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Ewiges Wachstum?

Die bundesdeutsche Wirtschaft blüht, vier Prozent Produktions-Plus sind in diesem Jahr drin. Ist die immerwährende Prosperität ausgebrochen, sind Rezessionen abgeschafft? Sieben Jahre währt der Aufschwung, und ein Ende dieser Rekord-Konjunktur zeichnet sich nicht ab. Die Grenzen im Westen und im Osten Europas fallen - Signale für weitere Wachstums-Feste.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Eberhard von Kuenheim, seit 20 Jahren im Autogeschäft, hatte sich an das Auf und Ab in seinem Gewerbe gewöhnt. Die Autoverkäufe, so erlebte es der BMW-Chef, fielen mal großartig, mal grauenvoll aus, je nachdem, wie sich die Wirtschaft gerade entwickelte.

Ein derart mit regelmäßigen Wirtschaftsumschwüngen vertrauter Manager hat es gegenwärtig schwer, die Welt zu verstehen. Nicht nur BMW, die gesamte deutsche Autoindustrie läuft im sechsten Jahr hintereinander wie geschmiert. 2,8 Millionen Personenwagen wurden 1989 in der Bundesrepublik zugelassen, in diesem Jahr werden es nicht weniger sein.

Eberhard von Kuenheim kann es kaum fassen: »Das grenzt fast an ein Wunder.«

Abschwung, Konjunkturtief, Rezession - die Vokabeln klingen wie aus einem anderen Jahrhundert. Die Launen der Konjunktur, unter denen die Bundesrepublik wie andere Staaten so oft leiden mußte, scheinen abgeschafft. Es geht nicht mehr abwärts, nur noch aufwärts.

Seit 1983 fiel das bundesdeutsche Bruttosozialprodukt in keinem Jahr mehr zurück. Jedes Jahr kam bei den verkauften Waren und den Dienstleistungen etwas drauf. 1988 waren dies erstaunliche 3,6 Prozent, im vergangenen Jahr vier und in diesem Jahr wohl wieder vier Prozent.

Nie zuvor erlebten die Industriestaaten gleichzeitig einen so langen Aufschwung. Und kein Land wird von der Konjunktursonne, die über allen entwickelten Staaten scheint, so verwöhnt wie die Bundesrepublik.

Einen Rekordüberschuß von 148 Milliarden Mark erzielten die Westdeutschen vergangenes Jahr im Außenhandel; um diesen Betrag wurde mehr ausals eingeführt (siehe Grafik).

Neue Zahlen in diesem Jahr, neue Rekorde: Noch in keinem Monat zuvor exportierte die Bundesrepublik mehr Waren als im März, errechnete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden (60,95 Milliarden Mark).

Von einem Super-Jahr zum nächsten eilt nicht nur die Autoindustrie. Die Maschinenbauer haben mehr Aufträge, als sie bewältigen können. Die Elektrokonjunktur läuft, freut sich ein Branchensprecher, »so gut wie selten zuvor«. Die Bauwirtschaft vermeldet »zweistellige Zuwachsraten«. Die Investitionsgüterproduzenten insgesamt erwarten eine »glänzende Konjunkturzukunft«. Selbst der Stahlindustrie - zuvor über Jahre als absterbende Branche im Gerede - geht es wieder prima. Ob Erdöl oder Aluminium, alles wird mehr denn je gekauft.

Sinnfragen sind bei Siegesfeiern verpönt. Überholt und vergessen scheinen die kritischen Ansätze früherer Jahre zu den »Grenzen des Wachstums«, keine Debatten mehr über »qualitatives« contra »quantitatives« Wirtschaften. Die ökologischen und sozialen Probleme des immerwährenden Wachstums sind zwar nicht gelöst, aber erfolgreich verdrängt.

