Ferdinand Piëch Mr. VW wird 70

VW-Patriarch Ferdinand Piëch wird heute 70 Jahre alt. Der ebenso machtbewusste wie geniale Autokonstrukteur hat den VW-Konzern geprägt, wie kein zweiter. Und es scheint, als lege er erst jetzt richtig los.


Wolfsburg - Seine Widersacher hat der gewiefte Taktiker allesamt aus dem Feld geschlagen. Den unliebsamen Konzernchef Bernd Pischetsrieder drängte er aus dem Amt - auf dessen Stuhl sitzt nun Ex-Audi-Chef und Piëch-Vertrauter Martin Winterkorn. Und auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat im Machtkampf mit Piëch zuletzt nachgegeben. Und so gilt als sicher, dass er auf der VW-Hauptversammlung - zwei Tage nach seinem runden Geburtstag - erneut zum obersten VW-Kontrolleur gewählt wird.

VW-Aufsichtsratschef Piëch: Leidenschaftslicher Auto- und Technikfreak
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VW-Aufsichtsratschef Piëch: Leidenschaftslicher Auto- und Technikfreak

Für den früheren Vorstandschef und Enkel des Autopioniers und Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche läuft derzeit alles glatt bei VW. Und seine Macht wird wohl noch wachsen. Denn nach Erwartungen der meisten Branchenexperten wird der Europäische Gerichtshof im Sommer das VW-Gesetz kassieren. Dann sind die Stimmrechte nicht mehr wie bisher unabhängig vom Anteilsbesitz auf 20 Prozent begrenzt. Der Einfluss von Porsche - und dessen Miteigentümer Piëch - würde kräftig steigen. Denn die Stuttgarter Sportwagenschmiede besitzt inzwischen über 30 Prozent der VW-Aktien und ist damit größter Anteilseigner vor dem Land Niedersachsen, das auf gut 20 Prozent kommt.

Die Doppelrolle von Piëch als VW-Aufsichtsratschef und Porsche- Miteigentümer war Wulff lange ein Dorn im Auge. Er sah mögliche Interessenkonflikte und die Verletzung der Grundsätze der guten Unternehmensführung. Zum Schluss haben sich die beiden aber wohl zusammengerauft. Das Verhältnis habe sich entspannt, hieß es zuletzt. Der CDU-Politiker sperrt sich nicht weiter gegen eine weitere Amtszeit des 70-Jährigen: Piëch ist und bleibt (graue) Eminenz bei VW.

Der 1937 in Wien geborene Ingenieur gilt als leidenschaftlicher Auto- und Technikfreak. Neun Jahre lang - von 1993 bis 2002 - stand er an der Spitze des Wolfsburger Autobauers, danach wurde er Vorsitzender des Aufsichtsrates. "Autos bauen", nannte er einmal als sein größtes Hobby. Das hat der Österreicher fast sein ganzes Leben lang getan: erst bei Porsche und Audi, dann bei VW.

Audi steigt zur Hightech-Marke auf

Der Sohn des Rechtsanwalts Anton Piëch - seinerzeit VW-Hauptgeschäftsführer in Wolfsburg - und Enkel des Gründers der weltbekannten Sportwagenschmiede Porsche startete seine Laufbahn bei Porsche in Stuttgart. Als Ingenieur begann er dort 1963, wechselte 1972 zu Audi nach Ingolstadt, arbeitete sich bis zum Technikvorstand hoch und rückte 1988 schließlich an die Spitze der VW-Tochter Audi.

Vor allem durch seine Arbeit in Ingolstadt erwarb sich Piëch den Ruf eines brillanten Konstrukteurs und Managers. Durch Entwicklungen wie den Fünf-Zylinder-Ottomotor, die vollverzinkte Karosserie oder die Aluminium-Leichtbauweise machte er Audi als "High-Tech-Marke" zum Konkurrenten von BMW und Mercedes. Auch privat bevorzugt Piëch schnelle Autos.

Als Piëch 1993 VW-Chef wurde, steckte der Autobauer in einer schweren Krise. Massenentlassungen drohten. Dies wendete der von Piëch eingestellte Personalvorstand Peter Hartz zusammen mit Betriebsrat und Gewerkschaft ab - unter anderem durch Einführung der Vier-Tage-Woche, die erst Ende 2006 wieder abgeschafft wurde. Es gelang Piëch mit Hilfe des umstrittenen "Kostenkillers" Jose Ignacio Lopez, den damals zwei Milliarden D-Mark Verlust schreibenden Tanker VW wieder auf Kurs zu bringen. Mit Lopez hatte er sich jedoch ein neues Problem an Bord geholt. Der von General Motors abgeworbene "Spion" soll Geheimpapiere mit zu VW gebracht haben. Es endete mit einem Vergleich, Lopez trat zurück.

Umstrittener schon war seine Strategie, die bodenständige Modellpalette von VW um eine Luxusklasse zu erweitern. Die Konstruktion des Oberklassenmodells Phaeton, mit dem er die Premium-Hersteller Mercedes und BMW angreifen wollte, verschlang viele Millionen. Doch obwohl die Fachpresse dem neuen Flaggschiff höchstes technisches Niveau bescheinigte, geriet des Auto zum vollständigen Flop.

Kritisierte Premiumstrategie

Aber auch die anderen VW-Autos wurden immer teurer - Premium galt bald selbst für die Massenautos der unteren Segmente. Die traditionellen VW-Käufer immer mehr vernachlässigt, lauteten denn auch die Vorwürfe.

Aber auch in einem anderen Bereich agiert Piëch zunächst glücklos. Mit hohem Aufwand hatte er den 3-Liter-Lupo durchgesetzt, das erste Auto, das serienmäßig mit einem Normverbrauch von 2,99 Litern auskam. Doch der hohe technische Aufwand forderte seinen Preis - und den wollte keiner bezahlen.

Damals jedenfalls nicht. Doch die aktuelle Klima-Debatte gibt Piëch im Nachhinein Recht. Ein Grund mehr für den nunmehr 70-Jährigen, seine Vision mit hoher Energie weiter zu verfolgen. In drei bis vier Jahren werde VW ein erschwingliches Ein-Liter-Auto anbieten kündigte er in der "Braunschweiger Zeitung" an. Die sinkenden Kosten für leichte Karosserien zum Beispiel aus Karbon machten dies möglich. Und ließ es sich nicht nehmen, eine Spitze gegen Pischetsrieder loszulassen, der die Entwicklung des Spar-Mobils vor zwei Jahren entgegen seiner Vorgabe eingestellt habe.

Nach seinem Abschied als VW-Chef 2002 wollte Piëch es zunächst ruhiger angehen lassen. Sein Ziel damals: Mit der Familie um die Welt segeln. Doch das ruhigere Leben scheint noch warten zu müssen.

Von Eva Tasche, dpa-AFX

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