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WELTWIRTSCHAFT Feuerwall zum Westen

Die Bonner Regierung frohlockt über den Aufschwung, doch die Asienkrise spitzt sich zu: Aus Japan drohen ganz neue Gefahren.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Der Kanzler war beglückt. Über 200 000 neue Jobs im Mai, das höchste Wachstum seit der Wiedervereinigung, eine Inflationsrate, die gegen Null tendiert - der Aufschwung, berauschte sich Helmut Kohl, komme »in einer Deutlichkeit, daß es niemand mehr übersehen kann«.

Derweil war Jürgen Stark wieder einmal unterwegs, um Schlimmeres für die labile Weltwirtschaft zu verhindern. Am Mittwoch um halb acht Uhr morgens wurde der Staatssekretär aus dem Bonner Finanzministerium in der Avenue d'Iena 64-66 in Paris erwartet, dem europäischen Büro des Internationalen Währungsfonds.

Dort traf sich ein vertraulicher Zirkel von Währungsexperten, über den die zuständigen Finanzministerien meist alles dementieren, was an Gerüchten kursiert: Wann und wo die Herren tagen und - vor allem - was sie entscheiden. Schließlich kann ein falsches Wort die sensiblen Devisenmärkte schnell in die eine oder andere Richtung treiben.

Diesmal war es anders. Ja, verriet der Amerikaner Lawrence Summers, es sei um »die Schwäche des Yen« gegangen - »und die Folgen für Asien und die Weltwirtschaft«. Doch der bedrängten Währung half das Treffen wenig. Der Yen rutschte weiter ab - auf den tiefsten Stand seit acht Jahren.

Und so strebt die Asienkrise scheinbar unaufhaltsam ihrem zweiten, womöglich noch gewaltigeren Höhepunkt entgegen. Nüchtern stellt die Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) fest, daß »das Schlimmste« noch nicht vorüber sei, und sie warnt, angesichts der guten Konjunktur in Amerika und Europa in »übergroßen Optimismus« auszubrechen. Auch der Präsident der Welthandelsorganisation, Renato Ruggiero, orakelt: »Wir wissen nicht, wohin das alles führt.«

Denn längst beschränkt sich das Finanzdrama nicht mehr nur auf die ursprünglichen Krisenländer. »Das ist wie ein Schwelbrand«, urteilt Eckhardt Wohlers vom HWWA, dem Hamburger Institut für Wirtschaftsforschung, »das lodert ganz plötzlich immer wieder auf.«

Und derzeit brennt es in immer mehr Ländern lichterloh. So sackte vergangene Woche die Landeswährung von Neuseeland auf den tiefsten Stand seit 65 Monaten. Und der Kurs des australischen Dollar näherte sich jenem Niveau von 1986, das den damaligen Premierminister Paul Keating zu der Bemerkung veranlaßte, sein Land sei eine »Bananenrepublik«.

In Indien und Pakistan taumeln die Währungen ebenfalls, in Südafrika, Rußland und Taiwan intervenierten die Notenbanken, um einen dramatischen Absturz zu verhindern. Und Ungarns Zentralbank versicherte, daß sie genau dieses nicht getan habe; sie wollte damit nervöse Händler beruhigen.

Die größte Gefahr geht von Japan aus. Kleinlaut räumte die Regierung ein, daß die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht mehr wächst, sondern schrumpft; das Finanzministerium befürchtet gar eine »deutliche Verschlimmerung der Flaute«.

Alles, was Tokio derzeit unternimmt, um die Wirtschaft anzukurbeln, scheint nicht zu helfen: Die Notenbankzinsen wurden auf 0,5 Prozent heruntergeschleust - tiefer geht es kaum; das jüngste Konjunkturpaket, mit 230 Milliarden Mark das größte aller Zeiten, wirkt noch nicht; und vergeblich verpulverte die Notenbank rund 20 Milliarden Dollar, ein Elftel ihrer Reserven, um den Yen zu stützen.

Und so reißt Japan, anstatt die Krisenländer mit dem ersehnten Aufschwung nach oben zu ziehen, die ganze Region weiter abwärts. Die Exporte des Landes werden durch den schwachen Yen immer billiger, der ohnehin schon riesige Handelsbilanzüberschuß steigt weiter an - und das macht vor allem China nervös.

Die Volksrepublik hat, abgesehen von Hongkong, als einziges Land der Region bislang nicht abgewertet, und sie hat immer wieder versichert, daß dies nicht geschehen werde. Zwar muß die chinesische Währung, da sie nicht frei gehandelt wird, nicht den Angriff der Spekulanten fürchten, doch bei einem Kurs von 160 oder 170 Yen pro Dollar, so meinen Analysten, werde Peking aufgeben - andernfalls bricht die Exportwirtschaft zusammen. Und dann?

Frankfurter Währungsexperten zeichnen ein »doomsday scenario«. Chinas Währung dient als »Feuerwall zum Westen« - und wenn dieser Wall fällt, würde in Fernost ein neuer Abwertungswettlauf in Gang kommen. Auch Rußland, das den Rubel nur durch eine Verdreifachung seiner Zinsen auf 150 Prozent verteidigen konnte, würde in den Strudel geraten und damit viele Länder in Mittel- und Osteuropa.

Die Asienkrise wäre plötzlich vor der deutschen Haustür und träfe vor allem den deutschen Export. Doch auch die deutschen Banken, die im östlichen Europa noch stärker engagiert sind als im südöstlichen Asien, müßten um viel Geld bangen.

Mittelfristig, so lautet ein Szenario, könnte durch diese Turbulenzen sogar der Dollar unter Druck geraten. Noch dient die US-Währung vielen Anlegern, die bisher ihr Geld in Asien investiert hatten, als Fluchtwährung. Auf Dauer könnte die Aufwertung des Dollar den Anlegern aber auch zu weit gehen: Angesichts des steilen Anstiegs der US-Auslandsverschuldung, so warnt die BIZ, könnten die Finanzmärkte »bald die Geduld verlieren und den Dollar drastisch nach unten drücken«.

Am Ende dieses Domino-Effekts, der via Japan, China und Rußland den Westen erreicht, würde nur eine einzige Währung wirklich aufgewertet werden: der Euro. »Und mit einem viel zu teuren Euro«, orakelt ein Frankfurter Investmentbanker, »würde Euroland pünktlich zum Start im Jahr 2002 gleich in die Grütze gehen.«

[Grafiktext]

Wie viele Yen für einen Dollar bezahlt werden

[GrafiktextEnde]

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