Der Chef des Münchner Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts, Karl Heinrich Oppenländer, formuliert den neuen Zeitgeist: »Wirtschaftliches Wachstum repräsentiert unsere Wirtschaftsordnung.«

Die Ära des Wirtschaftspessimismus ist offenbar überwunden. Nicht wiederholbar schienen Anfang der Achtziger, nach Ausbruch der zweiten Ölkrise, jene Wachstumsperioden, die das Land in den fünfziger und sechziger Jahren erlebte. Viele Absatzmärkte galten als gesättigt, die Konsumenten mit Autos, Kühlschränken und Hi-Fi-Türmen versorgt, das Kapital schien risikoscheu.

Immer kürzer und flacher würden die Phasen der Hochkonjunktur, prophezeiten Wirtschaftsgurus, immer heftiger und folgenschwerer die Krisen des Kapitalismus. Europa habe seine ökonomische Zukunft hinter sich: Eurosklerose hieß die Diagnose.

Alles falscher Alarm? Die kapitalistische Welt hat nicht nur das real-sozialistische Gegenmodell ein für allemal aus dem Feld geschlagen. Es sieht so aus, als sei sie zugleich über ihre eigenen ökonomischen Schatten gesprungen. Alles scheint widerlegt oder unbegründet - die Thesen vom dauerhaften Fall der Profitraten, die Sorgen vor Überproduktionskrisen, die Erwartungen vom Niedergang der europäischen und nordamerikanischen Industriezentren. Erfüllt sich der alte Traum der Wirtschaftspolitik: kein Auf- und Abschwung mehr, Konjunktur ohne Krise?

Rezessionen, tönte der frühere Chefökonom des Weißen Hauses in Washington, Herbert Stein, seien allein Folgen einer schlechten Wirtschaftspolitik, also prinzipiell vermeidbar. Die lange Phase von Wachstum und Prosperität wäre mithin ein Erfolg der Wirtschaftspolitik in den Achtzigern, der Reaganomics in den USA, der Wende-Regierung in Bonn.

Unstreitig hat die neokonservative Wirtschaftspolitik der sogenannten Angebotslehre, die im Laufe der achtziger Jahre in fast allen Industrieländern Anhänger gewann, einige Wachstumsbarrieren weggeräumt. Steuern wurden allenthalben gesenkt, staatliche Vorschriften beseitigt.

Die neue Wirtschaftsdoktrin mag die Industrie zuversichtlich gestimmt und das Investitionsklima belebt haben. Den Super-Boom kann die Lehre sich dennoch nicht voll zuschreiben: Der lief in einigen Ländern schon an, als die Konservativen erst begannen, Steuern zu senken und Märkte zu liberalisieren.

Nirgends ist ein direkter Zusammenhang zwischen den neuen ökonomischen Heilslehren und dem Wachstumserfolg zu erkennen. Im Gegenteil: In Staaten, in denen besonders konsequent umgestellt wurde, in Großbritannien etwa, ist das Ergebnis im Maßstab aller Industrieländer eher schlechter.

Die Wirtschaftsforscher suchen denn auch ganz andere Erklärungen für die außergewöhnliche Hoch-Zeit der Weltwirtschaft. Tiefgreifende Verschiebungen in den fortgeschrittenen Industriestaaten, so die derzeit herrschende Lehre, dämpften die Konjunkturzyklen, flachten die Krisentäler ab.

Der Dienstleistungssektor, der nicht so anfällig für Schwächeperioden ist wie die Industrie, hat in den modernen Volkswirtschaften ein immer größeres Gewicht bekommen. In der Industrie sorgt eine ganz spezielle Entwicklung dafür, daß ein leichter Rückgang der Nachfrage nicht mehr zu einem starken Einbruch führt.

In der Vergangenheit hielten sich viele Unternehmen große Vorratslager. Wenn der Absatz mal nicht richtig lief, konnten die Firmen lange von den Vorräten zehren und strichen deshalb erst mal die Aufträge bei den Zulieferern. Bei denen sackte die Produktion dann schlagartig ab.

