Kaufprogramm EZB will Kreditvergabe der Banken ankurbeln

Neuer Tabubruch? Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) will die Bilanzen der Banken entlasten. Zu diesem Zweck kündigte Mario Draghi nicht nur überraschend die Senkung des Leitzinses an, sondern auch den Ankauf von Kreditpapieren.
Neues Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main

Neues Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Frankfurt am Main - Mit einem groß angelegten Kaufprogramm will die Europäische Zentralbank (EZB) dafür sorgen, dass Banken mehr Darlehen vergeben und so die Wirtschaft ankurbeln. Dazu will sie Kreditverbriefungen - sogenannte ABS-Papiere - sowie Pfandbriefe aufkaufen, wie EZB-Chef Mario Draghi in Frankfurt am Main ankündigte. Bereits im Oktober sollten die Pfandbriefkäufe beginnen.

Mit Verbriefungen können Banken ausstehende Forderungen aus Krediten an den Markt bringen und somit ihre Bilanzen entlasten. Damit haben sie mehr Luft zur Vergabe neuer Darlehen. Doch die Wiederbelebung des brach liegenden Marktes für Kreditverbriefungen (ABS) ist nicht unumstritten: Bundesbankchef Jens Weidmann hatte vor einigen Wochen bereits gewarnt, ABS-Käufe durch die EZB könnten den Steuerzahlern neue Risiken aufbürden.

Neben den Ankäufen von ABS-Papieren und Pfandbriefen hält sich die EZB auch die Option weiterer massiver Wertpapierankäufe offen. Sollte eine zu lange Phase niedriger Inflation drohen, sei der EZB-Rat zu weiteren unkonventionellen Maßnahmen entschlossen, sagte Draghi. Ein solches unkonventionelles Vorgehen - im Fachjargon Quantitative Easing genannt - dient als letztes Mittel, um eine Deflation zu verhindern.

Hierzu könnte die EZB nach Angaben Draghis beispielsweise öffentliche Schuldtitel wie etwa Staatsanleihen oder auch private Papiere in großem Stil aufkaufen. Auch ein Programm zum Ankauf beider Wertpapierarten sei möglich, betonte Draghi. Mit entsprechenden Käufen hatten bereits die Notenbanken der USA, Japans und Großbritanniens ihre Wirtschaft nach der Finanzkrise wieder angekurbelt.

Die Ankäufe von Wertpapieren sind nicht die einzigen Maßnahmen der EZB. Im Kampf gegen eine drohende Deflation hat sie ihren Leitzins auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt. Damit reagieren die Währungshüter auf die sehr niedrige Inflation. Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das lässt die Preise eher steigen.

Im August hatten sinkende Energiepreise die Inflation im Euroraum auf 0,3 Prozent gedrückt - den niedrigsten Stand seit Oktober 2009. Der Wert liegt seit Langem deutlich unterhalb der Zielmarke der EZB von knapp unter zwei Prozent. Zudem stagnierte die Wirtschaftsleistung der Länder in der Eurozone im Frühjahr.

Der geringe Preisauftrieb schürt Sorgen vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise quer durch alle Warengruppen. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen und Anschaffungen in der Erwartung weiter sinkender Preise hinauszögern. Das würde die fragile Konjunkturerholung in Europa abwürgen.

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Gefährlicher Preisverfall: Wie Deflation entsteht

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jbe/Reuters/AFP
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