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OPEC Fast unglaublich

Trotz ausreichender Vorräte in den Verbraucherländern zogen die Ölpreise weiter an.
aus DER SPIEGEL 44/1979

Der Opec-Führer beschwor seine Kunden, dem Öl-Kartell das Kassieren nicht allzu leicht zu machen.

»Ich bitte Sie herzlich«, appellierte Opec-Präsident Mana Said el-Oteiba, Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Anfang des Monats an die Ölverbraucher, »bieten Sie uns nicht mehr Geld an, als wir in unseren offiziellen Preisabsprachen festgesetzt haben.«

Der seltsame Verkäufer-Appell verpuffte. Nach drei Monaten relativei Ruhe an der Ölpreis-Front trieben die Einkäufer der westlichen Ölgesellschaften in den vergangenen Wochen durch eine fast panische Nachfrage die Preise für kurzfristig verfügbare Öl-Partien auf ein neues Rekord-Niveau.

Aus Angst vor Förderkürzungen in, Iran oder in anderen wichtigen Opec-Ländern griffen die Abnehmer an den freien Ölmärkten wie Rotterdam erstmals selbst bei Preisen über 40 Dollas pro Barrel (ein Barrel 159 Liter) zu -- Preise, die für das Öl-Fachblatt »Middle East Economic Survey« noch »fast unglaublich« sind.

Denn offiziell ist Opec-ÖI nur etwa halb so teuer. Und nach dem Willen des moderaten Opec-Strategen Oteiba wie auch dessen Saudi-Kollegen Ahmed Saki el-Jamani sollten die im vergangenen Juni vereinbarten Opec-Preise noch bis zum Jahresende gelten; und auch danach sollten sie eigentlich nur mäßig steigen.

Den beiden Petropolitikern, die aus ebenso ölreichen wie bevölkerungsschwachen Staaten kommen, ist nämlich nicht an einem möglichst hohen kurzfristigen Öl-Reibach gelegen. Die Amerika-fixierten Öl-Potentaten wollen vielmehr verhindern, daß die westliche Wirtschaft durch abrupte Öl-Preissteigerungen ins Trudeln gerät. Zudem nehmen sie schon weit mehr Öl-Dollar ein, als sie sinnvoll in die Entwicklung ihrer Länder investieren können.

Die neue Preis-Woge in Rotterdam unterspülte sogleich das komplizierte Gerüst offizieller Opec-Preise. Zunächst einmal paßten die Kuweitis ihre Preise dem -- bereits seit Monaten höheren -- Niveau des Iran an.

Die Öl-Manager Ajatollah Chomeinis aber preschten prompt wieder vor. Sie schlugen je nach Öl-Qualität 6,8 bis 14,4 Prozent auf und stießen damit bis an die von der Opec festgesetzte Preis-Obergrenze von 23,50 Dollar vor. Auch die Iraker hoben daraufhin den Preis für ihre beste Öl-Sorte bis an die höchstzulässige Opec-Marke an.

Die Libyer, die für ihr verbrauchernahes und besonders schwefelarmes Öl schon seit Juli den Höchst-Betrag kassiert hatten, jagten den Preis-Lift der Opec noch eine Etage höher. Mit einem Aufschlag von fast zwölf Prozent durchbrachen sie als erste Opec-Produzenten die 23,50-Dollar-Barriere des Kartells. Ihre algerischen Nachbarn zogen mit einem ebenso hohen Zuschlag nach (siehe Graphik).

Durch die neuerliche Teuerung geriet das schon beim letzten Opec-Treffen in Genf nur mühsam zusammengefügte Preis-Puzzle des Petro-Klubs wieder völlig durcheinander. Denn Öl jener Qualität, für die Iran-Kunden nun 23,50 Dollar pro Barrel zahlen müssen, ist bei den Saudis nach wie vor zum Preis von 18 Dollar zu haben.

Dabei täuschen die offiziellen Preise sogar noch über die wahren Preis-Differenzen zwischen den Anbietern von Opec-Öl hinweg. Die besonders rabiaten Ölverkäufer aus dem Iran beispielsweise erwarten von ihren Stammkunden, daß diese neben den vertraglichen Lieferungen zum offiziellen Preis auch Öl-Partien (sogenannte Spot-Mengen) zum fast doppelt so hohen Kurs des freien Ölmarkts abnehmen.