Inzwischen haben viele Unternehmen kaum noch Lager. Sie rufen die Vorprodukte je nach Bedarf direkt beim Lieferanten ab. Deren Produktion schwankt dadurch zwar ständig leicht, die großen Einbrüche aber bleiben den Firmen erspart.

Schwerer noch als solche Langfrist-Trends scheinen ökonomische Glücksfälle zu wiegen, die gleich serienweise auftraten.

Die wirtschaftliche Einigung des alten Kontinents unter dem Signet Europa '92 war als gewaltiges Wachstumsprogramm für den alten Kontinent gedacht. Und genauso wirkt es auch. Die europäischen Firmen wappnen sich für den freien EG-Binnenmarkt und investieren gewaltige Summen in modernere und größere Fabrikationen.

Dazu kommt: Neue Technologien, etwa in der Kommunikation und in der Datenverarbeitung, zwingen Betriebe dazu, die alten Geräte rauszuschmeißen, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Und schließlich hat die Liberalisierungswelle im Osten die Aussicht auf einen gigantischen Absatzmarkt eröffnet.

»Die positiven strukturellen Faktoren überlappen sich derzeit«, befindet Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank.

Das muß und wird nicht auf Dauer so bleiben. Immer wieder dachten Ökonomen und Wirtschaftspolitiker in der Vergangenheit, sie hätten das Rezept für den ewigen Aufschwung gefunden, zuletzt in den Sechzigern, als das Global- und Feinsteuerungskonzept nach dem Modell des ökonomischen Vordenkers John Maynard Keynes Verbreitung fand. Doch stets kam die nächste Krise.

Von diesen Aussichten läßt sich niemand gern die Freude am Daueraufschwung verderben, zumal sich bislang keine Indizien für die Wende nach unten abzeichnen. Mit immerwährendem Wachstum scheint alles machbar, alles bezahlbar, selbst das Abenteuer der deutschen Vereinigung.

»Die ungebrochene Dynamik der westdeutschen Wirtschaft« garantiere, so Wirtschaftsminister Helmut Haussmann (FDP), »einen unbelasteten Weg zur Wirtschafts- und Währungsunion«. Sein CSU-Kollege Theo Waigel prophezeit frohgemut »ganz Deutschland« einen »Wohlstand für alle«.

Wirtschaftliches Wachstum verheißt die Lösung aller Probleme. Wo zusätzlicher Ertrag verteilt werden kann, muß niemand seine Ansprüche zurückschrauben; wenn es dem einen immer besser geht, fällt auch für den anderen etwas ab.

Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, neue Hochschulen und breitere Autobahnen, selbst die Milliarden verschlingende Grundrenovierung der kaputten DDR - alles ist zu haben, solange die Konjunktur nur so schön weiterläuft.

Alles, wirklich alles? Gewiß nicht, gewichtige Probleme bleiben, verschärfen sich mit jedem Wachstumsprozent.

Die nunmehr sieben Jahre währende Superkonjunktur hat die hohe Arbeitslosigkeit nur wenig verringern können. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger ist, wie die der Obdachlosen, drastisch gestiegen. Immer mehr Menschen, die das Tempo der Produktionsmaschinerie nicht mehr mitgehen können, werden aus dem unbarmherzigen Apparat vorzeitig als Frühinvaliden ausgemustert.

Und international: Die Ungleichgewichte in den Zahlungsbilanzen dauern an, trotz des Booms aller Industrieländer. Die weltweiten Schuldenprobleme sind nicht beseitigt. Der Abstand zwischen den reichen Nord-Staaten und der armen Restwelt wird ständig größer.

