Fernsehen im Büro Anpfiff zur Arbeitszeit

Der frühe Anpfiff quält die Fans: Um 16 Uhr tritt Deutschland gegen Ecuador an. Die Parlamentarier im Bundestag wollen schneller debattieren, im Otto-Konzern gibt es eine Großbildleinwand. SPIEGEL ONLINE verrät, welche Firmen TV im Büro erlauben und wo weitergearbeitet werden muss.

Von Anna Bilger


Hamburg - Wehende Fahnen, freie Drinks, Großbildleinwand: Der Otto-Konzern praktiziert die Ausnahme. Dort dürfen viele Arbeitnehmer das WM-Spiel Deutschland gegen Ecuador (ab 16 Uhr Live-Ticker auf SPIEGEL ONLINE) auf einer großen Leinwand verfolgen. Etwa 1000 Leute finden im Unternehmensforum Platz. Allerdings gilt das Angebot nur für Mitarbeiter im kaufmännischen Bereich, im Kundendienst gibt es keine WM-Ausnahme, sagt Unternehmenssprecher Thomas Voigt.

Jubeln mit den Arbeitskollegen? Nur wenige Arbeitnehmer dürfen das Spiel Deutschland - Ecuador während der Arbeitszeit sehen
Getty Images

Jubeln mit den Arbeitskollegen? Nur wenige Arbeitnehmer dürfen das Spiel Deutschland - Ecuador während der Arbeitszeit sehen

Kein Fußball während der Arbeitszeit: Das gilt für die meisten großen deutschen Unternehmen und Arbeitgeber. Wer das Spiel sehen will, muss die Gleitzeit nutzen - so lautet die Antwort vieler Unternehmenssprecher, auch die von Uwe Bensien von der Deutschen Post. Gleitzeit betreffe aber lediglich die Mitarbeiter in der Konzernverwaltung, noch schwieriger werde es in den regionalen Briefzentren und Filialen, sagt Bensien. "Die notwendigen Aufgaben gehen vor. Wegen des Spiels bleiben bei uns keine Briefe oder Pakete liegen."

Späte Mittagspause vor dem Fernseher

Auch bei Daimler Chrysler in Stuttgart sind die Produktionsabläufe wichtiger als die Leistung der deutschen Nationalmannschaft. "Fernsehen ist in den Produktionshallen grundsätzlich nicht erlaubt, weil es zu sehr ablenkt", sagt eine Unternehmenssprecherin. Ganz verzichten müssten die Mitarbeiter aber nicht: Es gebe einen Live-Ticker im Intranet und da wo es nicht ablenke, sei Radio hören erlaubt.

Keine Dienstbefreiung für das WM-Spiel lautet auch die Anweisung in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Wer Fußball wolle, der müsse ausstempeln, sagt ein Sprecher der Behörde. Aber: "Jeder Mitarbeiter hat 30 bis 45 Minuten Pause, die kann er flexibel einsetzen." Zum Beispiel um in der Kantine in der Nürnberger Zentrale wenigstens eine Halbzeit auf dem Fernseher zu sehen. Außerdem müssten die Mitarbeiter in den Service-Centern ja oft schon um 7.30 Uhr mit der Arbeit beginnen und seien dann pünktlich zum Anstoß fertig, heißt es aus der Behörde.

"Sehr verehrte Reisende, zur Halbzeit steht es ..."

Richtig viel zu tun haben heute die Angestellten der Deutschen Bahn. Neben dem Spiel Deutschland - Ecuador stehen noch drei weitere Begegnungen auf dem Plan, zu denen die Fans reisen wollen. Die Bahnmitarbeiter können keines der Spiel sehen, es gibt keine Extra-Bildschirme oder Leinwände, aber immerhin: Auf den Bahnhöfen und in jedem Zug werden die Halbzeit- und Endergebnisse durchgesagt.