Einem Kunden, der den entsprechenden Wink aus Teheran nicht befolgt, wird kurzerhand die Kontrakt-Menge für das nächste Jahr gekappt.

So schlagen die Perser nach eigenem Eingeständnis etwa 10 bis 15 Prozent ihres Öls zu den lukrativen Bedingungen des Spot-Markts los. Die Saudis dagegen würden gern alle Kartell-Mitglieder verpflichten, kein Öl für Spot-Verkäufe mehr abzuzweigen, damit das Preis-Chaos nicht noch größer wird.

Doch solche Pläne haben keine Chance, solange die Opec-Kunden weiterhin nach Öl gieren wie der Alkoholiker nach der Rasche. Denn mit rationalem Verbraucher-Verhalten sind die Vorgänge auf den internationalen Ölmärkten seit dem vorübergehenden Totalausfall iranischen Öls zu Beginn des Jahres nicht mehr zu erklären.

So haften die Opec-Lieferanten ihre Preise im ersten Halbjahr 1979 um 60 Prozent anheben können, obwohl die globale Ölproduktion in diesem Zeitraum schneller stieg (nämlich um fünf Prozent) als der Verbrauch (drei Prozent): Aus Angst, durch eine erneute Iran-Krise oder andere Lief erstörungen in einen ungewärmten Winter hineinzuschlittern, stockten die Verbraucherländer hektisch ihre Lagerbestände auf.

Die Furcht vor der Öl-Lücke schwand nicht einmal, als die Vorräte in den Tanks der Importeure über den Vorjahres-Pegel hinaus anschwollen. Die Nachschub-Sorgen in den Verbraucherländern steigerten sich diesen Monat vielmehr zu einer neuen Käufer-Hysterie, weil Persiens Öl-Ausfuhr nach einigen Monaten relativ beständiger Lieferungen wieder einmal stockte.

Trotz eines umstrittenen Wechsels an der Spitze der Ölindustrie und trotz zunehmender Unruhen in der Ölprovinz Khusestan behaupteten die neuen Teheraner Öl-Strategen zwar stereotyp, die Produktion Laufe normal. Vor Persiens wichtigstem Ölhafen auf der Golf-Insel Kharg aber wuchs in den vergangenen Wochen wegen schleppender Abfertigung die Schlange wartender Supertanker auf mehr als ein Dutzend an.

Unterdessen nutzten die meisten Opec-Länder den Käufer-Ansturm, um die hohen Marktanteile der Öl-Multis im Welt-Rohölhandel zugunsten direkter Verkäufe an staatliche und kleinere private Gesellschaften in den Verbraucherländern zu beschneiden. Vor allem Iraner und Iraker ließen die als einstige Ausbeuter verhaßten Ölgiganten wie BP, Shell und Exxon wissen, daß sie nur noch mit drastisch verkürzten Lieferungen rechnen könnten.

Es sei für Produzenten wie Konsumenten gleichermaßen vorteilhaft, erklärte der irakische Ölminister Taijeh Abd el-Karim, wenn »die von den Öl-Monopolen gespielte Rolle des Mittelsmannes« zwischen den Opec-Ländern und den nationalen Ölgesellschaften abgeschafft werde.

Vorerst ist allerdings nur zu erkennen, daß die neue Verkaufspraxis Vorteile für die Öl-Verkäufer bringt: Von japanischen Firmen, die erstmals mit dem Irak ins Geschäft kommen wollten, verlangte die Regierung in Bagdad eine Eintritts-Prämie von zusätzlich fünf bis acht Dollar je Barrel Öl.

Die Multis jedenfalls verdienen vorerst noch besser denn je: Die Gewinne des US-Konzerns Exxon, des größten Ölunternehmens der Welt. stiegen im dritten Quartal dieses Jahres um 118 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahres-Zeitraum an. US-Konkurrent Gulf legte 97 Prozent zu.

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