Spekulationsblasen Wirtschaftsweiser warnt vor Gefahren der Niedrigzinsen

Mit niedrigen Zinsen treibt die Europäische Zentralbank Aktienkurse und Immobilienpreise nach oben. Der Wirtschaftsweise Volker Wieland warnt im Interview vor Spekulationsblasen - und zweifelt an der Macht von EZB-Chef Draghi.
Notenbank-Neubau in Frankfurt: "Die Möglichkeiten der EZB sind begrenzt"

Notenbank-Neubau in Frankfurt: "Die Möglichkeiten der EZB sind begrenzt"

Foto: © Kai Pfaffenbach / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Seit diesem Monat leben wir in einer praktisch zinsfreien Welt. Alle großen Notenbanken der Welt haben die Leitzinsen auf nahe Null gesenkt, zuletzt auch die Europäische Zentralbank (EZB). Ist das die neue Normalität?

Wieland: Normalität sollte das nicht sein. Die EZB hat ja gesagt, sie tut das in der Hoffnung, dass die Inflation steigt - und dann müsste sie natürlich auch die Zinsen wieder anheben.

SPIEGEL ONLINE: Die EZB hat nicht nur den Leitzins gesenkt, zu dem sich Banken bei ihr Geld leihen, sie verlangt nun sogar eine Art Strafzins, wenn die Finanzinstitute Geld über Nacht bei ihr parken. Der Sparkassenpräsident spricht bereits von Enteignung.

Wieland: Eine Enteignung ist das nicht. Keine Bank wird gezwungen, ihr Geld bei der EZB zu parken. Sie kann es ja auch weiterverleihen. Und sie muss sich auch vorher gar nicht so viel bei der Notenbank leihen, dass sie es dann wieder dort parken muss.

Zur Person
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Volker Wieland ist seit 2013 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung und gehört damit zu den sogenannten Wirtschaftsweisen. Wieland ist Experte für Geldpolitik und arbeitete früher selbst für die US-Notenbank Fed. Heute ist er Geschäftsführender Direktor am Institute for Monetary and Financial Stability der Universität Frankfurt.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Negativzins denn sinnvoll, um die Banken zur stärkeren Kreditvergabe zu animieren?

Wieland: Wenn die Lage es erfordert, ist es in Ordnung, einen negativen Einlagezins zu setzen. Ich sehe zurzeit aber nicht die Notwendigkeit. Und selbst wenn man den Negativzins mal ausprobieren wollte, ist die Lage nicht so dramatisch, dass zudem noch ein langfristiges Liquiditätsprogramm angekündigt werden musste. Man sollte die niedrigen Zinsen erst einmal wirken lassen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Zinsen sind doch schon lange niedrig - und trotzdem bleibt die Kreditvergabe an Unternehmen rückläufig. So können die Staaten in Südeuropa nicht aus der Krise kommen.

Wieland: Die Kreditvergabe wird von verschiedenen Faktoren getrieben. Die Nachfrage nach Krediten hängt längst nicht nur von der Höhe der Leitzinsen ab. Entscheidend sind auch die Ertragsaussichten der Unternehmen, die damit neue Investitionen finanzieren wollen. Und für wie kreditwürdig die Bank diese Unternehmen hält. Das ist wie mit dem Wetter: Wenn es mal wieder einen heißen Tag gibt, ist dies auch nicht zwangsläufig eine Folge des steigenden CO2-Ausstoßes. Es kann auch einfach daran liegen, dass gerade Sommer ist.

SPIEGEL ONLINE: Statt an die Unternehmen fließt das Geld derzeit vor allem in Aktien und Immobilien. Wie gefährlich ist die Entwicklung?

Wieland: Es gibt auf jeden Fall eine Gefahr. Wenn wir dauerhaft niedrige Zinsen haben, kann es sehr leicht zu Übertreibungen bei den Vermögenspreisen kommen. Insofern gibt es eine Parallele zwischen dem, was die EZB jetzt macht, und dem, was die US-Notenbank Fed vor der Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Wieland: Die EZB will mit den niedrigen Zinsen der Gefahr einer Deflation begegnen, und zwar vorbeugend. Das ist durchaus logisch, wenn man die Deflationsgefahr als einziges Problem sieht. So hat auch die Fed damals argumentiert, um die langanhaltend niedrigen Zinsen in den USA zu rechtfertigen. Im Ergebnis führte diese Politik aber auch zu Übertreibungen bei den Vermögenspreisen, vor allem bei Immobilien. Das ist eine Lehre aus der Finanzkrise. Deshalb bin ich eher skeptisch, wenn man jetzt wieder vorbeugend gegen die Deflationsgefahr vorgeht. Zumal die sinkenden Preise ja auch teilweise gewollt sind. Länder wie Spanien müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen. Da müssen manche Preise eben auch fallen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es am deutschen Immobilienmarkt bereits eine Spekulationsblase?

Wieland: Das ist schwer zu sagen. In einigen Städten sind die Preise schon sehr stark angestiegen. Aber der Anteil der Kreditfinanzierung ist nicht besonders hoch. Viele Sparer investieren ihr Geld einfach in Immobilien, weil sie sonst kaum noch Zinsen darauf bekommen. Das heißt allerdings nicht, dass die Immobilienpreise nicht zusammenkrachen könnten. Nur die Folgen eines solchen Zusammenbruchs wären vielleicht nicht so dramatisch wie 2007 in den USA. Es träfe dann nämlich Investoren, die die Immobilien größtenteils aus eigenem Geld finanziert haben.

SPIEGEL ONLINE: EZB-Chef Mario Draghi gilt als Retter der Euro-Zone, weil er Mitte 2012 versprochen hat, die Währungsunion nicht auseinanderbrechen zu lassen. Würden Sie im Nachhinein sagen, dass es ihm gelungen ist?

Wieland: Draghi hat versprochen alles zu tun, was nötig ist. Die Frage ist, ob er überhaupt die Macht dazu hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie zweifeln daran?

Wieland: Die Möglichkeiten der EZB sind begrenzt. Draghi kann vielleicht garantieren, dass ein Land wie Italien im nächsten Jahr nicht pleitegeht und kurzfristige Anleihen nicht ausfallen. Aber er kann nicht sicherstellen, dass das längerfristige Wirtschaftswachstum in Italien hoch genug ist, um den Schuldenstand abzubauen. Das kann nur die italienische Politik.

SPIEGEL ONLINE: Aber die EZB kann unbegrenzt Geld drucken, und damit kriselnde Staaten über längere Zeit finanzieren.

Wieland: Noch nicht einmal das funktioniert unbegrenzt. Wenn die EZB etwa Anleihen aufkauft und damit die Geldmenge erhöht, dann führt das irgendwann zu Inflation. Und die kann die EZB nicht beliebig hochtreiben. Im Moment ist das kein Problem. Aber wenn wir einmal fünf oder sechs Prozent Inflation hätten, könnte die EZB eine solche Politik nicht mehr fortführen. Sie würde unter massiven öffentlichen Druck kommen, wenn sie ihr Mandat so klar verfehlen würde.

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