Kurs gegen die Inflation Die EZB steigert ihr Tempo

Die Europäische Zentralbank steckt in der Klemme: Der Krieg belastet die Wirtschaft, die Preise eilen davon – es droht die Stagflation. Notenbankpräsidentin Lagarde überrascht dennoch mit ihrer Ankündigung.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde: Gedämpft und staatsfraulich

EZB-Präsidentin Christine Lagarde: Gedämpft und staatsfraulich

Foto: DANIEL ROLAND / AFP

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Schwarzer Anzug, gelb-blauer Ukraine-Solidaritäts-Sticker, bitterernste Mimik: Noch nie in ihrer knapp zweieinhalbjährigen Amtszeit kam Christine Lagarde, die stets stilsichere Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), gedämpfter daher als am Donnerstag vor der Finanzpresse des Kontinents. Der Schrecken des Krieges stand der Französin, die so gern und oft mit Publikum und Kamera flirtet, ins Gesicht geschrieben.

Aber normal ist eben nichts mehr, seit die russische Armee am 24. Februar in das Nachbarland einmarschierte. Ungerührt wie eigentlich immer wirkte dagegen Lagardes Vize Luis de Guindos, ein gemütlich-kompakter Spanier mit der Aura eines Brandy-Barons, den wohl allenfalls eine miese Traubenernte erschüttern kann.

Dem Auftritt der beiden EZB-Granden vorausgegangen war die erste Sitzung des Geldpolitischen Rats der EZB seit Beginn des Krieges in Osteuropa, der die ohnehin enorme Inflation in der Eurozone weiter in die Höhe treibt. Um satte 5,8 Prozent stiegen die Preise in der Eurozone im Februar; angesichts der gewaltigen ökonomischen Verwerfungen, die von den Kämpfen in der Ukraine ausgehen, dürfte die Inflationsrate aktuell noch deutlich höher liegen. Zugleich wächst das Risiko, dass der pandemiegeplagte Währungsraum in die Rezession zurückfällt.

Dabei hätte alles so schön sein können: Das Virus verliert seinen Schrecken, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft wächst leidlich, der Frühling lockt die Menschen auf Straßen, Plätze und in die Kaufhäuser. Wären da nicht Wladimir Putins Panzer, die durch die Ukraine rollen, sowie die impliziten Drohungen des russischen Präsidenten, sein nukleares Waffenarsenal zum Einsatz zu bringen und der Menschheit den dritten Weltkrieg zu bescheren.

Eine Art Zwischenlösung

So ist die Gefahr real, dass Europa erstmals seit den Ölkrisen der Siebzigerjahre wieder in eine Phase der Stagflation rutscht – die Wirtschaft stagniert, die Inflation galoppiert. Was die Aufgabe für Lagarde, ihren unerschütterlichen Vize de Guindos und die anderen Zentralbanker enorm knifflig macht. Mit einer Zinserhöhung würden sie nichts an den Energieversorgungsengpässen ändern und womöglich den Aufschwung abwürgen. Pumpen sie noch mehr Geld in den Kapitalmarkt, heizen sie die Inflation zusätzlich an.

Was also tun? Die EZB entschied sich am Donnerstag für eine Art Zwischenlösung. Doch was sich nach gepflegter Langeweile anhört, überraschte die meisten Beobachter und auch die Märkte . Denn die Zentralbank wird ihre monatlichen Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen früher zurückfahren als bislang geplant – als Signal, dass sie die Inflationsgefahr noch ernster nimmt als bisher.

Mit den Käufen erreicht sie, seit Jahren schon, Folgendes: Indem sie die Anleihen vom Markt aufkauft, steigert sie die Nachfrage nach ihnen und treibt deren Kurse. Im Gegenzug fallen die Zinsen der Anleihen, mit denen Staaten und Unternehmen Käufer anlocken müssen – schließlich steht mit der EZB ja ein stets solventer Abnehmer bereit. Auf diese Weise erleichtert die Zentralbank die Kreditaufnahme und stützt die Wirtschaft. Allerdings schleust sie so auch Geld in den Kapitalmarkt, das vor allem in die Aktien- und Immobilienmärkte fließt.

Um langsam aus dem Krisenmodus herauszufinden, wollte die EZB den Umfang ihrer Anleihekäufe ab April eigentlich im Quartalsrhythmus von 40 Milliarden auf 30 Milliarden und schließlich 20 Milliarden Euro senken. Per Jahresende wollte sie sie womöglich ganz aussetzen und dann endlich wieder die Leitzinsen  erhöhen. Nun will die EZB die Schritte in schnellerer Abfolge gehen: im April für 40 Milliarden Euro Anleihen kaufen, schon im Mai für 30 Milliarden und bereits im Juni – und nicht erst im vierten Quartal – für nur noch 20 Milliarden Euro.

Trotz aller Risiken, die vom Krieg ausgehen, entzieht die EZB Europas Konjunktur also rascher als geplant die Unterstützung, mit der sie bislang die Schuldenaufnahme erleichtert, zugleich aber die Teuerung treibt. Denn immer klarer zeigt sich, dass die Inflation so bald nicht wieder verschwinden wird.

EZB-Topmann Luis de Guindos: Der unerschütterliche Vize

EZB-Topmann Luis de Guindos: Der unerschütterliche Vize

Foto: ANDREA COMAS/ REUTERS

Von 3,2 auf 5,1 Prozent hob die EZB ihre Prognose für die durchschnittliche Inflation in diesem Jahr an, ein Wert, der meilenweit über jenen 2,0 Prozent liegt, die Lagarde mittelfristig, also über drei Jahre, anpeilt. Und dass die Teuerung, wie die EZB glaubt, 2023 im Schnitt auf 2,1 Prozent sinkt und 2024 sogar auf 1,9 Prozent, kann sich schon bei der nächsten Überprüfung der Prognosen als Luftnummer herausstellen.

»Der Krieg hat einen gewaltigen Einfluss auf Wirtschaft und Inflation«, konzedierte Lagarde. Ihre Wachstumsprognosen für die Wirtschaft der Eurozone senkte sie auf 3,7 Prozent in diesem Jahr, 2,8 Prozent im nächsten und nur noch 1,6 Prozent 2024.

Am Aktienmarkt sorgte die Nachricht, dass die EZB trotz Kriegsrisiken ihre Geldzufuhr drosselt, für kleinere Schockwellen, ehe sich die Lage gegen Handelsschluss wieder etwas beruhigte. Womöglich weil sich die Erkenntnis durchsetzte, dass die Zentralbank vergleichsweise wenig gegen die realwirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges tun kann, dafür aber mehr gegen den weiteren Anstieg der Preise. Als »gute Nachricht« werteten denn auch die Analysten der Deutsche-Bank-Tochter DWS die EZB-Entscheidung: »Damit macht sie einen deutlichen Schritt in Richtung geldpolitischer Normalisierung.«

Freilich: Die EZB wäre keine Zentralbank, würde sie sich nicht eine Hintertür offenhalten und neu über Dauer und Volumen der Anleihekäufe nachdenken, sofern sich die Lage verdunkelt. Ob das so kommt, entscheidet in erster Linie der Mann in Moskau. Das nächste Treffen der Zinsentscheider in Frankfurt am Main findet am 14. April statt. Und absolut niemand kann voraussagen, wie dann die Rahmenbedingungen sind.

Sicher ist allenfalls, dass Luis de Guindos so leutselig dreinschauen wird wie eh und je.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.