Fahrradschmiede Riese und Müller Nach ganz vorne gefaltet

Seit mehr als zehn Jahren steht das Maschinenbauer-Unternehmen Riese und Müller für hochwertige Falt-Fahrräder made in Darmstadt. Um so weit zu kommen, brauchten die Gründer mehr als nur gute Produktideen.

Von Gregor Honsel


Im Rückblick erscheint der Werdegang des Darmstädter Fahrradherstellers Riese und Müller als Kette zwingend aufeinanderfolgender Schritte: gute Idee gehabt, Prototyp entwickelt, Partner gefunden, Produkte verkauft, Markt erobert. Doch die Geschichte der beiden Maschinenbauer Markus Riese und Heiko Müller hätte auch die einer brillanten, aber erfolglosen Erfindung werden können. Mehrmals standen sie kurz vor dem Scheitern. Was sie davor bewahrte, waren Mut, Konsequenz – und Glück.

Designer mit Faltrad "Birdy": Da die Banken keinen Kredit geben wollten, nahmen die Eltern der Gründer Hypotheken auf ihre Häuser auf

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Anfang der neunziger Jahre hatten die beiden Studienfreunde eine Idee, die zur Grundlage ihres Unternehmens werden sollte: Sie entwickelten ein vollgefedertes Faltrad, das ohne Scharniere im Rahmen auskommt. Der Clou dabei: Sowohl beim Vorder- als auch beim Hinterrad dient die Federungsachse gleichzeitig als Faltgelenk. Dadurch wird die gesamte Konstruktion gleichzeitig sowohl leichter als auch steifer. „Wir haben die völlig neue Kategorie der hochwertigen Falträder geschaffen“, sagt Müller. Zusammenlegbare Räder litten damals noch unter ihrem schlechten Image, das sie sich in den Siebzigern durchaus zu Recht erworben haben. Aber ein faltbares Bike mit sportlichen Fahreigenschaften? Das schien neu. Dass es mit dem englischen Faltrad Brompton damals in Wirklichkeit schon einen durchaus konkurrenzfähigen Mitbewerber gab, war Müller entgangen: „Das Brompton war noch gar nicht in Deutschland auf dem Markt, und wir kannten es nicht. Wir haben uns auch gar nicht groß mit Marktforschung beschäftigt, sondern gleich losgelegt.“

Die erste Investition der beiden waren 10.000 Mark für eine gebrauchte Aluminium-Schweißanlage, mit der sie in Müllers elterlicher Garage einen ersten Prototypen ihres „Birdy“ getauften Faltrads bauten. Das war zwar der Star auf allen Messen und wurde mit einer Sonderauszeichnung beim Hessischen Innovationspreis prämiert, doch das Projekt stand schon kurz nach seiner Entstehung vor dem Scheitern: Es fand sich kein Fahrradhersteller, der bereit war, die Investitionen in die Fertigungstechnik zu wagen. Schließlich bestand der Rahmen des Birdy aus dicken Aluminiumrohren mit dünnen Wänden und musste diverse Lager, Verschlüsse und Scharniere aufnehmen. „Bei den deutschen Herstellern war damals weder die technische Kompetenz vorhanden noch die Bereitschaft, mal etwas ganz anderes zu machen“, erinnert sich Müller.

Das Birdy drohte, eine Episode zu bleiben. Bis im Jahr 1994 George Lin, Präsident des taiwanischen Fahrradherstellers Pacific Cycles, auf einen Messestand der beiden Tüftler kam. „Lin hatte sich schon vor Jahren auf die Herstellung von vollgefederten Mountainbikes für alle Marken spezialisiert. Der hat uns gesagt: Das ist genau das, was meine Kunden in Japan wollen. Ich baue euch das“, berichtet Müller. Der Deal: die Produktion des Birdy gegen die Lizenz für den Asien-Vertrieb. Riese flog direkt von der Messe weiter nach Taiwan. In zehn Tagen (einschließlich Hin- und Rückflug) baute er dort mit den taiwanischen Ingenieuren einen seriennahen Prototypen. „Die Taiwaner haben unglaublich Einsatz gezeigt und voll mitgezogen“, sagt Müller. Der Prototyp kam pünktlich zur Fahrradmesse in Köln zurück. „Damit hatten wir gleich einen ganz anderen Auftritt. Das Birdy wurde endlich als fertiges Produkt wahrgenommen.“ Der Erfolg: die ersten hundert Bestellungen.

