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25. März 2009, 14:41 Uhr

Falsche Prognosen

Warum Ökonomen so oft daneben liegen

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Schrumpft die Wirtschaft um vier, fünf - oder sogar sieben Prozent? Wirtschaftsforscher überbieten sich in diesen Tagen mit Negativprognosen. Dabei lagen die Experten schon oft daneben, selbst in ruhigeren Zeiten. SPIEGEL ONLINE stellt die schlechtesten Konjunkturpropheten vor.

Hamburg - Die Aussichten für dieses Jahr sind düster, so viel ist sicher. Nur wie düster - das ist die große Frage. Die Bundesregierung erwartet laut einem Zeitungsbericht einen Konjunktureinbruch von 4,5 Prozent, inklusive Steuerausfälle in Milliardenhöhe und mehr als vier Millionen Arbeitslose. Aber vielleicht wird alles auch viel schlimmer. Oder doch nicht?

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Auch die Wirtschaftsweisen lagen daneben
DPA

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Auch die Wirtschaftsweisen lagen daneben

Nie war es so schwierig, eine seriöse Wirtschaftsprognose zu erstellen wie in der aktuellen Megakrise. Manche Ökonomen hoffen bereits auf eine langsamere Fallgeschwindigkeit, wie Ifo-Fachmann Klaus Abberger. Andere sprechen dagegen von einer tiefen Dauerkrise, die noch im kommenden Jahr anhalten dürfte.

Als Laie steht man nur staunend vor all den Zahlen - und weiß nicht, woran man glauben soll. Für große Verunsicherung sorgte in diesen Tagen die Commerzbank . Am Montag veröffentlichte sie eine Studie, wonach die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um bis zu sieben Prozent schrumpfen könnte - damit führt das Geldhaus die Reihe der Negativprognosen an. Einen Tag später teilte das Institut dann mit, die jüngsten Daten zum Einkaufsmanagerindex in der Eurozone machten "Hoffnung auf eine Verlangsamung der wirtschaftlichen Talfahrt im Frühjahr".

Ja, was denn nun? Geht es mit der deutschen Wirtschaft rapide abwärts - oder nur ein bisschen?

Noch nie standen Wirtschaftsforscher so in der Kritik wie in der aktuellen Finanzkrise. Kaum ein Experte hat die Verwerfungen vorhergesehen - und nun, da ohnehin alle wissen, dass es um die Wirtschaft mies steht, überschlagen sich die Ökonomen mit Horrorprognosen.

Manche Kritiker sehen bereits die Gefahr einer sich selbst erfüllenden Vorhersage: Je schlechter die Prognose, desto schlechter wird es tatsächlich. Andere warnen vor einem zerstörerischen Wettbewerb um die pessimistischste Vorhersage. Nach dem Motto: Wenn die Deutsche Bank minus fünf Prozent sagt, behauptet die Commerzbank minus sieben Prozent, damit sie in die Zeitung kommt.

Doch was ist die Alternative? Sollen die Forscher ihre Ergebnisse schönen - damit sich die Konsumenten keine Sorgen machen und weiter fleißig einkaufen? Tatsächlich werden derartige Vorschläge an die Institute - und auch an die Medien - herangetragen. Das Münchner Ifo-Institut sah sich im Dezember genötigt, per Mitteilung etwas klarzustellen: "Für eine Manipulation der Prognose zum Zweck der Beruhigung der Öffentlichkeit steht das Institut nicht zur Verfügung."

Manche Experten kamen der Wahrheit näher als andere

Einen ausgefallenen Vorschlag machte im vergangenen Herbst Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Er forderte einen Prognose-Stopp. In Krisenzeiten ließe sich die Konjunktur ohnehin nicht seriös vorhersagen. Sein Verdacht: Manche Institute wollten mit ihren Negativprognosen die Position der Arbeitgeber für die anstehenden Lohnverhandlungen verbessern. "Vielleicht wird da ein bisschen zweckdramatisiert."

Der Protest der anderen Institute ließ nicht lange auf sich warten: Natürlich brauche das Land Wirtschaftsprognosen, wetterten Zimmermanns Kollegen. Dies gelte umso mehr in Krisenzeiten. Manche Konkurrenten munkelten gar, Zimmermann sei nur frustriert, weil sein DIW beim Gemeinschaftsgutachten der führenden Institute im Herbst nicht mehr mitmachen durfte.