Die sozialen Verzerrungen sind nicht beseitigt, die ökologische Folgelast des neuzeitlichen Konjunktur-Wunders wiegt zunehmend schwerer. Wachstum bedeutet höheren Ressourcenverbrauch und mehr Umweltbelastung. Die umjubelten Plus-Zahlen der Ökonomien finden in den Negativ-Bilanzen der Ökologien ihren Niederschlag: mehr Schadstoffe, mehr Energieverbrauch, mehr Abwärme, mehr Abfall.

Daß mehr wirtschaftliches Wachstum nötig sei, um die Umweltprobleme zu bewältigen, ist ein Märchen. Mit jeder Mehr-Produktion wächst der Verbrauch von Energie, wenn auch vielleicht nicht mehr im gleichen Ausmaß.

Ein größerer Einsatz fossiler Energieträger wie Öl oder Kohle ist unvermeidlich mit der Freisetzung von Kohlendioxid verbunden; immer zielstrebiger bewegt sich die Industriegesellschaft auf die Klimakatastrophe zu. Sicher, Atomenergie trägt nicht dazu bei, die Erde in ein Treibhaus zu verwandeln. Doch Atomenergie kann, wenn die Sicherungen durchbrennen, ganze Länder unbewohnbar machen; und sie belastet, in jedem Fall, die Erde für unendliche Zeiträume mit radioaktiven Rückständen.

Wirtschaftliches Wachstum mag vorübergehend die Lösung einzelner Umweltprobleme erleichtern, weil genügend Geld bereitliegt. Doch das Mehr an Gütern und Diensten schafft immer neue Belastungen. Der Schadstoffausstoß des einzelnen Autos mag bei jeder neuen Serie relativ sinken. Wenn aber immer mehr Fahrzeuge immer mehr Kilometer fahren, wächst der Ausstoß absolut kräftig an. Aus dem vermeintlich umweltfreundlichen Auto wird ein Umweltkiller.

Die üblichen Relativzahlen verniedlichen das Ausmaß der Gütermengen, die bei den wunderschönen Wachstumsprozenten angehäufelt werden. Um fast 140 Milliarden Mark im Jahr legte das bundesdeutsche Sozialprodukt 1989 zu. Die Milliarden lassen sich umrechnen zu 100 Millionen neuer Waschmaschinen oder Fernsehgeräte.

Die Menge, die in der Bundesrepublik jährlich mehr geschaffen wird, jene gerühmten vier Prozent, ist etwa so groß wie das, was in kleineren Ländern, etwa der Türkei, insgesamt erwirtschaftet wird.

Wie lange wird dieses fröhlich-gefährliche Wachtumsfest noch weitergehen? Wird nun - mit Europa '92, mit der kapitalistischen Aufbereitung des Ostens, mit einem immer schärferen globalen Kampf um die Plätze - die Konjunktur-Party erst richtig losgehen? Auszuschließen ist dies nicht.

Die Zukunftsgucker tun sich schwer mit ihren Voraussagen. Optimisten wie Norbert Walter von der Deutschen Bank, sehen keinerlei Anzeichen einer Krise. »Die Blutzufuhr von jungen, dynamischen Leuten aus dem Osten auf unsere Arbeitsmärkte«, die Ausweitung der Absatzmärkte innerhalb der EG wie nach Osten (Walter: »Unser Turf") stellten ein ausreichendes Wachstum wenigstens bis zur Mitte der neunziger Jahre sicher.

Eberhard von Kuenheim, von Natur aus zwar ebenfalls Optimist, mag die Aufschwungsbegeisterung nicht teilen. Daß die Wirtschaft sich nur noch nach oben entwickelt, daß es auf absehbare Zukunft keine Rezession mehr geben soll - dies ist für den BMW-Lenker kaum vorstellbar.

Für von Kuenheim wird dem Aufwärts ein Abwärts folgen. Eine solch lange Hochkonjunktur habe »es niemals zuvor gegeben«, sinnierte der Automanager, als er Anfang Mai seine stolze Bilanz vorstellte. Und dann fügte er an: »Richten wir uns also auch einmal auf einen Rückgang ein!«

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