Ex-Deutschbanker Fischer Florettfechten mit Ecclestone

Man hatte ihm den Chefsessel der Deutschen Bank zugetraut. Doch im Machtkampf mit Josef Ackermann zog der Ex-Boxer Thomas Fischer den Kürzeren. Nun versucht er sich im Formel-1-Zirkus.

Von Carsten Matthäus


Thomas Fischer: Dem Konformitätsdruck entzogen
[M] DPA;SPIEGEL ONLINE

Thomas Fischer: Dem Konformitätsdruck entzogen

Frankfurt am Main - Mit einer Bemerkung in einem Interview hat Thomas Fischer eigentlich schon die beste Charakterisierung seiner Persönlichkeit geliefert: "Ich genieße sehr das Privileg, mich individuell sehr persönlich artikulieren zu können. Das enthebt mich der Mühe, den Konformitätsdruck einer Gruppe akzeptieren zu müssen." Eigentlich war das eine Antwort auf die eher scherzhafte Frage, ob der ehemalige Deutsche-Bank-Vorstand nicht der globalisierungskritischen Bewegung Attac beitreten wolle.

Die Unlust, sich irgendwelchen Gruppenzwängen zu beugen, hat Fischer bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Immer wieder leistet er sich den Luxus, sich "sehr persönlich zu artikulieren" – ohne Rücksicht auf Verluste. Den ersten Knaller lieferte der "exzellente Banker" ("Börsen-Zeitung") Ende 1998 als Chef der Landesgirokasse (LG) in Stuttgart. Gerade hatte er die Fusion mit der Südwestdeutschen Landesbank und der Landeskreditbank Baden-Württemberg zur Landesbank Baden-Württemberg unter Dach und Fach gebracht, da nahm er plötzlich den Hut. Das vereinbarte Rotationsprinzip der Bankvorstände schmeckte ihm nicht, er wäre dabei nämlich erst im Jahr 2003 zum LBBW-Chef gekürt worden.

Der Geist als Waffe

Der zweite und weitaus spektakulärere Abgang kam drei Jahre später. Am 30. Januar 2002 verließ er den Vorstand der Deutschen Bank mit sofortiger Wirkung. Zuvor hatte er sich weit über das eigene Bankhaus hinaus als einer der besten Köpfe im Bereich des Risikomanagements profiliert. Von manchen Branchenkennern wurde er sogar schon als nächster Chef der größten deutschen Bank gehandelt. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" attestierte ihm einmal "einen Geist von der Schnelligkeit und Beweglichkeit eines Florettfechters". Doch diese Waffe war gegen den Schweizer Josef Ackermann offenbar nicht genug. Der jetzige Chef der Deutschen Bank setzte gegen den Willen Fischers eine neue Führungsstruktur durch. Fischer wollte den Bedeutungsverlust seines Vorstandsjobs nicht hinnehmen – und ging.

Schon eine Woche nach seinem lauten Abgang wurde kolportiert, dass Fischer bereits Angebote mehrerer internationaler Top-Banken habe: Goldman Sachs, Merrill Lynch und JP Morgan Chase wurden genannt. Doch bisher hat sich der 54-jährige Manager für keinen festen Job entschieden. Stattdessen sitzt der promovierte Ökonom in mehreren Aufsichtsräten – darunter Audi, Dekra und LTG Technologies. Als Vorsitzender des Aufsichtsrates überwacht er überdies eine der exklusivsten Vermögensverwaltungen in Deutschland, die Berlin & Co. Dieses Unternehmen hat sich eigenen Angaben zufolge auf die Betreuung "großer, komplexer Vermögen von Familien, Firmen und Stiftungen" spezialsiert. Zu den Kunden sollen laut "Börsen-Zeitung" unter anderem die Familien Piëch, Schwarzkopf und Jacobs.

"Er ist total geradeaus"

Die momentan größte Herausforderung dürfte für den ehemaligen Boxer jedoch die Formel 1 sein. Die Gläubigerbanken des gescheiterten Medienunternehmers Leo Kirch holten ihn zunächst als Berater. Fischers Aufgabe: Er soll aus der Beteiligung an der Formel-1-Betreibergesellschaft SLEC, die bisher nur viel Geld gekostet hat, doch noch ein für die Banken profitables Geschäft machen.

Wie es bei Fischer immer so ist, stieg er schnell zum wichtigsten Player auf. Seit Anfang November ist er "Chairman of the Board" der SLEC und damit der direkte Verhandlungspartner von Bernie Ecclestone. Der gewiefte Taktiker, der die Formel-1-Szene seit Jahrzehnten dominiert, hatte Kirch und dem ehemaligen EM.TV-Chef Thomas Haffa für Milliardensummen mehr als die Hälfte seiner Anteile verkauft und hält trotzdem noch alle Fäden in der Hand. Ein Bravourstück, bei dem die Deutschen ganz schön dumm da standen. Doch dass ihm mit Fischer nun kein neues deutsches Leichtgewicht gegenübersitzt, hat der Brite längst begriffen und übt sich schon einmal in Freundlichkeiten: "Er ist total geradeaus und hat dieselbe Art zu denken wie ich", sagte er dem SPIEGEL kürzlich in einem Interview.



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