Fernsehen ohne Nachrichten "Sat.1 kann seine Sendelizenz verlieren"

Schelte von der Medienaufsicht: Weil Sat.1 mehrere Nachrichtensendungen streicht, droht die Landesmedienanstalt Rheinland-Pfalz mit dem Entzug der Sendelizenz. Direktor Manfred Helmes warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor der Macht anonymer Investoren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Helmes, bestimmen künftig Heuschrecken, was in unseren Medien läuft?

Helmes: Es stellt sich zumindest die Frage, ob man die Medien anonymen Investoren ausliefern sollte. Ich war seinerzeit dafür, dass der Springer-Verlag ProSiebenSat.1 übernehmen darf. Leider ist es anders gekommen. Heute gehört das Unternehmen den Finanzinvestoren KKR und Permira.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es unter Springer besser geworden?

Helmes: Man kann gegen Springer sagen, was man will. Aber wenigstens weiß man, mit wem man es zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist das bei Finanzinvestoren anders?

Helmes: Man kennt die Namen, aber niemand weiß, wer wirklich dahinter steckt. Ein Kabelnetzbetreiber? Berlusconi? Murdoch? Gasprom? Ich weiß es wirklich nicht. Das ist unvereinbar mit unserem Medienverständnis in Deutschland. Wenn sich die enormen Renditeziele der Investoren unmittelbar aufs Programm niederschlagen, halte ich das für sehr bedenklich.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so schlimm daran, wenn es bei Sat.1 keine Nachrichten mehr gibt?

Helmes: Ich möchte die Privatsender auf keinen Fall von der Verpflichtung entbinden, ein Vollprogramm anzubieten. Sonst würde nur noch Schwachsinn produziert. Für das gesamte duale System aus Privaten und Öffentlich-Rechtlichen ergäbe sich eine Schieflage.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Vollprogramm-Verpflichtung?

Helmes: Anders als Spartenkanäle muss ein Sender wie Sat.1 alle gesellschaftlichen, sozialen und politischen Aspekte des öffentlichen Lebens abbilden. Da gibt es im Medienrecht klar definierte Inhalte.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn sich das Unternehmen, wie angekündigt, nicht daran hält?

Helmes: Dann muss man überlegen, ob es die Lizenz noch zu Recht besitzt. Zumindest liegt der Verdacht nahe, dass ein unzulässiger Lizenzhandel vorliegt.

SPIEGEL ONLINE: Was würde das bedeuten?

Helmes: Theoretisch kann Sat.1 seine Sendelizenz verlieren. Aber davor gibt es noch andere Stufen, wir könnten zum Beispiel strenge Auflagen erheben. Das wäre der erste Schritt.

SPIEGEL ONLINE: Könnte sich Sat.1 retten, indem es einfach die Kurznachrichten des Partnersenders N24 übernimmt?

Helmes: Wenn das vernünftig eingebaut wird, dann habe ich nichts dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie jetzt vorgehen?

Helmes: Wir haben ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die gesamte Problematik von Finanzinvestoren in der Medienbranche untersucht - nicht nur bei ProSiebenSat.1. Wenn es vorliegt, werden wir daraus unsere Schlüsse ziehen. Außerdem erwarte ich aus der Politik ein klares Signal, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher.

SPIEGEL ONLINE: Ziehen alle Landesmedienanstalten an einem Strang?

Helmes: Das Problem haben alle erkannt. Zu einer Lösung kommen wir nur, wenn wir eine bundesweit einheitliche Linie haben.

Das Interview führte Anselm Waldermann

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