Fest steht: Nicht alle Experten lagen von der Wahrheit gleich weit entfernt. Manche kamen an die Realität sogar recht nah heran, wie beispielsweise die OECD (siehe Tabelle). Das Ifo-Institut hatte schon im Frühjahr vor einem Ende des Aufschwungs gewarnt. "Die Party ist vorbei", lautete die Überschrift einer Mitteilung vom März 2008.

Andere lagen besonders weit daneben. So erklärte das DIW noch im Oktober, die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise seien "beherrschbar". Für 2008 sagten die Forscher ein Wachstum von 1,9 Prozent voraus. Tatsächlich waren es am Ende des Jahres dann nur 1,3 Prozent. In den Schlussmonaten stürzte die Wirtschaft regelrecht ab, Deutschland steckt seitdem in einer tiefen Rezession.

Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut hat ebenfalls schlecht getippt: Die Forscher legten ihre Prognose am 16. September vor - unmittelbar nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers. Trotzdem verkündete das HWWI ein "Abklingen der Finanzkrise".

Natürlich ist der Zeitpunkt der Prognose ein wichtiges Kriterium für die Treffsicherheit - allerdings bei weitem nicht das einzige. So beruhigte das Institut der deutschen Wirtschaft noch im Oktober: "Keineswegs droht der freie Fall in die Rezession." Der Industrie- und Handelskammertag sagte in diesem Monat ein dickes Wirtschaftsplus für 2008 von 1,9 Prozent voraus (siehe Tabelle).

Wie kommen derartige Fehleinschätzungen zustande? Eine Reihe von Gründen lässt sich anführen:

Gerade in Krisenzeiten gibt es viele Unsicherheitsfaktoren. Kaum einem Ökonomen ist es deshalb gelungen, den Wendepunkt vorherzusagen, an dem der Aufschwung zum Abschwung wurde. Und genauso wenig schaffen es die Wissenschaftler jetzt, den Wendepunkt zum Besseren ausfindig zu machen.

"Wir stehen vor dem Dilemma, dass in wirtschaftlich turbulenten Zeiten, in denen die Nachfrage nach Konjunkturprognosen besonders groß ist, die Produktionsbedingungen für wissenschaftliche Prognosen besonders schlecht sind", sagt Wolfgang Nierhaus vom Ifo-Institut.

"Wir hätten manche Hinweise ernster nehmen müssen"

Selbstkritik äußerte vor wenigen Tagen der neue Wirtschaftsweise Christoph Schmidt, der auch Leiter des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) ist. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagte er, die Wirtschaftswissenschaft müsse sich die Frage stellen, warum sie die Krise nicht vorhergesehen habe. "Wir hätten manche Hinweise ernster nehmen müssen."

In der Zukunft dürfe man sich keinen Illusionen mehr hingeben, sagte Schmidt. "Wenn es längere Zeit bergauf geht, ist das keine Garantie dafür, dass das immer so sein muss. Im Gegenteil: Irgendwann platzt jede Blase. Diese Botschaft müssen wir ernster nehmen."

Doch trotz aller Fehlschläge: Prognosen bleiben wichtig: Sie sind Orientierungshilfen für Politiker und Unternehmensbosse. Kein Finanzminister kann einen Haushaltsplan vorlegen, wenn er nicht wenigstens ansatzweise erfährt, wie sich das Bruttoinlandsprodukt und damit die Steuereinnahmen entwickeln. Und kein Manager kann seine Produktion planen, wenn er nichts über den privaten Konsum weiß.

Die Frage ist nur, wie Forscher, Politiker und Medien mit Wirtschaftsprognosen umgehen. "Konjunkturprognosen sind keine Prophezeiungen, sondern bedingte Wahrscheinlichkeitsaussagen", erklärt Ifo-Experte Nierhaus.

Experten wie der Hamburger Professor Ulrich Fritsche fordern deshalb mehr Ehrlichkeit: Die Institute sollten keine punktgenauen Prognosen mehr veröffentlichen. Seriös lasse sich das Wirtschaftswachstum ohnehin nur innerhalb einer Spanne von plus minus einem Prozent vorhersagen. Allerdings gibt auch Fritsche zu: "So etwas kann man der Öffentlichkeit schlecht verkaufen."

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