Filmindustrie Hollywood drängt nach Bollywood

Kitsch, unsinnige Dramaturgie und opulente Tanzpracht - indische Filme führen in den Industrienationen ein Exotendasein. Das ändert aber nichts daran, dass ein Milliardengeschäft dahinter steht. Mit Macht drängen deshalb US-Filmkonzerne auf den indischen Filmmarkt.

Von , Neu Delhi


Die neue Epoche begann mit einem grandiosen Flop. Zum ersten Mal hatte ein großes Hollywood-Unternehmen einen Hindifilm produziert. "Saawariya" hieß der Streifen, und Geldgeber war kein geringerer als Sony Pictures, der umsatzstärkste Filmkonzern der Welt. Die Marketingmaschine der Amerikaner funktionierte perfekt. Wochenlang liefen auf etlichen indischen Sendern Werbespots für den Film, in allen großen Tageszeitungen erschienen riesige Anzeigen.

Doch Saawariya unterschied sich markant von den üblichen indischen Produktionen. Zwar hatte Sony beim Dreh mit indischen Drehbuchautoren und Schauspielern und einem indischen Regisseur zusammengearbeitet. Es gibt auch Tanz- und Musicalszenen - unverzichtbar für einen Hindifilm.

Es scheint aber, als hätten sich die Amerikaner nicht getraut, ein vor Farben, unrealistischen Handlungssträngen und Monumental-Tanzszenen platzendes Bombast-Epos zu produzieren. Stattdessen war die Handlung - frei nach dem Dostojewski-Roman "Weiße Nächte" - für einen Hindi-Film ungewohnt düster und unspektakulär. Die Folge: Die Geldgeber konnten aus dem fernen Los Angeles nur hilflos zuschauen, wie ein Kino nach dem anderen ihren Film wieder aus dem Programm nahm.

"Sie mögen das Vermarktungsnetzwerk haben und unerschöpfliche Geldquellen", lästerte Hindifilm-Produzent und Regisseur Mahesh Bhatt anschließend in einem Interview "Aber ein Gespür für den Geschmack der Bollywood-Fans müssen sie erst noch entwickeln."

Jetzt lächeln die Inder

Die Situation mutet paradox an: So wie etwa die Hightech-Branche in den Industrieländern die indischen Newcomer für ihre Versuche, auf den westlichen Märkten Fuß zu fassen jahrelang belächelte, schauen nun die Bollywood-Macher auf die aufkommende Konkurrenz herab. Doch alle Indizien deuten daraufhin, dass sie ähnliche Erfahrungen machen werden, die einst umgekehrt westliche Konzerne machten. Denn man mag von Hollywood denken was man will - mangelnde Professionalität und zuwenig Biss kann man ihm keinesfalls vorwerfen.

Tatsächlich lassen sich die US-Investoren von Sonys Chart zeigen Misserfolg nicht beeindrucken. Gleich zwei große Hollywood-Studios bereiten derzeit ihren Einstieg in das indische Filmgeschäft vor: Disney Chart zeigen und Paramount Pictures. Mit dem Animationsfilm "Roadside Romeo" und der Actionkomödie "Made in China" kommen schon in den kommenden Wochen die ersten beiden Filme in die Kinos. Erst kürzlich hat Indiens größte Produktionsfirma Eros International einen Vertrag mit Will Smiths Produktionsfirma Overbrook Entertainment geschlossen. Geplant sind vier bis sechs gemeinsam produzierte Filme pro Jahr.

Der Grund für die Anstrengung liegt auf der Hand: In Indien winkt ein Riesengeschäft. Während der milliardenschwere Unterhaltungsmarkt in den USA allmählich an seine Grenzen stößt, wächst Bollywoods Filmindustrie, ohnehin bereits die größte in der Welt, jedes Jahr um solide 16 Prozent. 2006 hat die indische Filmschmiede bereits 2,1 Milliarden Dollar umgesetzt. In drei Jahren sollen es über vier Milliarden sein.

Der Vorstoß der amerikanischen Unterhaltungsmultis auf den indischen Markt ist erst möglich, seit sich die Finanzierung der Bollywood-Streifen immer mehr westlichen Standards angleicht. Michael Lynton, Chef von Sony Pictures, sagte: "Es ist einen Tatsache, dass das Geschäft in Indien immer mehr so wird wie im Rest der Welt."

Bis vor ein paar Jahren waren etliche der über tausend Filme, die Bollywood jedes Jahr ausspuckt, vollständig von Mumbais Unterwelt finanziert. Die Mafiabosse drückten "ihren" Filmen dabei häufig den eigenen, mitunter recht kernigen Geschmack auf. Helden waren die Gangster, die alle ihre Gegner brutal töteten, Polizisten waren durchweg böse und korrupt, und als Belohnung für seine blutige Odyssee bekam der zum Helden aufgestiegene Verbrecher am Ende seine Traumfrau, ein ehemaliges Fotomodel.

Auch deutsches Geld fließt nach Bollywood

Heute werden auch die indischen Filme größtenteils über Produktions-Joint-Ventures mit der Industrie und Investmentfonds finanziert. Durch den Vorstoß der US-Konzerne wird nun auch viel deutsches Geld in Bollywood landen. Denn deutsche Anleger investieren besonders gerne in die milliardenschweren Hollywood-Filmfonds. Diese von Branchenkennern abfällig "stupid German money" genannte Kapitalanlage wird nun wohl auch die indische Filmmaschinerie mit ihren monumentalen Kulissen und zahlreichen Musicalszenen mit Hunderten von Tänzern ölen.

Doch indische Filmproduzenten wären nicht indische Filmproduzenten, wenn sie es nicht verstünden, den amerikanischen Vorstoß in ihre Welt für die eigene Expansion zu nutzen. Sie suchen nun ihrerseits nach US-Schauspielern, die in ihren Filmen mitspielen. Mit George Clooney hat unlängst einer der größten Hollywood-Superstars seine Bereitschaft dazu angedeutet. Die Sängerin Avril Quadors mokierte sich anschließend darüber, wie rasend lustig es wäre, Clooney auf Hindi "Mein tumse pyaar karta hoon (Ich liebe Dich)!" sagen zu lassen. Regisseur Indrajit Lankesh schlug eine andere Lösung vor: Zweisprachige Filme, in denen die Protagonisten aus beiden Welten zusammentreffen: "Entweder spielen die Schauspieler aus aller Welt sich selbst, oder ihre Rolle wäre, einen Amerikaner in Indien zu spielen."

Ram Mirchandani, der Vize-Vorsitzende von Eros International, also jener Produktionsfirma, die nun mit Will Smith zusammenarbeitet, sieht darin durchaus einen guten Ansatz. Die Story müsse in Indien und in den USA handeln und sowohl dem indischen Publikum als auch den Zuschauern in den USA gefallen, erklärte er. "Ein 'Crossover-Kino' sozusagen."

Eine erste rein indische Produktion mit teilweise amerikanischer Besetzung ist auch schon in der Mache. Regisseur Sabir Khan bereitet gerade seinen Film "Kambakht Ishq" über einen indischen Stuntman in Hollywood vor. Als Hauptdarsteller hat er die beiden Bollywood-Superstars Akshay Kumar and Kareena Kapoor verpflichtet. Doch zwei der Darsteller für die Nebenrollen haben es in sich: Pop-Ikone Beyonce soll sich dazu bereit erklärt haben, in dem Streifen mitzuspielen, ebenso: Arnold Schwarzenegger. Es wäre der erste US-Gouverneur in einer Bollywood-Produktion.



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