Ferdinand Piëch wird 80 Alles im Alleingang

Als Kind gilt Ferdinand Piëch als Versager, später als ebenso gefürchteter wie genialer Techniker und Stratege, jahrzehntelang regiert er VW. Am Montag wird der Patriarch 80 - sein Lebenswerk wankt.

Volkswagen / Getty Images

Von


Es gibt Momente, da erlaubt sich Ferdinand Piëch auch mal eine menschliche Regung. Wie etwa 2012, auf der Einladung zu seinem 75. Geburtstag. Da stand in kleiner roter Schrift: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." Am Ostermontag wird Piëch 80. Und in den vergangenen fünf Jahren ist er extrem selten dazu gekommen, ein ganz anderer Mensch zu sein als Ferdinand Piëch, der Autokrat und Intrigant.

Der Patriarch und frühere Chef des Volkswagen-Konzerns hat Ränke geschmiedet wie nie zuvor. Er hat einen Machtkampf mit seinem einstigen Zögling Martin Winterkorn angezettelt und verloren. Er musste sein Mandat als Aufsichtsratschef niederlegen - aber als wenig später der Skandal um manipulierte Dieselmotoren öffentlich wurde, musste auch Vorstandschef Winterkorn abtreten.

Nun nimmt Piëch offenbar Rache an seinen anderen Widersachern von damals: Kürzlich hat er vier hochrangige Aufsichtsratsmitglieder bezichtigt, ebenso wie Winterkorn schon frühzeitig von den Manipulationen der Motorensoftware gewusst zu haben. Die Beschuldigten sind Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber, Betriebsratschef Bernd Osterloh - und Piëchs eigener Cousin Wolfgang Porsche. Stimmen die Vorwürfe, drohen VW Milliardenzahlungen und Strafen in unbekannter Dimension.

Vor wenigen Wochen hat Piëch noch einmal alle überrascht. Und seinem Bruder Hans-Michel den Großteil seiner Anteile an der Porsche SE verkauft, über die der Piëch- und der Porsche-Clan VW kontrollieren. Im Herbst, wenn die Übertragung abgeschlossen sein soll, wird er wohl auch sein Aufsichtsratsmandat niederlegen. Es ist ein Abgang im Zorn.

Zerstört Ferdinand Piëch sein eigenes Lebenswerk? Mehr als zwei Jahrzehnte lang hat der Österreicher im Alleingang Volkswagen regiert und den maroden Wolfsburger Autobauer in einen Weltkonzern verwandelt. Er galt als genialer Techniker und visionärer Stratege. Aber er war auch sein Leben lang gefürchtet, gehasst und getrieben wie kein anderer.

Härte und Einsamkeit sind Ferdinand Piëch schon aus seiner Kindheit vertraut: auf dem Schüttgut des Porsche-Clans im österreichischen Zell am See. "Burli" nennen sie ihn damals, er gilt als Versager der Familie. Seine strenge Mutter Luise, Tochter des Firmengründers und VW-Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, lässt zu ihrer Rechten nur dasjenige ihrer vier Kinder sitzen, das sich durch besondere Leistungen ausgezeichnet hat. Der Drittgeborene darf kaum mal auf den Ehrenplatz.

Ferdinand ist Legastheniker, ein miserabler Schüler: "zu dumm" für die Uni, wie ein Lehrer urteilt. Als "Burli" ein "ungenügend" in Englisch bekommt, schickt Luise Piëch das Sorgenkind ins Schweizer Pensionat. Ein "Abhärtungsinternat, elitär, schlicht und streng", beschreibt es Piëch später. Hier erkennt er: Vieles ist "nur im Alleingang möglich".

Die neuen Mächtigen

Wer aus der nächsten Porsche-Piëch-Generation künftig den VW-Kurs bestimmen könnte.

