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UMWELT Falscher Weg

Innenminister Zimmermanns Versuch, die Wegwerf-Behälter im Getränkehandel zurückzudrängen, scheitert am Widerstand von Industrie und Handel. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Vom Amt und den Argumenten seines Gesprächspartners zeigte sich Lebensmittel-Händler Theo Albrecht wenig beeindruckt. Brüsk lehnte er die Vorschläge des Innenministers Friedrich Zimmermann ab.

In seinen Läden, so der Chef der Aldi-Kette, werde er Bier und Limonade auch weiterhin nur in Dosen und Einwegflaschen anbieten. Die umweltfreundliche Pfandflasche, die Zimmermann fördern möchte, passe nicht in das Aldi-Konzept, der Umgang mit dem Leergut sei zu teuer.

»Das Gespräch«, kommentierte Zimmermann verärgert, »endete nicht zur allgemeinen Zufriedenheit.« Der Innenminister hatte mehr erwartet. Einige Tage zuvor nämlich hatten ihm die Verbandschefs des Lebensmittelhandels versprochen, die Pfandflaschen verstärkt anzubieten.

Die Zusage, so dämmerte Zimmermann nach seinem Gespräch mit Albrecht, könnte vielleicht nicht viel wert sein. So fragte er am 7. Juli brieflich bei den Verbandslenkern an, ob es gelänge, »in 1983 den Marktanteil von Getränken in Mehrwegverpackungen nicht weiter absinken zu lassen«. Die Antworten waren nichtssagend. Auch in seiner Amtszeit, erkannte der Innenminister inzwischen, wird sich der Trend zur Wegwerfgesellschaft fortsetzen - die Industrie plant bereits den Bau mehrerer neuer Getränkedosen-Fabriken.

Noch in diesem Jahr nimmt die Düsseldorfer Firma Gerresheimer Glas zusammen mit zwei Partnerfirmen bei Wien die Produktion von jährlich 300 Millionen Blechdosen auf, 100 Millionen davon sind für den süddeutschen Raum bestimmt. Nur knapp ein Jahr später beginnt in Berlin eine Neugründung des schwedischen Verpackungsmultis PLM und der US-Corporation Ball mit der Fertigung von 600 Millionen Bier- und Limonadendosen pro Jahr.

Zur Zeit werden in der Bundesrepublik jährlich bereits 2,5 Milliarden Dosen abgefüllt. Die kräftige Zusatzproduktion an Wegwerfbehältern, so wird in der Branche erzählt, sei zu einem guten Teil schon an den Oetker-Konzern verkauft. Bayrische Brauer haben ihrem Landsmann Zimmermann gar gesteckt, die großen Braukonzerne planten, den bayrischen Markt mit Blechbier zu Dumpingpreisen zu überschwemmen. Die regionalen Brauer, die überwiegend Pfandflaschen füllen, sollten so in die Enge getrieben werden.

Dabei besteht unter Fachleuten seit langem Einigkeit über die Vorzüge der Pfandflasche gegenüber den Ex-undhopp-Behältern. Abfälle von Getränkeverpackungen machen rund zehn Prozent des Hausmülls aus. Die Müllberge würden noch einmal um ein Viertel wachsen, sollte die Pfandflasche verdrängt werden.

Die Nachteile der Wegwerfgefäße liegen auf der Hand. Gegenüber einer Pfandflasche, die etwa 20mal wiederverwendet wird, ist nach Berechnungen des Umweltbundesamtes *___der Energieverbrauch bei Einwegflaschen und ____Weißblechdosen dreimal, bei Aluminiumdosen zehnmal so ____hoch; *___die Luftbelastung durch Staub-, Schwefeldioxid- und ____Stickoxidemissionen bei der Produktion von ____Einwegbehältern zwei- bis zu dreißigmal so hoch; *___die Gewässerbelastung durch Salze, die bei der ____Herstellung von Einwegflaschen anfallen, zehn bis ____fünfzigmal so hoch.

Tatsächlich ist der Vorteil der mehrfach verwendeten Behälter noch größer. Bierflaschen beispielsweise werden im Normalfall nicht 20-, sondern bis zu 60mal wieder gefüllt.

