EZB Zinsschritt unwahrscheinlich

Die Eurobanker werden auf ihrer Sitzung dem US-Zinsentscheid voraussichtlich nicht folgen. Eine Senkung der Euro-Leitzinsen wird erst für Juni erwartet.


Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird am Donnerstag nach Auffassung von Analysten die Leitzinsen im Euroraum unverändert lassen. Von insgesamt 38 von der Nachrichtenagentur dpa befragten Experten gingen 37 davon aus, dass der Mindestbietungssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft am Donnerstag bei 4,75 Prozent belassen wird.

Von den befragten Analysten halten 26 ab Ende Juni eine Leitzinskürzung für vorstellbar, 17 prognostizierten einen solchen Zinsschritt für das zweite Quartal. Vier Experten rechnen mit einer Zins-Reduzierung etwa im März/April. Bis Ende 2001 erwarten 15 Analysten einen Mindestbietungssatz von 4,25 Prozent; neun Ökonomen halten einen Zinssatz von 4,50 Prozent für möglich.

"Ich denke es wird am Donnerstag nichts passieren. Dazu ist es noch zu früh", sagte Cornelia Koller, Chefvolkswirtin der Vereins- und Westbank in Hamburg. Auch jüngste Stellungnahmen, wie etwa von EZB-Präsident Wim Duisenberg oder EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hätten auf dieses Szenario hingewiesen.

Allerdings sei in absehbarer Zeit eine Leitzinskürzung der europäischen Notenbank zu erwarten, erklärte Koller. Die Expertin rechnet bis Jahresende mit einer Zinsreduzierung durch die EZB um zwei Mal 25 Basispunkte. Ein erster Zinsschritt sei für den März oder April zu erwarten. "Bis dahin sollten die Preissteigerungsraten im Euroraum deutlich herunterkommen", begründete Koller ihre Sicht. Während im Januar noch mit einem Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex in der Eurozone um etwa 2,8 bis 2,9 Prozent zu rechnen sei, sollte die Anstiegsrate bis zum Frühjahr auf einen Wert von 2,2 bis 2,4 Prozent absinken.

Außerdem verlangsame sich derzeit auch das Geldmengen-Wachstum im Euroraum, fügte die Ökonomin hinzu. So werde dieses voraussichtlich im zweiten Quartal die EZB-Referenzmarke von 4,5 Prozent erreichen. Ab dem dritten Quartal könne dann mit einem zweiten Zinsschritt gerechnet werden, da bis dahin die Verbraucherpreise nur noch mit einer Rate von unter zwei Prozent wachsen dürften, sagte Koller. Die EZB hat für den Anstieg der Verbraucherpreisdaten die Marke von zwei Prozent als oberes Limit festgelegt.

Auch Volkswirt Henrich Maasz von der Düsseldorfer WestLB geht aus den gleichen Gründen von einer Leitzinsabsenkung um 25 Basispunkte im März oder April aus. Bis dahin werde allerdings die Notenbank die Zinssätze konstant halten. "Einen Zinsschritt vor dem Frühjahr gibt die gegenwärtige gesamtwirtschaftliche Situation noch nicht her", sagte Maasz.

So kühle sich die Konjunktur in der Eurozone zwar leicht ab; sie verlangsame sich aber nicht so stark wie in den USA. Darüber hinaus sei auch die Euro-Kurs-Entwicklung noch nicht befriedigend, so dass auch von dieser Seite ein Zinslockerung durch die EZB noch nicht gerechtfertigt wäre. "Zudem wird die EZB erst einmal abwarten, ob die Entspannung beim Ölpreis nachhaltig ist und sich in Folge dessen die Preise in der Eurozone wirklich dahin entwickeln, wie von allen prognostiziert", fügte Maasz hinzu.

Anders als Koller kann sich Maasz vorstellen, dass es im laufenden Jahr bei einer Zinsabsenkung um einen Viertel Prozentpunkt bleiben könnte, da im zweiten Halbjahr 2001 wieder mit einer Erholung der US-Wirtschaft zu rechnen sei. Eine weitere Zinskürzung wollte er jedoch dennoch nicht ausschließen.



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