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Glücksspiel Falsche Fuffziger

Mit Milliardeninvestitionen wollen die großen Kasino-Konzerne das Geschäft mit dem Glück ausbauen - und weltweit expandieren.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Jahrelang konnte der New Yorker Baulöwe Donald Trump in der Spielerstadt Atlantic City machen, was er wollte. Nun kommt ihm sein einstiger Angestellter Stephen Bollenbach in die Quere.

»Atlantic City«, schwärmt Bollenbach, inzwischen Chef der Hilton Hotels Corporation in Beverly Hills, »ist stets unser Ziel gewesen. Jetzt sind wir da.«

Drei Milliarden Dollar kostet den Konzern die Übernahme der Bally Entertainment Corporation aus Chicago samt ihrer beiden großen Spielkasinos am Boardwalk von Atlantic City. Hinter Trump ist Hilton nun Nummer zwei in der Stadt.

»Wenn der Markt eng wird«, kommentierte Bollenbach, »müssen expansive Kasino-Unternehmen eben andere kaufen.« Die Hilton-Gruppe wurde mit dem neuen Deal Nummer eins im Gewerbe.

Hiltons Kauf ist der teuerste, den die Kasino-Branche je erlebt hat. Insider sehen ihn bereits als Höhepunkt eines Trends, den sie, in Anlehnung an den Zukunftsforscher Alvin Toffler, die Dritte Welle nennen. Zum drittenmal seit 1931, als in Nevada das legalisierte Glücksspiel eingeführt wurde, bereinigt eine Gruppe von Unternehmen den chronisch unordentlichen Gambler-Markt.

In den vierziger Jahren hatte die Mafia, mit Meyer Lansky an der Spitze, blutig für Ordnung gesorgt. 20 Jahre später übernahmen private Geldleute wie der exzentrische Einzelgänger Howard Hughes das Gewerbe. Jetzt, wieder 20 Jahre später, ist das Geschäft in der Hand großer Konzerne. Sie werden finanziert von New Yorker Investmentbanken.

Die neuen Eigner polieren die vorhandenen Spielpaläste mit viel Geld auf, sie bauen gewaltige Kasino-Hotels, und sie kaufen, wenn möglich, die Konkurrenz auf.

Die zunehmende Konzentration schafft Ordnung in einer Branche, die in den vergangenen Jahren aus den Fugen geraten war: Seit 1978 erlauben neben Nevada immer mehr US-Bundesstaaten das organisierte Glücksspiel. Es verteilt sich quer über den Kontinent, auf Flußdampfer und provinzielle Pokerhäuser.

Vollends außer Kontrolle geriet das auf Las Vegas konzentrierte Kasino-System 1988 mit der Indian Gaming Regulation Act. Danach durften sämtliche beim Büro für Indianerangelegenheiten in Washington registrierten Stämme auf eigenem Boden Spielhöllen betreiben - auch wenn die Staatsgesetze anderen genau das verbieten.

Die Kasino-Fürsten fürchteten nun die falschen Fuffziger aus ihrer eigenen Zunft. »Ich habe diese Indianer gesehen«, schnaubte Donald Trump einen Besucher an. »Du hast mehr indianisches Blut als die.«

Profitabelstes Spielkasino der Welt wurde bald darauf das Foxwood Resort der 370 Seelen starken Mashantucket Pequots in Connecticut. Mit rund 500 Indianerstämmen im Land könnten über den gesamten Kontinent hinweg einarmige Banditen bedient werden.

Die alten Branchenführer sahen dieser Entwicklung nicht tatenlos zu. Auch sie wollten nun rasch aus ihren Regionen ausbrechen. Mit millionenschwerer Lobby berannten sie die Regierungen selbst so puritanischer Staaten wie Illinois und Connecticut.

In Illinois heuerten ein ehemaliger Gouverneur, ein einstiger Bürgermeister von Chicago, ein Ex-Polizeidirektor und ein früherer Generalstaatsanwalt bei der Kasino-Lobby an. Sie erledigten ihr Geschäft elegant: Illinois erlaubte das Zocken, aber es kassiert darauf 20 Prozent Steuer. Nevada nimmt nur 6 Prozent.

Im Südstaat Louisiana verteilte der Senatspräsident Sammy Nunez 1994 an Kollegen auf dem Senatsflur Umschläge mit 2500 Dollar Kasinogeld als Wahlkampfhilfe. Zur gleichen Zeit spendierte die Glücksspielindustrie in Florida 16,5 Millionen Dollar, als es um ein Referendum über die Legalisierung von Spielhöllen ging. Dennoch wurde das Begehren in einer Volksbefragung mit 62 gegen 38 Prozent der Stimmen abgeschmettert.

Selbst Bob Dole, Präsidentschaftskandidat der Republikaner, kassierte im vergangenen Jahr auf einem von der Kasinogesellschaft Mirage Resorts veranstalteten Fund Raising Dinner rund 350 000 Dollar Wahlkampfgeld. Am Tag zuvor hatte er in Los Angeles noch die Unmoral der Entertainment-Industrie gegeißelt.

Doch die Stimmung im Land drehte sich. Der Ölstaat Texas, dem schnellen Geld sonst zugetan, lehnte Spielhöllen ab. Die Kasino-Konzerne zogen Konsequenzen: Statt sich weiter in der Provinz auszubreiten, schoben sie nun Milliarden in die alten Zentren des Glücksspiels - Las Vegas, Reno, Laughlin, Atlantic City und New Orleans.

