Fall Madoff Betrugsopfer begeht Selbstmord

Die Affäre um den mutmaßlichen Milliardenbetrug von Ex-US-Börsenchef Madoff hat ein Todesopfer gefordert. Ein Fondsmanager brachte sich um - er hatte 1,5 Milliarden Euro investiert. Die Ermittler fahnden inzwischen nach Komplizen. Im Visier: ein enger Mitarbeiter und die Wirtschaftsprüfer.


New York - In der Affäre um den mutmaßlichen Milliardenschwindel des ehemaligen US-Börsenchefs Bernard Madoff hat sich eines der Betrugsopfer umgebracht. Der Franzose Thierry de La Villehuchet sei am Dienstag gegen 8 Uhr Ortszeit an seinem Schreibtisch sitzend tot aufgefunden worden, teilte Polizeisprecher Paul Browne mit. Beide Handgelenke des Toten waren aufgeschnitten. Auf dem Boden lag ein Teppichmesser, und auf dem Schreibtisch befand sich ein Behältnis mit Schlaftabletten.

Anlage-Betrüger Madoff: "Undenkbar, dass er eine derartige Konstruktion ganz alleine führen konnte"
DPA

Anlage-Betrüger Madoff: "Undenkbar, dass er eine derartige Konstruktion ganz alleine führen konnte"

Villehuchet war Ko-Gründer von Access, er hatte für europäische Kunden 1,5 Milliarden Euro bei Madoff investiert. Dieser soll Investoren nach seiner Zeit als Chef der US-Technologiebörse Nasdaq mit einem riesigen Schneeball-System, das er als Chef seiner Vermögensberatung betrieben habe, um Milliarden Dollar gebracht haben.

Die These des Einzeltäters erscheint indes immer unglaubwürdiger: Im Rahmen der Ermittlungen um den Milliardenbetrug des ehemaligen Börsengurus Bernard Madoff sucht die US-Finanzaufsicht inzwischen nach Mittätern. Die SEC hat nach einem Bericht des "Wall Street Journal" einen engen Mitarbeiter von Madoff vernommen. Außerdem stehe die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft der Madoff-Firma im Visier.

Die SEC befragte dem Zeitungsbericht zufolge den als "Leutnant" Madoffs geltenden Frank DiPascali. Dieser arbeitete seit 30 Jahren für Madoff und leitete das Büro im 17. Stock von Madoffs Firmensitz, das als Zentrale für den milliardenschweren Anlagebetrug gedient haben soll.

Die Antworten DiPiscalis, der die Konten von Madoffs Kunden verwaltete, werteten die SEC-Ermittler laut "WSJ" als "ausweichend" und "unverständlich". Neben dem Bürochef konzentrieren sich die Ermittler dem "WSJ" zufolge zudem auf David Friehling, der als Wirtschaftsprüfer nahe New York die Bilanzen Madoffs unter die Lupe nahm. Friehling soll demnach ebenfalls befragt werden.

Madoff soll Investoren nach seiner Zeit als Chef der US-Technologiebörse Nasdaq mit einem riesigen Schneeball-System, das er als Chef seiner Vermögensberatung betrieben habe, um Milliarden gebracht haben. Madoff sagte vor der Bundespolizei FBI laut Anklageschrift aus, dass der Betrug, dessen Volumen er auf 50 Milliarden Dollar beziffert, ganz auf ihn alleine zurückgeht.

Zum Schluss keine Transaktionen mehr

Nach dem Bericht des "WSJ" hatte Madoff zunächst eine Anlagestrategie für seine Kundengelder, die dann aber scheiterte. Später führte er demnach dann kaum noch oder sogar gar keine Transaktionen mehr aus, sondern zahlte lediglich das Geld neuer Kunden an seine Bestandskunden als Rendite aus. Das FBI nahm Madoff vor knapp zwei Wochen fest, inzwischen steht er unter Hausarrest.

Auch Beobachter gehen aber davon aus, dass der mutmaßliche Betrug Madoffs zu lange dauerte und zu viel Geld im Spiel war, als dass der Ex-Börsenchef ihn allein hätte bewerkstelligen können. Madoff hätte demnach sämtliche Bilanzen selbst gefälscht, falsche Verzeichnisse erstellen müssen und das gesamte System, das vor allem auf seinem Namen gründete, ohne jede Hilfe aufbauen müssen. "Es ist fast undenkbar, dass er eine derartige Konstruktion ganz alleine führen konnte", sagte Mace Blicksilver, Chef der Vermögensverwaltung Marblehead.

Auch der Gründer des Fonds Seabreeze Partners, Doug Kass, hält es für undenkbar, "dass ein 70-jähriger Mann das alleine machen kann", sei es auch nur mit Hilfe seiner Buchhalter. "Das ist ein staatlicher Betrug, es ist unmöglich, das alleine oder auch zu fünft aufzuziehen", fügte er hinzu. Im Blick stehen daher etwa die Söhne Madoffs, die eng mit ihrem Vater zusammenarbeiteten, von dem Betrug den Aussagen zufolge aber nichts wussten. Auch die Nichte des Ex-Börsenchefs, Shana Madoff, steht im Blickpunkt. Sie ist mit einem Mitarbeiter der Finanzaufsicht SEC verheiratet.

Die Börsenaufsicht steht in dem mutmaßlichen Betrugsfalls ebenfalls in der Kritik: Bereits Anfang 2006 kamen ihre Kontrolleure einem Medienbericht zufolge fragwürdigen Machenschaften Madoffs auf die Spur. Sie hätten ihre Ermittlungen dann aber wieder eingestellt, weil sie die Unregelmäßigkeiten als nicht schwerwiegend genug gewertet hätten. Nun klagte laut "WSJ" von Dienstag ein Opfer des Finanzjongleurs gegen die SEC. Die New Yorkerin, die zwei Millionen Dollar verloren habe, werfe der Behörde vor, den mutmaßlichen Betrug nicht aufgedeckt zu haben, berichtete die Zeitung. Sie verlangt von der Finanzaufsicht demnach 1,7 Millionen Dollar Schadenersatz.

cte/sam/AFP/AP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.