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AUTOBAHN Falscher Tritt

aus DER SPIEGEL 16/1956

Der Bundesminister für Verkehr, Hans -Christoph Seebohm, DP, hat es wieder einmal verstanden, sich in eine für ihn höchstverzwickte Situation hineinzumanövrieren. Auch diesmal verdankt der Minister das persönliche Malheur seinem rhetorischen Übereifer.

Seebohm hat jetzt die Wahl: Entweder besteht er darauf, daß etwas angerichtet wird, was zwar allgemeinen Verkehrs- und Wirtschaftsinteressen zuwiderläuft, was er aber dennoch seinen Freunden in der Deutschen Partei versprochen hat. Oder er respektiert vernünftige Gründe und verscherzt sich damit die Gunst der bäuerlichen Wähler in seinem Wahlkreis, dem niedersächsischen Heidebezirk Harburg -Soltau.

Die Ursache dieser unbequemen Alternative ist der für einen Verkehrsminister bedenkliche Versuch, vom Rednerpult einer öffentlichen Parteiversammlung herab zu entscheiden, wo bei Garlstorf in der Lüneburger Heide am zweckmäßigsten eine Auffahrt zu der im Entstehen begriffenen Bundesautobahn Hamburg-Hannover gebaut werden soll.

Zu diesem Wagnis hatte sich Seebohm Ende vergangenen Jahres auf einer Versammlung der Deutschen Partei in Buchholz verleiten lassen. Damals hatte ein Parteifreund Seebohms, der Geschäftsführer des Bauernverbandes »Niedersächsisches Landvolk«, Dr. Otto Wilkens, den Verkehrsminister vor Parteimannschaft und Landvolk gebeten, die in der Nähe der Ortschaft Garlstorf geplante Autobahn-Auffahrt um rund drei Kilometer nach Süden zu verlegen, »um bäuerliches Land zu schonen«. Weiter südlich, wo Dr. Wilkens namens seiner Bauern die Auffahrt lieber wissen wollte, liegt der Garlstorfer Wald, ein Staatsforst.

»Es ist ein Unding«, beschwor Parteifreund Wilkens seinen Minister, »für den Bau der staatlichen Autobahnauffahrt privates Land zu enteignen, obwohl in unmittelbarer Nähe Staatsland zur Verfügung steht.«

Die niedersächsischen Bauern schienen gut daran getan zu haben, bei den letzten Bundestagswahlen den Kandidaten Seebohm in direkter Wahl durchzubringen: Der Abgeordnete Seebohm zeigte sich in Garlstorf dafür erkenntlich. Spontan, versprach er die »vom Landvolk« gewünschte Verlegung der Autobahnauffahrt.

Das war kein leeres Versprechen. Kurz vor Weihnachten wies der Verkehrsminister die Vermessungsingenieure in Garldorf an, ihre Nivellierinstrumente und Theodoliten einzupacken und die Vermessungsarbeiten auf dem Land der Bauern unverzüglich einzustellen.

Das mannhafte und prompte Eintreten des Abgeordneten Seebohm für die Interessen seiner Wähler verschaffte dem Minister je doch nicht nur den erwünschten

Publikumserfolg bei den Garlstorfern, sondern

auch handfesten Ärger mit den zuständigen Baubehörden. Der Leiter der niedersächsischen Straßenbaudirektion, Oberbaudirektor, Lillie, schrieb dem Minister: »Die von Ihnen ohne Beteiligung Ihrer Auftragsverwaltung in Niedersachsen angeordnete Verlegung der Anschlußstelle hat neben Zustimmung des Landvolks, und einiger Gemeinden schärfste Ablehnung aller sonst interessierten Stellen erfahren. ...Wir bitten dringend, die Anordnung rückgängig zu machen.«

Seit nahezu zwei Jahrzehnten ist der Bau der Autobahn Hamburg-Hannover und jener Auffahrt bei Garlstorf, abgemachte Sache und auf den Bauplänen der Ingenieure säuberlich aufgezeichnet.

Bereits am 20. September 1939 waren sich die beiden Garlstorfer Bauern Bodo Kommert und Heinrich Wedemann, deren Land der umstrittenen Autobahnauffahrt im Wege liegt, bei einer Besprechung in »Putensens Gastwirtschaft« mit den Herren von der Autobahnverwaltung einig, geworden. Kommert und Wedemann setzten ihren Namenszug unter eine Vereinbarung, in der es heißt: »Der Bauer... tritt... die benötigte Fläche gegen eine noch zu vereinbarende Entschädigung an die Reichsautobahn ab.«

Bauer Wedemnn hatte ohnedies vorher an mehrere Landwirte in Garlstorf rund 28 Morgen Land freiwillig verkauft.