Clan Piëch
Clan Porsche
1. Generation
Ferdinand Porsche
1875 - 1951
Aloisia Kaes
1878 - 1959
2. Generation
Louise Porsche
1904 - 1999
Anton Piëch
1894 - 1952
3. Generation
Ernst Piëch
1929
Louise Daxer-Piëch
1932 - 2006
Ferdinand Piëch
1937
Hans Michel Piëch
1942
4. Generation
Charlotte Piëch
Florian Piëch
Sebastian Piëch
Louise Dorothea Kiesling
Josef Michael Ahorner
Markus Piëch
Florina Piëch
Gregor Piëch
Ferdinand "Nando" Piëch
Arianne Piëch
Corinna Piëch
Desirée Piëch
Jasmin Piëch
Ferdinand Piëch
Caroline Piëch
Anton Piëch
Valentin Piëch
Stefan Piëch
Julia Kuhn Piëch
Claudia Piëch
Melanie Wenckheim
Helene Piëch
Sophie Piëch
1. Generation
Ferdinand Porsche
1875 - 1951
Aloisia Kaes
1878 - 1959
2. Generation
Ferdinand Porsche
1909 - 1998
Dorothea Reitz
1911 - 1985
3. Generation
Ferdinand Porsche
1935 - 2012
Gerhard Porsche
1938
Hans-Peter Porsche
1940
Wolfgang Porsche
1943
4. Generation
Ferdinand Oliver Porsche
Mark Philipp Porsche
Kai Alexander Porsche
Hans Porsche
Geraldine Porsche
Diana Porsche
Peter Daniell Porsche
Christian Porsche
Stephanie Porsche
Ferdinand Porsche
Felix Alexander Porsche
Die heutigen Clan-Mitglieder an der Macht.
Wer aus der nächsten Generation Einfluss im VW-Konzern und Clan hat.
Stand: 16.3.2017
FOTOS: DPA, Getty Images, imago/SKAZA, imago/Hannelore Förster, Porsche, Scania

Piëch macht nun alles im Alleingang. Er entdeckt seine große Leidenschaft: die Technik, ganz besonders die von Autos. Er paukt und tüftelt, wird zum Vorzeigestudenten, graduiert 1962 mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren zum Diplom-Ingenieur. Er steigt bei Porsche ein, arbeitet sich schnell hoch - und entwirft den Porsche 917, den ersten Erfolgsrennwagen der Stuttgarter Autoschmiede. 1970 gewinnt das PS-Monstrum die 24 Stunden von Le Mans. Porsches Verkaufszahlen schnellen nach oben. Und Piëch hofft, nun Chef des Unternehmens zu werden.

Fotostrecke

16  Bilder
Ferdinand Piëch: Der Patriarch wird 80

Doch diesen Traum zerstören ihm seine Verwandten. Der Familienzweig der Porsches, angeführt von Piëchs Onkel Ferry, hat Vorbehalte gegen den "Nicht-Namensträger", wie die Porsches ihn verächtlich nennen. Keinesfalls soll einer aus der "Gegenfamilie" ihr Erbe verwalten. 1972 beschließt der Clan eine Satzungsänderung: Alle Verwandten müssen raus aus dem operativen Geschäft. Piëch ist damit abserviert. Und jetzt erst recht entschlossen, es allen zu zeigen.

Der hagere Mittdreißiger fängt neu an: bei der VW-Tochter Audi, ziemlich weit unten. Ende 1992 steigt er ganz oben wieder aus. Piëch hat die angestaubte Marke für Fahrer mit Wackeldackel auf der Hutablage in einen Premiumhersteller umgebaut, bewundert und beneidet für Innovationen in der Serienfertigung wie den Quattro-Allradantrieb, den Fünfzylindermotor, den Turbodiesel TDI oder die ultraleichte Karosse aus Aluminium.

Nun schreibt die Konzernmutter VW Milliardenverluste. Piëch überzeugt die mächtigsten Männer im Aufsichtsrat, Niedersachsens Ministerpräsidenten Gerhard Schröder und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, ihm den Konzern anzuvertrauen.

