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AIRBUS Fehlendes Geschick

Edzard Reuter steht vor dem Nichts: Ex-Daimler-Kollege Bischoff schnappte dem einstigen Vorzeigemanager den Chefsessel im Aufsichtsrat weg.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Die Chefs der europäischen Airbus-Firmen fanden einen erkennbar voller Zorn geschriebenen Brief auf ihren Schreibtischen vor. Absender war der Airbus-Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter, 69.

In gleichlautenden Schreiben stellte der oberste Airbus-Kontrolleur den mächtigen Chefs der Partnerfirmen Dasa, Casa, Aérospatiale und British Aerospace ein Ultimatum. Sollten die Luftfahrtmanager weiterhin ohne ihn über eine Reform von Airbus Industrie beraten, drohte Reuter, werde er das Mandat noch vor dem Ende seiner Amtszeit im Jahr 2000 niederlegen.

Mit dem Brandbrief wollte der erboste Airbus-Aufseher seine Kollegen zwingen, ihn bei ihren Gesprächen nicht länger auszugrenzen. Doch der Vorstoß ging gründlich daneben. »Ich lasse mich nicht unter Druck setzen«, erregte sich British-Aerospace-Boß Richard ("Dick") Evans stellvertretend für seine Kollegen.

Auch die fanden Reuters forsches Auftreten völlig unangemessen. Die vier Chefs der nationalen Flugzeugfirmen waren in Empörung vereint. Ohne seine Rücktrittserklärung abzuwarten, teilten sie der Öffentlichkeit mit, daß ihr Aufsichtsratschef sein Amt »spätestens 1998« niederlege.

Der schmachvolle Abgang Reuters markiert das Ende einer Bilderbuchkarriere. Noch in den achtziger Jahren wurde der Sohn des früheren Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter als Visionär gefeiert. Politiker und Wirtschaftsbosse suchten die Nähe des intellektuellen Vordenkers und zudem noch SPD-Mitglieds, der die brave Fahrzeugschmiede Mercedes-Benz in einen gigantischen Technologiekonzern umwandeln wollte.

Doch Reuters Pläne scheiterten damals an der rauhen Wirklichkeit. 1995 mußte er als Konzernchef abtreten; als kurze Zeit später bekannt wurde, daß Daimler Milliardenverluste angehäuft hatte, schied er auch aus dem Daimler-Aufsichtsrat aus.

Nur der Vorsitz im Airbus-Kontrollgremium war ihm im Unternehmen geblieben. Reuter wollte es all seinen Kritikern noch mal zeigen. Fast missionarisch verfolgte er seinen Plan, die zerstrittenen Airbus-Partner zu versöhnen und den losen Firmenverbund in eine straff geführte Aktiengesellschaft zu verwandeln. Als Reformer der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie wollte Reuter sich einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern.

Um sein Ziel zu erreichen, trieb der Aufsichtsratsvorsitzende die selbstbewußten Airbus-Manager zur Eile - und brachte alle gegen sich auf. »Herr Reuter«, berichtet einer der Airbus-Chefs, »ließ immer wieder das nötige diplomatische Geschick vermissen.«

Längst hatte ein anderer seinen Job übernommen: Dasa-Chef Manfred Bischoff. In seiner besonnenen Art schaffte es der ausgewiesene Finanzexperte, seine Kollegen auf einen Kompromiß einzuschwören. Statt einer einheitlichen Airbus-AG, wie sie Reuter herbeizwingen wollte, soll nun zunächst eine gemeinsame Holdinggesellschaft entstehen, eine Art Verwaltungszentrale.

Wer will, kann seine Airbus-Produktion gleich komplett in diese Dachgesellschaft einbringen. Wer das nicht will, wie etwa die französische Staatsfirma Aérospatiale, kann mit der Holding einen Pachtvertrag abschließen und sein Eigentum vorerst behalten.

Bischoffs Vorschlag gefiel den Partnern so gut, daß sie ihm spontan die Führung der neuen Airbus-Holding anboten. Doch der lehnte den begehrten Posten ab. »Der Mann hat im Daimler-Benz-Konzern noch eine große Zukunft«, sagt ein enger Vertrauter von Daimler-Benz-Chef Jürgen Schrempp.

Anstelle Bischoffs soll nun der frühere Aérospatiale-Chef Louis Gallois an die Unternehmensspitze rücken, wenn Airbus-Chef Jean Pierson im kommenden Frühjahr ausscheidet. Der Dasa-Chef wird Ende des Monats zum neuen Aufsichtsratschef gewählt.

Auch in der operativen Führung des allmählich entstehenden Konzerns sicherte er sich den nötigen Einfluß. Ein enger Vertrauter von ihm, der heutige Dasa-Luftfahrt-Vorstand Dietrich Russell, wird bald zum stellvertretenden Airbus-Chef aufsteigen. Ein Dasa-Manager bestätigt: »Mit dem versteht sich Bischoff blind.«

Das deutsche Dasa-Duo will den schwerfälligen Airbus-Apparat behutsam reformieren. Auch Bischoff träumt von einem großen europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern, der Flugzeuge, Satelliten und Militärgerät baut.

Branchenkenner erwarten, daß der Dasa-Chef schon bald einen amerikanischen Partner in den Airbus-Verbund locken wird, um gegen US-Konkurrent Boeing bestehen zu können. Im Gespräch ist der US-Rüstungs- und Luftfahrtgigant Lockheed.

Auf dem Aérosalon Anfang Juni in Paris, einer Leistungsschau der Branche, hatte Bischoff signalisiert, daß ein amerikanischer Partner gut zum Airbus-Konsortium passen würde. »Wer sagt denn«, fragte der Dasa-Chef damals, »daß die Airbus-Grenze am Atlantik aufhören muß?«

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Anteilseigner des Airbus-Konsortiums

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