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Marcel Fratzscher

Fachkräftenot Deutschland braucht Zuwanderer dringender als umgekehrt

Marcel Fratzscher
Ein Gastbeitrag von Marcel Fratzscher
Die Diskussion über mehr Zuzug aus dem Ausland geht in die falsche Richtung. Statt auf Abschreckung zu setzen, müsste Deutschland attraktiver werden. Dazu gehört auch ein Mentalitätswandel.
Praktikant in einem Industriebetrieb: Die Politik sollte den Fehler vermeiden zu glauben, nur hochqualifizierte Ingenieur*innen und Ärzt*innen mit hohem Einkommen seien wünschenswerte Fachkräfte

Praktikant in einem Industriebetrieb: Die Politik sollte den Fehler vermeiden zu glauben, nur hochqualifizierte Ingenieur*innen und Ärzt*innen mit hohem Einkommen seien wünschenswerte Fachkräfte

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Christoph Schmidt / dpa

Ein heftiger politischer Streit über die Pläne der Bundesregierung zur Zuwanderung und Einbürgerung ist entbrannt. In dieser hochemotionalen Debatte erhält ein Aspekt häufig zu wenig Beachtung: Ohne einen Anstieg der Zuwanderung steht Deutschland vor einer wirtschaftlich existenzbedrohenden Krise. Viele Unternehmen könnten ohne ausreichend Fachkräfte nicht überleben und Deutschland würde langfristig große Teile seines Wohlstands einbüßen. Und ohne eine Gesellschaft, die offen für Zuwanderung aus allen Regionen der Welt ist, werden Deutschland und Europa die gegenwärtigen Krisen nicht lösen und bei der wichtigen ökologischen und digitalen Transformation scheitern.

Es gibt erheblichen politischen Widerstand gegen eine deutlich stärkere Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen und mit anderen Religionen. Die gegenwärtige Diskussion erinnert sehr an die Forderung eines konservativen Politikers vor 20 Jahren: »Kinder statt Inder«. Manche Politiker*innen entgegnen den Plänen der Bundesregierung heute, man müsse zugleich über die Rückführung von 300.000 Geflüchteten aus Deutschland sprechen. Sie sehen in Zuwanderung eine potenzielle Einwanderung in die Sozialsysteme.

Wir sollten uns die harten Zahlen und Fakten über die Entwicklungen der Demografie und Fachkräfte in Deutschland bewusst machen, und was dies für unseren Wohlstand in Zukunft bedeuten wird. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands der vergangenen 70 Jahre wäre ohne eine massive Zuwanderung nicht möglich gewesen. Deutschland litt bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren unter einem Fachkräftemangel, welcher sich seit den 2010ern deutlich verschärft hat.

Ohne die massive Zuwanderung von jungen, hochmotivierten und qualifizierten Europäer*innen – in manchen Jahren mehr als 300.000 Menschen netto – hätte Deutschland sich seit 2005 nicht von seinem Zustand als »kranker Mann Europas« erholen können.

Knapp zwei Millionen offene Jobs in Deutschland

Selbst eine so starke Zuwanderung wird in den kommenden 20 Jahren bei Weitem nicht ausreichen, um die riesige Fachkräftelücke zu füllen. Bereits heute gibt es trotz Wirtschaftsflaute knapp zwei Millionen offene Jobs in Deutschland. In den kommenden zehn Jahren werden weitere fünf Millionen Menschen mehr in Rente gehen, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachkommen. Die Lücke von sieben Millionen bei insgesamt 45 Millionen Erwerbstätigen beträgt knapp 16 Prozent.

Die Reaktion mancher, dies würde lediglich das wirtschaftliche Wachstum reduzieren, geht an der Realität vorbei. Die wachsende Lücke bedeutet, dass Unternehmen die notwendigen Expert*innen fehlen werden, um ihre Produktion auf nachhaltige Technologien umzustellen, die Lieferketten global neu aufzubauen und Klimaschutz und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen zu können. Es geht hier nicht nur um verpasste Chancen, sondern um die Existenz zahlreicher deutscher und europäischer Unternehmen und die Frage, ob wir die heute noch verbleibende Chance nutzen werden, um unsere Klimaschutzziele zu erreichen, unsere Abhängigkeit von China und anderen Autokratien zu reduzieren und wirkliche Innovation möglich zu machen.