Doch das Projekt stand wieder vor einer Klippe: Die erste Serie von 250 Stück musste vorfinanziert werden. Und „obwohl die hundert Bestellungen schon die ganze Charge finanziert hätten, wollte uns keine Bank einen Kredit geben“, sagt Müller. Die Eltern der beiden Firmengründer sprangen in die Bresche und nahmen jeweils einen Kredit über 100.000 Mark auf – mit ihren Häusern als Sicherheit. Für Müller war damit klar: „Wir waren zum Erfolg verdammt. Es musste einfach klappen, Punkt.“

Und es klappte. Die Händler rissen den beiden die Räder aus den Händen. Schon Ende 1995 kam die zweite Lieferung. Abgesehen von Messeauftritten haben Riese und Müller kaum Marketing betrieben – dazu waren sie mit Auslieferung und Organisation viel zu beschäftigt. Mundpropaganda und positive Presseberichte taten das ihre. Heute ist das Birdy mit 60.000 verkauften Stück (75 Prozent davon unter dem Namen BD-1 in Asien) Klassiker und Kultobjekt. Als Riese und Müller 2005 zum zehnjährigen Geburtstag des Birdy nach Darmstadt luden, kamen Kunden aus der ganzen Welt, um sich über Zubehör, Feintuning und Reiseerlebnisse auszutauschen.

Doch die Geschichte des jungen Unternehmens fing damit erst richtig an. Das Birdy wäre vielleicht eine kleine Einkommensquelle für Markus Riese und Heiko Müller geworden, aber kaum eine Basis für ihre heute florierende Riese und Müller GmbH. Für die weitere Entwicklung spielte wieder der Taiwaner Lin eine entscheidende Rolle: In der Zeit nach dem Erscheinen des Birdy arbeiteten die Firmengründer nebenbei für Pacific Cycles als Entwickler für vollgefederte Mountainbikes („Fullys“). Müller: „Wir haben damals gemerkt, wie viel Spaß es macht, mit gefederten Mountainbikes durch die Stadt zu fahren, und uns gesagt: Gefederte Stadträder sind genau das, was man in Deutschland vertreiben muss.“ Die damals erhältlichen vollgefederten Alltagsräder seien, erinnert sich Müller, ein „technischer Graus“ gewesen. Also setzten sie ihre Erfahrung aus dem Mountainbike-Bau ein, um alltagstaugliche Fullys zu bauen – „das war der Durchbruch. Damit wurden wir erstmals als Marke wahrgenommen“.

Jedes der Riese-und-Müller-Räder war auf seine Art konkurrenzlos. Dadurch konnte sich das Unternehmen erlauben, sich gleich im Hochpreissegment zu etablieren. Müller: „Damals waren 1000 Mark die Schallgrenze, und wir sind gleich mit 2000 Mark dahergekommen. Das war aber kein Problem, weil die Räder auch komplett anders aussahen.“ Aus der Müllerschen Garage zog das junge Unternehmen zuerst in eine alte Molkerei, 2001 dann in eine schmucklose Industriehalle am Rand von Darmstadt. Seitdem werden die Räder auch in Deutschland montiert. „Das ist nicht nur von der Qualität besser, sondern auch vom Preis, weil es auf komplette Fahrräder hohe Strafzölle gibt“, sagt Müller. Die Prototypenentwicklung findet aber ausschließlich in Taiwan statt.

„In Taiwan zu arbeiten ist etwas ganz anderes. Die Taiwaner sind total flexibel, auch bei kleinen Stückzahlen“, zeigt sich Müller begeistert. Bis 2006 hat Riese und Müller das Angebot auf neun Modelle ausgeweitet, von denen allerdings nicht alle Verkaufshits waren. So wird das Unternehmen in der kommenden Saison zum ersten Mal in der Firmengeschichte Modelle vom Markt nehmen, und zwar das Frog (den kleinen Bruder des Birdy), das Gemini (ein speziell für Kinder- und Lastentransport ausgelegtes Stadtrad) und das Equinox (eine Mischung als Sitz- und Liegerad). „Vom Konzept her finde ich die Fahrräder nach wie vor sehr gut, und ich bereue es nicht, sie gemacht zu haben. Mit neuen Konzepten kann man immer gutes Marketing machen, und es festigt den Ruf als innovativer Hersteller. Aber die Zielgruppe war einfach zu klein. Der Verkauf ging gut los, bröckelte dann aber ab“, begründet Müller die Entscheidung.

Seit 1998 schreibt das Unternehmen nach Angaben Müllers schwarze Zahlen. Alle langfristigen Bankschulden wurden abgelöst. Es werden nur noch Überbrückungskredite zur Zwischenfinanzierung aufgenommen, die am Ende der Saison zurückgezahlt werden.

Als nächstes Modell steht das Reiserad „Intercontinental“ in den Startlöchern. Zudem hat Riese und Müller eine eigene Fahrradtaschen-Marke aufgelegt. Aber Müller möchte die Marke nicht überstrapazieren: So komme die Ausweitung der Produktpalette auf Rennräder oder Mountainbikes „auf gar keinen Fall“ in Frage: „Im Jahr 2000 haben wir die Firmenphilosophie aufgestellt, nach der wir ausschließlich vollgefederte Alltagsräder bauen. Daran haben wir seitdem nicht einen Satz geändert.“

Diese klare Positionierung hält Müller denn auch für den zentralen Grund des trotz aller Widrigkeiten erreichten Erfolgs: „Man muss sich ganz genau im Klaren sein, was man anbieten will, und sich von dieser prinzipiellen Idee nicht abbringen lassen. Ganz gefährlich wird es, wenn ich dasselbe mache wie andere, denn es wird immer einen geben, der billiger oder schneller ist als ich.“

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