Erste EZB-Sitzung von Christine Lagarde Ideologisch flexibel - und ziemlich gut gelaunt

Erstmals seit ihrem Amtsantritt muss die neue EZB-Chefin Christine Lagarde die Beschlüsse der Notenbank verkünden. Ihr Auftritt gerät ungewohnt lebendig. Und sie würzt ihn mit einer Spitze gegen ihren Vorgänger.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Foto: Michael Probst / AP

Gleich zu Beginn ihrer ersten Pressekonferenz als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) macht Christine Lagarde deutlich, dass mit ihr eine neue Zeitrechnung beginnt.

Nach einleitenden Anmerkungen zu den aktuellen Beschlüssen des EZB-Rats - in Kurzform: alles bleibt beim Alten, die wirtschaftlichen Aussichten der Eurozone sind nicht rosig, aber etwas besser als zuletzt - legt die Französin ihr schriftlich verfasstes Statement beiseite und hebt die Stimme: "Bevor ich Ihre Fragen beantworte, lassen Sie mich zwei Dinge klarstellen: Ich habe meinen eigenen Still, der womöglich anders ist", sagt Lagarde und gestikuliert dabei; nicht ausschweifend, aber doch spürbar mehr als ihr oftmals allzu stoischer Vorgänger Mario Draghi.

Zudem, so Lagarde, habe sie in ihren Eingangsbemerkungen mit voller Absicht nichts dazu gesagt, dass sie die geldpolitische Strategie der EZB überprüfen will. Diese "Strategic Review" soll den Pfad legen für ihre Amtszeit und könnte das EZB-Inflationsziel von derzeit rund zwei Prozent neu fixieren.

Zu dieser neuen Strategie jedenfalls habe sie gerade absichtlich geschwiegen, sagt Lagarde, aber jetzt könne sie gern etwas dazu sagen. "Soll ich?", grinste sie in die Runde, erntet ein paar Lacher, und beschließt dann: "OK!" Schließlich weiß sie, dass das, was für Laien vielleicht nach Haarspalterei klingt, in Wahrheit fundamental ist für die Zukunft der EZB.

Wirklich viel verrät sie zwar letztlich noch nicht: die Strategieberatungen sollen im Januar beginnen und gegen Jahresende abgeschlossen sein. Aber die Botschaft dieses Auftritts ist klar: es wird künftig an der Spitze der EZB anders zugehen als unter Draghi. Lebendiger.

Draghis schweres Erbe

Der Italiener hatte die Eurozone durch die Krise gelotst, mit Niedrig- und Minuszinsen sowie gigantischen Aufkäufen von Staats- und Unternehmensanleihen neue Maßstäbe gesetzt und sich in Deutschland den Zorn der Sparer und einiger Kommentatoren zugezogen, letztlich aber den Währungsraum zusammengehalten und, über den Umweg niedriger Zinsen , für Wachstum und Beschäftigung gesorgt.

Dabei hatte er oftmals mehr oder minder im Alleingang die Geldpolitik bestimmt und echte inhaltliche Debatten im Rat geschickt unterbunden. Im September hatte er sich den gesteigerten Zorn vieler Kollegen zugezogen, indem er gegen heftige Widerstände das bereits beendete Anleihekaufprogramm reanimierte. Der Riss ging quer durch den Rat und Europa.

An Lagarde ist es nun, diesen Riss zu kitten, im Rahmen der Strategieüberprüfung neue Akzente zu setzen und die im Rat versammelten nationalen Zentralbankchefs miteinander zu versöhnen. Bundesbankpräsident Jens Weidmann jedenfalls steht mit seiner Kritik am Kurs der lockeren Geldpolitik nicht mehr alleine da.

Kommunikation als wichtigstes Herrschaftsmittel

Lagardes Agenda ist klar. Sie versteht sich als prima inter pares, nicht als Spalterin. Sie ist Ideologisch flexibel - was die Suche nach Ausgleich erleichtern dürfte. Mit der üblichen Einteilung in geldpolitische Falken, die eher für hohe Zinsen stimmen, und Tauben, die eine eher lockere Geldpolitik propagieren, kann Lagarde wenig anfangen.

"Ein für allemal: Ich bin weder Taube noch Falke, sondern Eule, denn die gelten als weise", sagt sie. "Und ich bin nicht übermäßig eitel, aber ich will, dass mein Team gut zusammenarbeitet."

Kommunikation ist ihr wichtigstes Herrschaftsmittel. Das hat die Ex-Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) klar gemacht, seit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sie als EZB-Präsidentin positioniert hat. Sie will alle mitnehmen, die die Geldpolitik der EZB betrifft. "Deshalb", so Lagarde mit Blick auf die Strategiedebatte, "reden wir nicht nur mit den üblichen Verdächtigen, den Experten, EU-Parlamentariern. Sondern ebenso den Vertretern der Zivilgesellschaft und vielen anderen mehr. Und wir werden Dinge wie technischen Fortschritt, Klimawandel und Ungleichheit in unsere Überlegungen einbeziehen."

Das sind fürs Erste natürlich kaum mehr als Floskeln. Andererseits ist Lagarde erst seit dem 1. November im Amt und muss sich noch zurechtfinden. Wer in die EZB hineinlauscht, der hört, dass der Kommunikationseifer der neuen Chefin die Mitarbeiter bereits rund um die Uhr ins Schwitzen bringt; bereits vor ihrem Amtsantritt hatte Lagarde Interviews gegeben. Zugleich kann sie damit kokettieren, neu im Job zu sein und vielleicht nicht auf alles eine Antwort zu haben - anders als ihr Vorgänger Draghi, der gern mit monotoner Stimme über Geldmengenaggregate dozierte. "Wenn ich etwas nicht weiß, dann werde ich Ihnen das sagen", so Lagarde.

Lagarde mit EZB-Vize Luis de Guindos

Lagarde mit EZB-Vize Luis de Guindos

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

An diesem Donnerstag muss sie diesen Joker aber letztlich nicht ziehen. Sie wirkt gut vorbereitet, hat auf alles eine Antwort, referiert, als sei sie schon länger dabei. Ihr Vize Luis de Guindos, der neben ihr auf dem Podium des EZB-Pressesaals in Frankfurt sitzt, muss ihr jedenfalls nicht aus der Patsche helfen. Der Spanier schaut genauso mürrisch drein wie einst neben Draghi.

Eine kleine, zwischen den Zeilen versteckte Spitze gegen ihren Vorgänger setzt die Französin schließlich doch noch. "Ich werde vielleicht auch deshalb nicht alles zur Strategie beantworten können, weil wir darüber noch im Rat reden müssen", sagt Lagarde. "Und ich will meine Amtszeit so definieren, dass wir alles miteinander besprechen."

Dass Draghi genau das kaum getan hat - alles miteinander besprechen -, ist in dem Moment jedem im Raum bewusst. Aber Draghi ist Geschichte, und ab sofort hört alles auf das Kommando von Christine Lagarde, der ersten Frau an der Spitze der Europäischen Zentralbank.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.