Sie begannen mit kinderfreundlichen Kasino-Hotels, denen Vergnügungsparks angegliedert waren. Doch die junge Kundschaft war nicht beeindruckt. Disney oder Universal Studios boten mehr. Dann entstanden sogenannte Themenkasinos, die Las Vegas in einen Illusionsmix von Altertum und Mittelalter verwandelten.

Besucher des neuen Luxor-Hotels fanden sich ins alte Ägypten zurückversetzt. Das Excalibur stellte sich als mittelalterliche Festung dar. Im Treasure Island der Kasinogesellschaft Mirage Resorts laufen Seeschlachten wilder Piraten ab.

Wenn ihr Qualm sich verzogen hat, stolpert der Besucher allerdings unmittelbar ins nächste Jahrhundert: Neben den alten Automaten, an denen Omas ihre Rente aufbessern, stehen neue VIG-1-Pokermaschinen mit 32 Bit-Prozessor, einem Monitor, der 4096 Farben reproduzieren kann, und Stereo-Technik in CD-Qualität.

Das MGM Grand Hotel wiederum befördert den Besucher in die Welt Hollywoods. Und das Spielergenie Bob Stupak, einer der letzten Einzelgänger von Las Vegas, spendierte 20 Millionen Dollar für den 350 Meter hohen Stratosphere Tower mit Aussichtsdeck und luftigem Roller Coaster. Las Vegas brauche einen Mittelpunkt, meinte er, der auf jeder Ansichtskarte zu sehen sei.

Allerdings brachte das Stupak wenig Glück. Ein Feuer während der Bauzeit schreckte potentielle Investoren ab. Das Projekt samt Einkaufszentrum und einem Kasino-Hotel für 550 Millionen Dollar fiel an die Grand Casino Inc. aus Minnesota, deren Chef Lyle Berman Stupak beim Poker kennengelernt hatte.

Solche Sitten sollen nun der Vergangenheit angehören: Nüchterne Manager wie Stephen Bollenbach oder Rand V. Araskog vom Konzern ITT ("Sheraton") aus New York sind bemüht, das Geschäft mit dem Glück vom Hauch des Unseriösen zu befreien.

Bereits 1994 kaufte ITT für 1,7 Milliarden Dollar Caesars World, dem die Kasino-Hotels Caesars Palace in Las Vegas und Atlantic City gehören. Im Juni dieses Jahres verkündete ITT-Chef Araskog ein zusätzliches Entwicklungsprogramm von 2,5 Milliarden Dollar, mit dem die meisten Kasinos des Konzerns generalüberholt werden sollen: »Wir wollen unsere Wettbewerbsposition im Gambling halten und stärken.«

Mit fünf Prozent beteiligte sich Araskog zudem an der neuen Restaurantkette Planet Hollywood International, um den glamourösen Namen für eine Kette von geplanten Glücksspielhotels verwenden zu können. 20 Prozent von deren Umsätzen sollen an die Gesellschafter von Planet Hollywood fließen, darunter die Schauspieler Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone.

Selbst die vornehme Hotelfirma Four Seasons ist sich nicht zu schade für das Kasino Geschäft. Zusammen mit der Las-Vegas-Firma Circus Circus Enterprises, die mit mittleren Absteigen in Nevada und Flußdampfern in Illinois und Mississippi groß geworden war, baut sie ein 700 Millionen Dollar schweres Luxushotel in Las Vegas.

Für weitere 1,9 Milliarden Dollar will Circus-Circus-Chef Clyde Turner binnen vier Jahren sämtliche Grundstücke, die er am Las Vegas Strip reserviert hat, mit Spielhöllen zupflastern - insgesamt 500 000 Quadratmeter.

Die Glücksspielbranche plant in den nächsten Jahren weitere Milliardeninvestitionen: 1,25 Milliarden Dollar soll allein der Kasino-Hotelkomplex der Firma Mirage Resorts in Las Vegas kosten.

Auch Branchenführer Hilton will seine Position ausbauen. Ihm gehört neben dem Las Vegas Hilton auch das legendäre Flamingo-Hotel, mit dem Gangsterboß Bugsy Siegel 1947 das moderne Las Vegas begründet hatte, bevor Mafia-Boß Meyer Lansky ihn wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten erschießen ließ.

Hilton, in der Spielerstadt Atlantic City ebenfalls bestens positioniert, hat noch viel mehr vor: die Globalisierung des Glücksspielgeschäfts.

Der längst weltweit operierenden Hotelgruppe gehören bereits zwei Kasinos in Australien und ein drittes in der Türkei. Spätestens 1998 aber will Bollenbach, gemeinsam mit einem Partner vor Ort, zwischen Johannesburg und Pretoria ein großes Kasino bauen.

Denn am Kap sieht die Glücksspielbranche das Monaco der Zukunft. Gegenwärtig erteilt die Regierung in Südafrika zwar noch sehr zurückhaltend Lizenzen für Spielhöllen. Doch daß sich das ändert, sei, da ist Bollenbachs Vize F. Michael O'Brien ganz zuversichtlich, »nur eine Frage der Zeit«.

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