Öffentlich wagt niemand den Hauch einer Kritik am gefürchteten Chef

Ab Anfang 1993 krempelt er VW rigoros um. Reihenweise feuert der Autokrat Top-Manager, führt mit seinem Personalvorstand Peter Hartz die Viertagewoche ohne Lohnausgleich und flexiblere Arbeitszeiten ein. Er entwickelt die Plattformstrategie: Viele verschiedene Modelle teilen sich eine technische Basis, um die Kosten zu drücken. Und weil der Kontrollfreak höchstpersönlich jedes Modell bis ins kleinste Detail überprüft, nennen sie ihn bei VW den "Fugen Ferdl". Hinter vorgehaltener Hand, versteht sich.

Öffentlich wagt niemand den Hauch einer Kritik am gefürchteten Chef. Er macht ja auch so schon genügend Leute fertig. Oft mit wenigen schneidenden Worten, unterbrochen von quälend langen Pausen zwischen den Sätzen. Einem durchdringenden Blick seiner stahlblauen Augen. Einem eisigen Lächeln.

"Wer nicht spurt oder meine Kreise stört, hat es verspielt", hat Piëch in seiner "Auto. Biographie" geschrieben. Das "Maximum" sei nur erreichbar, wenn man auch an die Grenze des Erreichbaren gehe. "Und an dieser Grenze ist nicht immer Harmonie zu Hause." Aber die Zahlen geben ihm recht. Als Piëch 2002 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselt, macht VW einen doppelt so hohen Umsatz wie 1993 - und dazu Rekordprofite.

Fotostrecke

16  Bilder
Volkswagen-Historie: Vom KdF-Wagen zum Weltkonzern

Piëch ist noch lange nicht fertig mit seinem Lebenswerk. Unter seiner Ägide als Vorstands- und Aufsichtsratschef wächst der Konzern von vier auf 13 Marken. Die Modellpalette reicht vom Drei-Liter-Auto bis zum 1001 PS starken Bugatti Veyron, vom Lupo bis zum Lamborghini. Immer wieder forciert Piëch den Bau von Luxusmodellen - auch wenn einige davon zum Ladenhüter werden, allen voran der Phaeton. Er ist halt ein Autonarr. "Mit Piëch endet eine Ära", sagt Biograf Fürweger. "Er war der letzte Automanager, der selbst an den Fahrzeugen mitgebaut hat."

Und ein Ingenieur der Macht: Weder der Industriespionage-Skandal um den von General Motors geholten Einkaufschef José Ignacio Lopez noch die Affäre um Bordellbesuche und Sexpartys des Betriebsrats auf Firmenkosten können ihm etwas anhaben. Nur die Top-Manager um ihn herum müssen gehen - außer Martin Winterkorn, den er immer höher befördert und 2007 zum VW-Vorstandschef macht.

Sieger im Kampf der Dynastien

Sein Meisterstück wird die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW. Sieht es anfangs so aus, als schlucke der Sportwagenhersteller den Weltkonzern, kommt es am Ende umgekehrt - weil der Pate von Wolfsburg die richtigen Strippen zieht, die klügsten Intrigen spinnt. Die Porsches sind geschlagen, ihr stolzes Haus wird zur bloßen Marke im VW-Konzern. Und über den herrscht zunächst nur einer: Ferdinand Piëch. Der Sieger im Kampf der Dynastien.

Im März 2015 präsentiert VW ein Rekordergebnis: Mehr als zehn Millionen Fahrzeuge hat der Konzern verkauft, mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz und 12,7 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet. Das gab es nie zuvor. Aber nur wenige Wochen später startet Piëch einen neuen Machtkampf: Er erklärt im SPIEGEL, er sei "auf Distanz zu Winterkorn", fordert im Aufsichtsrat die Ablösung seines Zöglings. Doch die anderen stellen sich gegen ihn, Piëch muss hinwerfen. Keine fünf Monate später gibt die US-Umweltschutzbehörde EPA bekannt, dass VW eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Dieselfahrzeuge verwendete, um die Abgasnormen zu umgehen.

