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Leitzinserhöhung »Ich halte das für ­extrem schwierig«

Christian Keller, 52, Chefvolkswirt der britischen Barclays Bank, kritisiert die jüngsten Schritte der EZB.
Ein Interview von Tim Bartz
aus DER SPIEGEL 30/2022

SPIEGEL: Herr Keller, die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Leitzins um 0,5 Prozentpunkte und damit stärker erhöht als erwartet. Finden Sie das richtig?

Keller: Im Prinzip ja, denn bei der derzeitigen Inflation musste die EZB nachziehen. Aber eine ideale Lösung ist das nicht.

SPIEGEL: Wieso nicht?

Keller: Weil sie erst im Juni mitgeteilt hatte, die Zinsen im Juli um 0,25 Prozentpunkt zu erhöhen. Dadurch wird der gerechtfertigte Schritt um 0,5 von manchen als »Wortbruch« gewertet werden. Das könnte die Glaubwürdigkeit künftiger Ankündigungen schmälern.

SPIEGEL: Die Eurozone steht vor der Rezession. Kommt die Zinserhöhung nicht zu spät?

Keller: Das Mandat der EZB ist, Inflation zu bekämpfen, nicht für Wirtschaftswachstum zu sorgen. Natürlich wird eine Rezession die Inflation dämpfen. Aber das darf die EZB nicht abhalten, die Zinsen anzuheben.

SPIEGEL: Kann die EZB die Inflation bekämpfen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen?

Keller: Die EZB muss dafür sorgen, dass sich Inflationserwartungen nicht hochschrauben, was zu höheren Lohnforderungen führen würde. Dieser Kampf ist noch nicht verloren, denn die Erwartungen sind weiterhin recht stabil.

SPIEGEL: Die EZB will mit ihrem neuen Instrument TPI verhindern, dass Schulden­machen für Länder wie Italien zu teuer wird. Es geht um Staatsanleihenkäufe, die sie gerade erst beendet hatte. Was halten Sie davon?

Keller: Ich halte TPI für extrem schwierig und vielleicht das Um­strittenste, was die EZB bisher gemacht hat. Die verschiedenen Anleihekaufprogramme in der Vergangenheit fanden immer bei zu niedriger Inflation statt. Das ist jetzt aber nicht mehr so.

SPIEGEL: Ist das nicht direkte Finanzierung staatlicher Haushalte, die der EZB verboten ist?

Keller: Das wird die Rechts­abteilung der EZB sicherlich eingehend geprüft haben, was jedoch nicht heißt, dass dies die Gerichte nicht anders sehen.

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