MARKETING Feiern und verdienen
Für Menschen wie Walter Süß gilt seit einigen Jahren eine neue Zeitrechnung: Er zählt die Tage bis zur Jahrtausendwende rückwärts. Etwa um den Tag 1500, also vor drei Jahren, entdeckte er das kommende Großereignis: »Mir war schlagartig klar, da passiert eine gigantische Nummer.«
Der Geschäftsführer eines Zentrums für Medizintechnik ließ sich sofort beim Deutschen Patentamt für 950 Mark die Marke »Millennium« schützen, »für alle Bereiche, in denen ich kompetent bin«. Also für: »Pharmazeutik, Gesundheitspräparate, Kosmetik, Alkohol, alkoholfreie Getränke, Rauchwaren, Munition, Sprengstoffe«.
Seitdem träumt der Mann aus Castrop-Rauxel vom großen Geschäft mit der Millennium-Coke, dem Millennium-Knaller und sonstigen Besonderheiten wie »Millennium-Frauenrasierschaum« und »Millennium-Vitaminen": Per Lizenzvergabe will er »den Coup meines Lebens machen«, 17 Verträge mit namhaften deutschen Unternehmen seien bereits unter Dach und Fach. Die dürfe er zwar nicht nennen, dafür weiß er aber schon, wieviel er damit verdienen kann: »30 bis 40 Millionen Mark Gewinn«, so seine Schätzung.
Die Jahrtausendwende kommt, und Süß ist nicht der einzige, der sich rüstet. Das Ereignis, das nur jede 33. Generation miterleben darf, wird schon im Vorfeld zum mystischen Akt verklärt und von Geschäftemachern aller Art entsprechend planmäßig vorbereitet. Der 31.12.1999 soll zum Mega-Event werden, auch wenn das neue Jahrtausend eigentlich erst 2001 beginnt.
Städte konkurrieren um die spektakulärsten Feste, Firmen um die beste Jahrtausendkampagne, Werbe- und Marketingagenturen mit der ultimativen Idee um den größten Etat. Alles scheint vermarktbar in Sachen Millennium.
Selbst die Politik könnte davon profitieren - glaubt jedenfalls Bernd Michael Britten. »Dieses Ereignis«, sagt der Marketingmann und klingt dabei wie Bundespräsident Roman Herzog, »kann Massen bewegen und zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor werden.« Es könne Deutschland aus der Lethargie reißen, »wenn es nur richtig promotet wird«. Dafür sind Britten und sein »Team Deutschland 2000« da, das »Millennium-Beratung« für Unternehmen, Städte und Gemeinden anbietet. Leider hat ihn noch niemand gebucht, unverständlich, wo doch mit rund zwei Milliarden Menschen »die größte Zielgruppe, die sich ein Marketing-Unternehmen vorstellen kann«, von diesem Ereignis betroffen sei.
Einstweilen vertreibt er »Spezialprodukte zum Jahrtausendwechsel": Jahrtausend-Champagner oder eine 6900 Mark teure »Millennium-Truhe« mit Silberbeschlägen. Auch »Countdown-Uhren« für 69 Mark hat Britten im Angebot.
Hotels und Fluggesellschaften hoffen ebenfalls auf das große Geschäft. Bei British Airways wächst seit Jahren die Liste von Reiseveranstaltern und Privatpersonen, die für die Nacht der Nächte einen Überschallflieger chartern wollen, um beim Übertreten der Datumsgrenze das Jahrtausend gleich zweimal feiern zu können. 180 000 britische Pfund kostet der Flieger schon in Normalzeiten. Die Millennium-Preise liegen natürlich höher.
Die großen Reiseveranstalter haben ein Problem mit den Millennium-Preisen, denn die explodieren geradezu. »Für das Gros der Kunden müssen wir auch buchbare und bezahlbare Reisen anbieten«, klagt Antje Zimmermann vom Veranstalter DER. Doch Hotels und Fluggesellschaften hätten Preisvorstellungen jenseits von Gut und Böse: »Für einen 800-Mark-Holzklasseflug nach New York wollte eine Airline 5000 Mark.«
Nur »ein kleines bißchen« teurer als normal wird das beim Patentamt geschützte »Jahrtausendbier« der Karlsruher Privatbrauerei Höpfner, dessen Etikett der Brauerei-Chef selbst entworfen hat. Weil zwischen Karlsruhe und Iserlohn ein paar hundert Kilometer liegen, stört es auch nicht, daß die Brauerei Iserlohn mit dem »Bier 2000 - das Bier für das neue Jahrtausend« eine ähnliche Idee verfolgt.
Andere Firmen behandeln das Millennium vorerst noch wie eine Geheimsache: Coca-Cola plant »etwas ganz Tolles, das weltweit laufen wird«. Ford hat »viel in der Pipeline, um das neue Jahrtausend besonders zu begrüßen«. Procter & Gamble will »Jahrtausendwende-Aktionen im verbrauchernahen Bereich« machen, etwa mit Pringle's-Chips, Punica-Saft oder dem Antifaltenfluid Oil of Olaz.
Die Wirtschaftsförderer der Städte wollen da nicht zurückstehen. London bereitet schon heute einen großen Millennium-Dom vor. Rund 20 Millionen Mark wird die ultimative Silvesterfete in Berlin kosten, die der Veranstaltungsplaner Willy Kausch im Einvernehmen mit dem Berliner Senat organisiert.
Neben dem geplanten größten Feuerwerk aller Zeiten und einer Rede des Kanzlers hat Kausch weitere Großereignisse für seine Jubelfeier eingeplant. Zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule sollen mehrere hundert Schauspieler Anfang und Ende des Jahrtausendwechsels symbolisieren, ein »alter Mensch« geht an der Siegessäule los, »praktisch als Baby« (Kausch) kommt er am Brandenburger Tor an.
In Hamburg arbeitet Carlheinz Hollmann ebenfalls am Jahrhundertfest - seit 1983. Da hat er den Verein Festival 2000 gegründet, der inzwischen in seine eigene Agentur übergegangen ist, um das Ereignis »nicht nur als Mega-Silvesterfeier, sondern als Aufforderung zum Bewußtseinswandel« zu planen.
Doch das Konzept unterscheidet sich kaum vom üblichen Jubiläumsrummel: eine Vergnügungsmeile mit Freßständen an der Alster, eine Open-air-Bühne mit Johannes-Heesters-Gala und ein Chorauftritt mit Gotthilf Fischer. Höhepunkt: ein Feuerwerk in der City.
Drei Millionen Mark wird die Sause kosten, die Sponsorengelder sind noch nicht beisammen. Hollmann hofft dennoch auf einen Riesengewinn: »Natürlich muß sich das für mich lohnen, wo ich doch seit 15 Jahren daran arbeite.« ANNETTE BEUTLER