Piëch erklärt heute, er habe schon im Februar 2015 Winterkorn auf die Betrügereien angesprochen und im Frühjahr den Aufsichtsrat informiert. Die Beschuldigten behaupten, erst im September 2015 von den Manipulationen erfahren zu haben. Sollte sich herausstellen, dass sie schon früher davon wussten, könnten Anleger womöglich vom Konzern Schadensersatz für Kursverluste ihrer VW-Aktien fordern. Es könnten Milliardenbeträge werden.

"Die erste Generation baut auf, die zweite erhält, meine Generation ist die dritte, die ruiniert normalerweise", hat Ferdinand Piëch einmal gesagt. Das war vor fünf Jahren, er war auf dem Höhepunkt seiner Macht, das Geschäft boomte, und alles deutete darauf hin, dass er diese Regel widerlegen würde.

Heute ist das nicht mehr so sicher.

Die Chronik des VW-Skandals

insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark2@mailinator.com 14.04.2017
1.
Sein Werk mag etwas wanken und es ist natürlich nicht sein Werk allein, sondern sehr viele Menschen haben mitgearbeitet, aber am Ende des Tages hinterläßt er mehr als die allermeisten anderen. Niemand ist perfekt, weder im Charakter noch unfehlbar im Handeln. Bei wenigen haben kleine Fehler so große Wirkungen. Also warum kann man nicht einfach mal den Hut ziehen, aufhören rumzukritteln, sich eingestehen, daß man von sehr vielen Details nichts weiß und nichts versteht und dem Mann seinen Frieden gönnen ? Glückwunsch zu gut genutzten Jahren. Ob es OK ist, das nun zu vererben, ist ein ganz anderes Thema und vielleicht sind ja auch noch viele Jahre Zeit :-).
pauschaltourist 14.04.2017
2.
Glückwunsch. Sein Lebenswerk wird auf immer mit dem Wiederaufstieg VWs verbunden sein. Allerdings auch mit dem Abgasbetrug - der existenziellsten Krise für den nachkriegsdeutschen Industriestandort überhaupt. Von Eskapaden wie Bugatti oder Ducati, die nahe an Untreue rangieren, ganz zu schweigen.
dedoors 14.04.2017
3.
Piech war der/das Beste was Audi bzw später VW passieren konnte. Wünschte es wäre wieder so ein Qualitätsfanatiker und Konstrukteur und Ingenieur im Vorstand. Ähnlich wie, wenn auch im anderen Bereich, Bruno Sacco bei Mercedes-Benz. Solche Menschen prägen Automobilhersteller. Positiv. Leider selten und schwer zu finden.
peterka60 14.04.2017
4. Am meisten tut es ihm wohl weh
... dass er in den letzten Jahren so abserviert wurde wie er früher andere abserviert hat. Geld hat er ja genug, aber dass er verloren hat in seinen Machtspielen, das hat ihn sicher getroffen. Wenn er schon 2015 von den Schummeleien gewusst hat, warum hat er dann nichts unternommen dagegen. Sonst hat er ja auch nie jemanden um Rat gefragt.
Doktorflu 14.04.2017
5. Politik und Commerz plus Pathologie
Ein Gutes hat es. Im großen Stil konnte Er beweisen, wenn ein krankhaft Besessener agiert, hält Ihn keiner auf. Die Wirtschaft nicht, die will Profit. Die Politik nicht die will nicht wissen was die Menschen wirklich brauchen. So wird es auf Ewig sein, bis der chemische Prozess abgelaufen ist und dann ist nur noch Materie da. Da hat die Erde Ihre Ruh.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.