischen Behörden eingelegt, teilt das Versicherungsunternehmen UK P&I mit, das für Shoei Kisen arbeitet.

Eine Anhörung im Berufungsverfahren bei dem Gericht im ägyptischen Ismailia soll laut P&I am 4. Mai stattfinden. Allerdings könnte sich der Prozess womöglich wochen- oder monatelang hinziehen. Und dass sich die ägyptischen Richter am Ende gegen die nationale Suezkanal-Behörde stellen, ist ganz und gar nicht ausgemacht.

Vier Jahre auf dem Frachter gefangen

Daher müssen die 25 Seeleute auf der »Ever Given« wohl noch weiter ausharren. Die Männer, allesamt Inder, sind seit nunmehr sechs Wochen ununterbrochen an Bord. Ägyptens Behörden dürften sie nicht »wie Geiseln« behandeln, fordert die indische Seefahrergewerkschaft AISU.

Ihre Gefangenschaft könnte noch viel länger dauern. Vor der südlichen Einfahrt des Suezkanals, keine hundert Kilometer entfernt von der »Ever Given«, ankert die »MV Aman« – seit Juli 2017. Damals setzten Ägyptens Behörden den bahrainischen Frachter in einem Streit über Sicherheitsausrüstung und Treibstoffrechnungen fest. Ein Gericht bestellte den Ersten Offizier Mohammed Aisha zum rechtlich Verantwortlichen für die »MV Aman«.

Mohammed Aisha durfte die »MV Aman« erst an diesem Freitag verlassen. Nach monatelangem Kampf der Internationalen Transportarbeiter-Gewerkschaft. Und fast vier Jahren auf dem Frachter.

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