Fälschungsvorwurf Razzia bei McZahn

Ermittler haben die McZahn-Zentrale in Willich durchsucht. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Wuppertal steht die Firma im Verdacht, Zahnersatz aus China mit Hilfe gefälschter Papiere vertrieben zu haben. Es ist von einem Schaden in Höhe von 860.000 Euro die Rede.

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Hamburg - Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft ermittelt gegen amtierende und ehemalige Vorstandsmitglieder der Zahnarztkette McZahn wegen des Verdachts auf Betrug und Urkundenfälschung. Ihnen wird vorgeworfen, in China hergestellten Zahnersatz mit Hilfe gefälschter Papiere vertrieben zu haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll dabei ein Schaden in Höhe von "rund 860.000 Euro" entstanden sein.

Patientin bei McZahn: Durchsuchung in der Firmenzentrale
AP

Patientin bei McZahn: Durchsuchung in der Firmenzentrale

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch einen Zahntechniker, der jahrelang im Auftrag von McZahn Reparaturarbeiten an Zahnersatz durchführte. Nebenbei stellte er für die in China hergestellten Implantate sogenannte Konformitätsbescheinigungen aus - Dokumente, die die Herkunft bescheinigen sowie die Inhaltsstoffe nach Herstellerangaben aufführen. Ohne diese Erklärung dürfen Zahnärzte die Implantate nicht verwenden.

Im September 2007 stellte der Zahntechniker nach eigenen Angaben seine Zusammenarbeit mit McZahn ein. Der Mann begründet das damit, dass die Firma mehrere Rechnungen für Reparaturarbeiten nicht beglich.

Ex-McZahn-Vorstand Werner Brandenbusch hingegen behauptet, der Techniker habe plötzlich Geld für das Ausstellen der Konformitätserklärungen verlangt, ohne eine Rechnung zu schreiben. Laut Brandenbusch erhielt der Techniker bis dahin für das Ausstellen der Erklärungen 500 Euro im Monat, der Mann bestreitet das.

Im April 2008 erfuhr der Zahntechniker dann durch zwei Zahnärzte, dass McZahn immer noch Konformitätsbescheinigungen mit seinem Namen ausstellte - ohne sein Wissen und obwohl er doch gar nicht mehr für McZahn arbeitete.

Darauf informierte der Mann die Kassenzahnärztliche Vereinigung Nordrhein (KZVNR), die den Ärzten mit Krankenkassenmitteln ihr Honorar zahlt. Die wandte sich mit dem Vorwurf an die Staatsanwaltschaft - denn ohne gültige Konformitätserklärungen hätte sie für den Zahnersatz kein Geld bezahlen dürfen.

Ein Sprecher der KZVNR sagte SPIEGEL ONLINE, es handele sich "um einen abrechnungstechnischen Schaden" in Höhe von 860.000 Euro. "Wenn Zahnersatz mit gefälschter Konformitätsbescheinigung verwendet wurde, müssen wir die gesamte Abrechnungssumme als Schaden verbuchen. Ob den Patienten tatsächlich ein Schaden entstanden ist, weil sie womöglich minderwertigen Zahnersatz bekommen haben, ist eine ganz andere Frage."

Minderwertige Ware verwendet?

Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob McZahn minderwertige Ware verwendet hat. Bislang gebe es dafür noch keine Anhaltspunkte, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft SPIEGEL ONLINE. Bei der Durchsuchung am Dienstag in der McZahn-Firmenzentrale im nordrhein-westfälischen Willich sei aber Beweismaterial gesichert worden.

Auch der Zahntechniker, der sich bei der KZVNR beschwerte, sagte, er glaube nicht, dass schlechte Ware verwendet wurde. "Das Material aus China ist zwar preiswerter als das aus Deutschland, aber sicher nicht qualitativ schlechter." Den Patienten sei "sehr wahrscheinlich kein Schaden" entstanden.

Unabhängig davon, ob minderwertige Ware verwendet wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die McZahn-Vorstände wegen Verdacht auf Betrug und Urkundenfälschung.

Ex-McZahn-Vorstand Werner Brandenbusch bestreitet das: "Es kann sich gar nicht um Urkundenfälschung handeln", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Eine Urkunde muss man unterschreiben. Konformitätserklärungen sind aber ohne Unterschrift rechtsgültig." Der Zahntechniker habe die Dokumente zudem nie selbst ausgestellt, auch vor September 2007 nicht. "Er hat uns seinen Briefbogen zur Verfügung gestellt."

McZahn beschuldigt Ex-Vorstandsmitglied

Der McZahn-Vorstandsvorsitzende, der Zahnarzt Oliver Desch, wollte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE keine Stellung zu den Ermittlungen nehmen. In einer Pressemitteilung beschuldigte das Unternehmen aber ihr früheres Vorstandsmitglied Brandenbusch.

Darin teilt McZahn mit, dass der Zahnersatz aus China über die Importfirma Silverline-Dental eingeführt wurde, deren Alleingesellschafter und Geschäftsführer Brandenbusch ist. Brandenbusch war bis zum 25. Juni auch Vorstandsmitglied bei McZahn, sei aber "wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten mit den Investoren und den übrigen Mitgliedern des Vorstands" ausgeschieden. Laut Pressemitteilung "soll auch Brandenbusch die Konformitätserklärungen zeitweise formal nicht ordnungsgemäß ausgestellt haben".

McZahn wurde 2006 gegründet. Die Geschäftsidee ist, Inlays, Kronen und Brücken so günstig in Fernost herstellen zu lassen, dass die Kosten durch den Anteil der Gesetzlichen Krankenkassen gedeckt sind - Patienten bekommen somit ohne Zuzahlung Zahnersatz.

Das Unternehmen plant, den Markt für Zahnersatz in Deutschland aufzurollen und bis zu 400 Filialen im Franchise-System bis 2010 zu gründen. Doch bislang hielt sich der Erfolg in Grenzen - derzeit gibt es sieben McZahn-Praxen in Deutschland. Bis Anfang August waren es sogar acht - vergangene Woche hat eine Stuttgarter Praxis die Zusammenarbeit gekündigt.



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