Ex-Yukos-Chef Chodorkowski Mithäftling greift Ölbaron an

Der im Gefängnis sitzende russische Topmanager Michail Chodorkowski ist laut seinem Anwalt bei einer nächtlichen Attacke mit einem Messer verwundet worden. Er musste ins Krankenhaus. Die Gefängnisverwaltung sprach von einem Kratzer.


Berlin - Chodorkowski sei in der Nacht von Donnerstag auf Freitag von einem anderen Häftling mit einem selbstgemachten Messer angegriffen und im Gesicht verwundet worden, teilte sein Anwalt Juri Schmidt heute mit. Er habe geschlafen und sei mit blutigem Gesicht aufgewacht. Die Wunde musste genäht werden. Der 42-Jährige ist weiterhin in der Krankenabteilung des Gefängnisses im sibirischen Krasnokamensk.

Michail Chodorkowski: Kratzer oder Stichwunde?
AP

Michail Chodorkowski: Kratzer oder Stichwunde?

Die Gefängnisverwaltung spielte den Vorfall herunter. Bei einem Streit habe Chodorkowski einige Kratzer an der Nase bekommen, zitiert die russische Nachrichtenagentur Interfax. Der Direktor der russischen Vollzugsbehörden sagte, Chodorkowski habe sich um drei Uhr morgens mit einem befreundeten jungen Mithäftling geprügelt. Der Mann habe Chodorkowski auf die Nase geschlagen, von tiefen Wunden könne keine Rede sein.

Anwalt Schmidt warf den Behörden Vertuschung vor. Sie ließen nicht erkennen, dass sie den Angriff ahnden wollten. Dies zeige, dass Chodorkowski entgegen öffentlicher Beteuerungen "weniger Rechte als andere gewöhnliche Gefangene" habe. Chodorkowski wurde wegen Verstoßes gegen Gefängnisregeln bislang zwei Mal unter Einzelhaft gestellt: Einmal wegen des Besitzes von Dokumenten über die Rechte von Häftlingen, das zweite Mal wegen Teetrinkens an einem unerlaubten Ort.

Chodorkowski, Gründer des russischen Ölkonzerns Yukos und einst reichster Mann Russlands, sitzt in Sibirien eine achtjährige Haftstrafe ab. Er wurde im Mai 2005 wegen Steuerhinterziehung und Betrug verurteilt. Prozess und Urteil galten im Westen als politisch motiviert: Der Kreml wollte Chodorkowski für seine politischen Ambitionen bestrafen und die Ölindustrie unter seine Kontrolle bringen. Analysten rechnen damit, dass das inzwischen bankrotte Unternehmen Yukos bald von seinem Hauptgläubiger, der Staatsfirma Rosneft, geschluckt wird.

cvo/ap/dpa/reuters



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