Fußballbegeisterte Reisende müssen bei der Lufthansa ebenfalls nicht auf die aktuellen Spielstände verzichten. Die Piloten geben den Passgieren die Tore durch, denn die Verkehrzentrale der Lufthansa tickert die WM-Ergebnisse per Datenfunk in die Cockpits. Lufthansa-Mitarbeiter in Frankfurt können das Spiel in der Kantine auf einer eigens aufgebauten Leinwand verfolgen - sofern keine betrieblichen Belange dagegen sprechen.

Im Bundestag und bei Adidas dürfen alle gucken

"Selbstverständlich dürfen unsere Mitarbeiter Fußball gucken", sagt der Leiter der Unternehmenskommunikation von Adidas, Jan Runau. In der Konzernzentrale in Herzogenaurach gilt die Ansage ausnahmslos - kein Wunder, immerhin sponsert Adidas die WM mit Millionenbeträgen. Die verlorene Arbeitszeit müssen sie allerdings nacharbeiten. Diese Regelung gelte übrigens bei allen Spielen, nicht nur für die Spiele der Deutschen. "Jeder kann gucken, was er möchte. Bei Adidas arbeiten über 50 Nationalitäten, da sind nicht alle für Deutschland", sagt Runau.

Richtig gut haben es heute auch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages: Sie haben entschieden, die Haushaltsdebatte im Parlament um 15.30 Uhr zu beenden. Pünktlich zum Anstoß wollen alle vor den Fernsehern sitzen und die Nationalmannschaft anfeuern.



insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
Fasc 19.06.2006
1. Tja,
---Zitat von sysop--- Um 16.00 Uhr ist Anpfiff des Spiels Deutschland-Ecuador, doch nicht jeder kann via TV bei der Fußball-WM dabei sein. Fernsehen im Büro: Wie tolerant ist Ihr Chef? Zahlt sich die aktuelle Fußball-Euphorie aus? Wie viel können Sie von Klinsmann & Co. bei der Arbeit erleben? ---Zitatende--- zwar bin ich mein eigener Chef, aber sehen kann ich's trotzdem nicht, weil ich eben arbeiten muss. Daher soll's auch kein anderer sehen. Basta. Übrigens bin ich natürlich auf diejenigen, die das Spiel anschauen können, sehr neidisch...
Umberto, 19.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Um 16.00 Uhr ist Anpfiff des Spiels Deutschland-Ecuador, doch nicht jeder kann via TV bei der Fußball-WM dabei sein. Fernsehen im Büro: Wie tolerant ist Ihr Chef? Zahlt sich die aktuelle Fußball-Euphorie aus? Wie viel können Sie von Klinsmann & Co. bei der Arbeit erleben? ---Zitatende--- Mit dem Segen des Chefs kann ich via TV bei der WM dabei sein. Er ist selbst euphorisiert. Wenn das Telefon und auch sonst nichts "stört", kann ich Klinsmann & Co. komplett bei der Arbeit erleben.
MediengruppeTelekommander, 20.06.2006
3. Also Bitte !
An WM-Spieltagen mit deutscher Beteiligung müsste jeder Arbeitgeber per Gesetz dazu verpflichtet werden, es seinen Mitarbeitern zu ermöglichen, das Spiel zu sehen. In voller Länge und ohne störende Einflüsse von außen (z.B. Telefon oder Kundenbesuche). König Fußball regiert nunaml die Welt, davor dürfen wir uns nicht verschließen.
Paradoxin, 20.06.2006
4.
Zum Glück habe ich um 16h Feierabend,und mein Heimweg beträgt nur 10 min.Das Spiel kann ich zu Hause sehen. Und für alle die das Spiel nicht sehen können,weil sie arbeiten müssen,sei gesagt,das Deutschland das Achtelfinale schon erreicht hat.Ob Erster oder Zweitplatzierter ist wurscht,wenn man Weltmeister werden will! Und richtig spannend wird´s erst eh ab dem Achtelfinale. Gruß
Event_Horizon, 20.06.2006
5. Bitte was?
Fernsehen bei der Arbeit? Geht das denn, während des Bürochats? Das finde ich schon etwas merkwürdig, fürs Fernsehgucken auch noch bezahlt werden...
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