Im Jahre 1956 waren Kommert und Wedemann plötzlich anderer Meinung und erreichten, daß Seebohm diesen Gesinnungswandel als »Forderung des Landvolkes« deklarierte.

Die Autobahnbauer konnten unterdes

darauf hinweisen, daß es entlang der 132 Kilometer langen Baustrecke echte Härtefälle gab, die eher einer Änderung bedurft hätten.

Schließlich trafen sich die am Autobahnprojekt interessierten niedersächsischen Behördenvertreter und Verbände noch einmal mit Seebohnm zwecks gütlicher Einigung. Tagungsort war das Bahnhofshotel. zu Winsen.

In dem von blauen Rauchschwaden durchzogenen Hinterzimmer des Bahnhofshotels wurde dabei offenbar, daß sich infolge der vom Bundesminister gewünschten Verlegung der Autobahnauffahrt der Weg nach Hamburg für den aus Lüneburg kommenden Verkehr um rund fünf Kilometer verlängern würdet

Der Oberkreisdirektor des Landkreises Harburg, Dr. Andreas Dehn, hielt dem Minister überdies entgegen: Wenn die betroffenen Bauern mit ihrem Vorhaben, das sich nur auf Privatinteressen stützt und den allgemeinen Belangen in keiner Hinsicht Rechnung trägt, durchkamen, würde das bedeuten, daß einer unserer schönsten Buchenwälder - Fachleute sprechen von dem schönsten Buchenwald des norddeutschen Raumes - verunstaltet wird.«

Nach dem Reichsnaturschutzgesetz vom 26. Juni 1935 gilt der Garlstorfer Wald als Landschaftsschutzgebiet. Ohne Zustimmung der Naturschutzbehörde darf die Auffahrt durch den Wald nicht gebaut werden.

Dazu der Kreisbeauftragte für Naturschutz und Landschaftspflege Carl Hoffmann: »Herrn Minister Seebohm allen meinen schuldigen Respekt. Aber man kann auf keinen, Fall die naturgemäß begrenzte Information aus Parteikreisen zur Grundlage einer Entscheidung machen, die einer sehr sorgfältigen überparteilichen Prüfung und des Anhörens aller beteiligten Kreise nach den gesetzlichen Bestimmungen bedarf.«

Auch der Verband für das Verkehrsgewerbe in Niedersachsen wußte zur Diskussion beizutragen: »Das neue Anschlußstück der Autobahn würde in hügeligem Waldgelände liegen. Erfahrungsgemäß haben steil verlaufende Straßenkurven in Wäldern schon bei geringem Frost durch Vereisung schwerste Unfälle verursacht. Dies müßte bei Neubauten unbedingt beachtet werden.«

So sah sich Hans-Christoph Seebohm im Bahnhofshotel zu Winsen schließlich einer breiten Front unfreundlich dreinblickender Herren gegenüber. Wie indes der Minister in derartigen Fällen zu taktieren pflegt, veranschaulichte seine Reaktion auf eine Bemerkung, die sich der Oberkreisdirektor Andreas Dehn, des fruchtlosen Diskutierens müde, erlaubte: »Ich habe das Gefühl, daß Sie, Herr Minister, mit Voreingenommenheit an die Behandlung dieser Frage herangehen.«

Der Bundesminister, der zugleich als Versammlungsleiter fungierte, tat beleidigt und entzog dem Oberkreisdirektor das Wort. Diese Entgleisung inspirierte den Lüneburger Oberstadtdirektor Dr. Bötcher zu dem Kalauer: »Die ganze Kompanie hat falschen Tritt, nur der Hauptmann an der Spitze nicht.«

Immerhin versuchte Seebohm, der mißglückten Versammlung doch noch einen versöhnlichen Abschluß zu geben. Er ließ wissen, er werde sich den Fall noch einmal überlegen, um dann eine Entscheidung zu treffen, an welcher Stelle künftig die aus Richtung Lüneburg kommenden Fahrzeuge auf die Autobahn fahren sollen.

Für den Fall, daß der Bundesverkehrsminister bei seinem Beschluß verharrt, seinen beiden Wählern zuliebe die Autobahnauffahrt zu verlegen, brauchen sich die niedersächsischen Behörden jedoch keinesfalls geschlagen zu geben. Die Eigenart der Kompetenzenteilung zwischen Bund und Ländern bringt es mit sich, daß nicht allein der Bundesminister für Verkehr über diese Frage zu entscheiden hat. Einsprüche gegen Landenteignungen beim Autobahnbau werden grundsätzlich im sogenannten Planfeststellungsverfahren vor einem Schiedsgericht entschieden. Im Falle Garlstorf ist der Regierungspräsident in Lüneburg dafür zuständig.

Verkehrsminister Seebohm: Dem Landvolk zu Diensten

Oberstadtdirektor Bötcher

Witz über den Minister

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