Die vorgeschlagenen Reformen der Bundesregierung zur Zuwanderung sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es sollen Kriterien festgelegt und innerhalb eines Punktesystems gewichtet werden, um attraktiv für potenzielle Fachkräfte aus der ganzen Welt zu sein. Dabei sollte die Politik die Fehler der Vergangenheit vermeiden.

Der erste Fehler war der Irrglaube, Deutschland sei für viele Menschen ein Paradies auf Erden und wir müssten uns eher mit extrem hohen Hürden vor einem Ansturm von Fachkräften schützen. Mit diesem Gedanken wurde 2020 das Fachkräftezuwanderungsgesetz der vorherigen Regierung gestaltet und ist – wenig überraschend – gescheitert. Dieses Gesetz sah vor, dass Menschen von außerhalb der EU nur dann nach Deutschland kommen dürfen, wenn sie einen Arbeitsvertrag oder gute Deutschkenntnisse und ausreichend Ersparnisse für ihren Lebensunterhalt für viele Monate haben.

Man fragt sich, ob das wirkliche Ziel der Verantwortlichen in Politik und Bundestag damals nicht eher die Verhinderung von Zuwanderung war.

Deutschland ist für viele Fachkräfte in der Welt wenig attraktiv

Die Realität ist eher, dass Deutschland für viele Fachkräfte in der Welt wenig attraktiv ist. Nicht nur sind die genannten Hürden extrem hoch, sondern Deutsch ist eine schwierige Sprache, Deutschland war bisher nicht für seine Willkommenskultur bekannt und auch die Anerkennung von Qualifikationen wird in Deutschland noch immer sehr restriktiv gehandhabt. Wer möchte schon als Ärzt*in oder als Ingenieur*in aus Indien nach Deutschland kommen, um dann zu hören, dass die Qualifikationen nicht anerkannt werden und man sich erneut nach deutschen Regeln qualifizieren muss?

Der zweite Fehler, den die Politik vermeiden sollte, ist der Glaube, nur hochqualifizierte Ingenieurer*innen und Ärzt*innen mit hohem Einkommen seien wünschenswerte Fachkräfte. Denn in Deutschland fehlt es in fast allen Bereichen an Fachkräften, auch in der Gastronomie, den Hotels und vielen anderen Dienstleistungsbereichen, die eher geringe Gehälter zahlen.

Dies gilt vor allem für sogenannte systemrelevante Berufe wie die Pflege und in der Gesundheit, die meist relativ geringe Gehälter zahlen und wenig Wertschätzung erfahren. Deutschland muss daher auf eine große Ausgewogenheit der Zuwanderung setzen und darf hohe Gehälter oder Vermögen (wie beispielsweise im Punktesystem Kanadas) nicht zur Bedingung machen.

Der dritte Fehler war und ist, unrealistische Erwartungen zu hegen und Integration sehr eng zu definieren. Es scheint, dass viele Gegner*innen einer Zuwanderung von außerhalb Europas »Deutschsein« eher mit Blut und Herkunft assoziieren als mit der Frage, wo ein Mensch seinen Lebensmittelpunkt hat. Selten in den letzten 50 Jahren konnten Menschen schneller nach Deutschland einwandern und haben schneller die Nationalität erhalten als die sogenannten Aussiedler*innen aus Russland in den 1990er-Jahren. Zwar wurde diese Regelung Anfang der 2000er-Jahre geändert, trotzdem scheint dieses Verständnis von Nationalität in vielen Köpfen noch heute zu existieren.

Deutschland hat heute eine multikulturelle Gesellschaft, in der mehr als jeder fünfte Mensch selbst oder zumindest ein Elternteil im Ausland geboren wurde. Wenige werden nach Deutschland kommen oder bleiben wollen, wenn die Erwartung der Integration die der Assimilation und einer veralteten Definition von »Deutschsein« entspricht. Im Gegenteil sollte die Politik die Staatsbürgerschaft nicht an das Ende eines Integrationsprozesses stellen, sondern zum Teil des Prozesses machen.

Ein grundlegender Mentalitätswandel, mehr Bescheidenheit und mehr Offenheit für Zuwanderung aus allen Teilen der Welt werden essenziell für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und die Frage sein, ob wir als Gesellschaft in der Lage sind, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Die Hoffnung ist, dass Gesellschaft und Wirtschaft sich dieser Realität bewusst werden, bevor es zu spät ist.