Zur Ausgabe
Artikel 50 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

REICHTUM Extrawurst für Schumi?

Mit Privilegien locken Schweizer Gemeinden Formel-1-Star Michael Schumacher. Die bevorzugte Behandlung des Multimillionärs stößt auf Widerstand.
Von Jan Dirk Herbermann
aus DER SPIEGEL 32/2001

An den Besuch des Weltmeisters erinnert sich die Luzerner Bauersfrau noch heute mit Wut: »Es war im letzten Februar. Ich schaute aus dem Fenster in den Hof und dachte, mein Gott, dass ist doch der Michael Schumacher.« Die Landwirtin, die ihren Namen aus Furcht vor Ärger nicht nennen will, fühlte sich »einfach total überrumpelt«.

Tatsächlich wusste weder sie noch ihr Mann, dass der deutsche Multimillionär ihren Hof im Visier hatte. Vom Leiter der regionalen Wirtschaftsförderung erfuhren die Eltern von fünf Kindern nur, »ein Prominenter« käme mal vorbei.

Der Rennfahrer und seine Frau Corinna waren von dem schmucken Anwesen mit Traumblick auf den Sempacher See und in die Alpen schließlich so angetan, dass sie es erwerben wollten.

Doch Schumi war an die Falschen geraten. »Der kann sein Geld behalten«, schimpft die Bäuerin. »Nach 35 Jahren wollen wir unsere Heimat doch nicht verkaufen.« Inzwischen haben die Luzerner Gemeinde Nottwil und ihr rühriger Bürgermeister Robert Arnold eine andere spektakuläre Liegenschaft, die Tannenfels-Matte, für den Topverdiener der Formel 1 reserviert.

Seitdem bekannt ist, dass Michael Schumacher nach einer neuen Bleibe für sich und seine Familie Ausschau hält, ist ein erbitterter Wettkampf um die Gunst und das Geld des Steuerflüchtlings ausgebrochen: Mit allerlei Privilegien versuchen mehrere Gemeinden den Star zu ködern. Noch lässt Schumacher die Bewerber zappeln. Wann er seinen derzeitigen Wohnort Vufflens am Genfer See verlässt, ist unklar.

Doch die Emsigkeit der Behörden stößt mittlerweile auf Widerstand. Unter einflussreichen Politikern des Kantons Luzern wächst die Empörung.

»Die Sonderbehandlung durch unsere Behörden für einen ausländischen Millionär, dem geholfen wird, noch reicher zu werden, ist einfach skandalös«, erklärt Odilo Abgottspon, der Fraktionschef der Sozialdemokraten (SP) im Luzerner Parlament. Nach der Sommerpause will die SP prüfen, ob der Fall Schumacher in der Volksvertretung zur Sprache kommen soll. Heftiges Stirnrunzeln löst vor allem die eigens für Schumacher gegründete Task-Force aus. Das vierköpfige Team legt sich seit einem halben Jahr mächtig ins Zeug, um dem Ferrari-Piloten einen Wechsel nach Nottwil schmackhaft zu machen.

Ganz vorn dabei ist der Leiter der Luzerner Fachstelle für Wirtschaftsfragen, Alois Amstad. Eigentlich ist es seine Aufgabe, »Unternehmen in der Region anzusiedeln«. Dass er jetzt dem Privatmann Schumacher zu einem Platz fürs schöner Wohnen verhilft, ist für Amstad selbst kein größeres Problem: »Das tut unserem Kanton nur gut.«

Deshalb drängt die Task-Force auf eine exklusive Landeerlaubnis für Schumis Privatjet auf dem nahe gelegenen Emmener Militärflugplatz. Dieses Luxus-Privileg muss vom nationalen Verteidigungsministerium genehmigt werden. Auch ob Schumis aufwendige Baupläne Billigung finden, ist noch unsicher. Denn Gattin Corinna besteht auf geräumigen Stallungen für ihre sehnlich gewünschte eigene Pferdezucht.

Dafür müsste das reservierte Grundstück auf der Tannenfels-Matte »umgezont« werden: Aus der jetzigen Landwirtschaftszone würde eine Sonderzone. Für diese Art von Flexibilität ist eine Mehrheit in der Gemeindeversammlung erforderlich. Die unmittelbar betroffenen Anwohner können jederzeit gegen die Errichtung der Schumacher-Residenz Einspruch erheben und den Bau zumindest verzögern.

Schon gärt es in der potenziellen Nachbarschaft des Superstars. Vor allem der drohende Ansturm übermütiger Ferraristi macht den Einheimischen Sorgen. Sie fürchten, er würde die Idylle am Fuß der Alpen nachhaltig zerstören.

Auch die individuelle Besteuerung, die eigens für Schumacher ausgehandelt werden soll, löst Unmut aus: »Es ist ein Affront, wenn sich die Behörden exklusiv für die Belange eines Multimillionärs einsetzen«, ärgert sich Louis Schelbert, grüner Abgeordneter und Steuerexperte.

Superreiche Ausländer wie der Kerpener finden in der Regel verständnisvolle Beamte in der Eidgenossenschaft: Jenseits der normalen Steuergesetze für den Schweizer Bürger werden individuelle Abkommen getroffen.

Zwar kassieren die Ämter nicht so viele Franken wie bei einer regulären Veranlagung, aber immerhin fällt eine erkleckliche Summe an, argumentieren die Behörden. So bezahlt Schumacher nach nicht dementierten Berichten in Vufflens seine Steuer quasi aus der Portokasse. Nur rund 1,8 Millionen Franken soll er demnach an die Gemeinde abführen. Schumis Vermögen liegt bei einer geschätzten halben Milliarde Franken, sein jährliches Einkommen bei mehr als 100 Millionen Franken, umgerechnet knapp 130 Millionen Mark.

Wenn der Formel-1-Star wirklich nach Nottwil kommt, weiß man es genauer. Einmal im Jahr liegt bei der Gemeindeverwaltung das Steuerregister aus. Jeder kann dann nachlesen, was der Nachbar verdient und was er auf dem Konto hat.

JAN DIRK HERBERMANN

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.