Dennoch sank der Anteil der in Pfandflaschen verkauften Getränkemengen seit 1970 von knapp 90 Prozent auf weniger als 75 Prozent. Dabei hatte auch Zimmermanns Vorgänger Gerhart Baum nach jahrelangen Verhandlungen 1977 ein Übereinkommen mit den Spitzenverbänden der betroffenen Wirtschaftszweige erreicht. Bereits damals versprachen die Industriepräsidenten, so Baums Staatssekretär Günter Hartkopf, das »Mehrwegebehälter-System ungeschmälert zu erhalten«.

In seinem Buch »Umweltpolitik« analysiert der inzwischen aus dem Dienst geschiedene Spitzenbeamte, warum die Absprache mit der Industrie nicht der richtige Weg war. _(Günter Hartkopf/Eberhard Bohne: ) _("Umweltpolitik I«. Westdeutscher Verlag, ) _(Opladen; 478 Seiten; 42 Mark. )

Verpackungs-, Glas- und Stahlproduzenten sowie der Schrotthandel sind massiv an der Erhaltung des bestehenden Marktes interessiert. Mit Einwegflaschen und Dosen machen sie jährlich einen Umsatz von weit über 400 Millionen Mark.

Bei Wegwerfgefäßen hat der Handel zudem keine Probleme mit dem lästigen Leergut. Die Kosten für die Müllbeseitigung und die Umweltschäden fallen bei der Kalkulation nicht ins Gewicht - die zahlen Verbraucher und Gemeinden.

Hartkopf hat inzwischen erkannt: Für die Verpackungsindustrie bedeutet die Pfandflasche nur Ersatzbedarf, erst die Einwegpackung bringt Umsatz. Für die Großunternehmen der Getränkeindustrie ist der überregionale Absatz nur mit Einwegverpackungen wirtschaftlich attraktiv. Und der Handel verringert durch ein vermindertes Angebot an Getränken in Pfandflaschen seine Personal- und Verwaltungskosten. Das Fazit des Ex-Staatssekretärs: »Nachträglich erscheint die Absprache über die Beibehaltung des bisherigen Mehrweganteils als von Anfang an zum Scheitern verurteilt.«

Der damalige Innenminister Baum versuchte immer wieder, die Firmen zu

umweltfreundlicherem Verhalten zu zwingen: Er drohte, den betriebswirtschaftlichen Vorteil der Einweggefäße durch eine Verpackungsabgabe zunichte zu machen.

Die Industrie nahm solches Imponiergehabe nie ernst. Zu gut wußten die Manager, daß Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff seinem Parteifreund solche dirigistischen Vorhaben schon austreiben würde.

Eine Verpackungsabgabe hatten auch die bayrischen Mittelstandsbrauer, in Sorge wegen der drohenden Schwemme aus den Großkonzernen der Getränkebranche, ihrem Minister empfohlen. Doch der winkte ab.

So viel ist Zimmermann der Umweltschutz nun doch nicht wert. Ein verbrauchslenkender Zuschlag gilt im Unternehmerlager wie in der Union als Sünde wider den Geist freien Unternehmertums. »Da könnte ich ja jeden Tag«, so beschied der Minister die Brauer, »eine neue Abgabe erfinden.«

Immerhin läßt Zimmermann zur Zeit prüfen, ob er die Einzelhändler wenigstens per Gesetz zwingen kann, neben jede Einwegflasche auch eine Pfandflasche mit dem gleichen Inhalt ins Regal zu stellen. Das würde zwar der Pfandflasche kaum zu mehr Marktanteil verhelfen, aber wenigstens dem umweltbewußten Verbraucher eine Alternative bieten.

Zimmermanns Vorgänger Baum ist auch mit dieser bescheidenen Anregung am Einspruch des Marktwirtschaftlers Lambsdorff gescheitert. Doch die Umweltexperten im Innenministerium sind optimistisch.

Sie glauben einen wichtigen Wandel entdeckt zu haben. Wenn sie früher Lambsdorffs Experten damit drohten, eine strittige Frage zwischen den Ressorts von den Chefs entscheiden zu lassen, war die Antwort ein Achselzucken.

Seit ihr Chef es mit Zimmermann zu tun habe, so ein Innen-Beamter über das neue Ressortgefühl, hätten Lambsdorffs Leute viel größere Scheu, bei jedem Streit ein »Chef-Gespräch« zu riskieren.

Günter Hartkopf/Eberhard Bohne: »Umweltpolitik I«. WestdeutscherVerlag, Opladen; 478 Seiten; 42 Mark.

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