Filz made in USA Der Senator und die dankbaren Banker

Ex-Präsidentschaftskandidat Phil Gramm und seine Frau Wendy haben viel getan für das Wohlergehen von UBS Warburg. Die Investmentbank bedankt sich nun auf ihre Art: Gramm wird Vize-Chef.


Senator Gramm: Vizechefposten als Dankeschön?
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Senator Gramm: Vizechefposten als Dankeschön?

Washington - Manche alte Herren aus der Hauptstadt haben ihre Blütezeit vielleicht schon hinter sich, doch ihre Kenntnisse sind immer noch wertvoll. Jedes Jahr scheiden etliche Regierungsbeamte der US-Notenbank oder des Finanzministeriums in Washington aus dem Dienst für die Öffentlichkeit - und machen ihr Wissen um die Tücken des Regulierungs-, Bilanzprüfungs- und Steuerrechts dort zu Geld, wo man solche Informationen gut brauchen kann: an der Wall Street. Amerikanischer Alltag, unspektakulär.

Auch der Noch-Washingtoner Phil Gramm ist so ein Insider. Bis Jahresende wohnt er noch in der Hauptstadt, dann verlässt auch er seinen bisherigen Arbeitsplatz und zieht nach New York. UBS Warburg heißt sein neuer Arbeitgeber, eine Investmentbank, Tochter der Schweizer UBS. Alltag eben, hätte der Fall nicht zwei Besonderheiten: Gramms neuer Job bei UBS Warburg ist der eines Vize-Chefs. Und Gramms noch bestehender Job bei der amerikanischen Regierung ist der eines Senators.

UBS-Bank: Zuschlag für Enrons Handelsgeschäft
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UBS-Bank: Zuschlag für Enrons Handelsgeschäft

Dort war er Vorsitzender des Bankenausschusses, jahrzehntelanger Befürworter einer rigorosen Deregulierung der Finanzmärkte und Macher eines nach ihm benannten und äußerst umstrittenen Gesetzes, dass 1999 die Wall Street jubeln ließ: Es erlaubte den Banken, Brokerage-, Versicherungs- und Bankgeschäfte wieder unter einem Dach zu betreiben. Es ist das Gesetz, dass im Mai 2000 das Entstehen von UBS Warburg ermöglichte. Die Investmentbank hat dem Senator wahrlich viel zu verdanken.

Der Republikaner Gramm kann nicht verstehen, dass die amerikanischen Medien von "Wall Street Journal" bis "New York Times" den hochbezahlten Posten bei UBS Warburg als Dankeschön der Banker an den hilfreichen Senator interpretieren. Er wolle der beste Investmentbanker werden, der jemals nach New York gekommen sei, sagt Gramm - was macht es da schon, dass der Berufspolitiker bereits 60 Jahre alt ist und vom komplizierten Brokeragegeschäft praktisch keine Ahnung hat? Gramm hat andere Qualitäten. Seine Frau Wendy zum Beispiel.

Anfang der neunziger Jahre war Wendy Gramm Vorsitzende der "Commodity Futures Trading Commission", einer staatlichen Kontrollkommission, die den Handel auf dem Energiemarkt überwachen soll. Doch Wendy Gramm sah ihren Auftrag eher in der Deregulierung der Energiekonzerne. Sie befreite ein Unternehmen von der staatlichen Kontrollaufsicht, das seit Ende vergangenen Jahres in den USA sehr bekannt geworden ist: Enron. Von diesem Zeitpunkt an sponsorte der Konzern den Wahlkampf von Wendys Ehemann Phil. "Wenn der Senator und seine Frau tanzten, dann oft zum Takt von Enron", schrieb die "New York Times".

Ex-Enron-Chef Kenneth Lay bei einer Anhörung im Senat: Unterstützung für den texanischen Senator
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Ex-Enron-Chef Kenneth Lay bei einer Anhörung im Senat: Unterstützung für den texanischen Senator

Enron zeigte sich dankbar. Wendy Gramm wechselte die Seiten und saß ab 1993 im Aufsichtsrat des Konzerns. Enron vertraute ihr die Finanzaufsicht an. Doch von den Bilanzfälschungen der Enron-Manager, die das Unternehmen in eine der spektakulärsten Pleiten der US-Geschichte trieben, scheint sie dennoch nichts bemerkt zu haben. Als im Januar 2002 Enron Insolvenz anmeldete, suchte der Aufsichtsrat einen Weg, die immensen Stromkapazitäten des Energieriesen auf einen Schlag zu verscheuern, ohne dass die US-Regierung die Verteilung übernehmen würde. Wendy Gramm und ihre Aufsichtsratskollegen erteilten einer Investmentbank den Zuschlag, die das Handelsgeschäft von Enron übernahm, und das auch noch umsonst. Die Bank hieß UBS Warburg.

Bei der Masse solcher Zufälle kann es niemanden mehr aufregen, dass Enron den Wahlkampf des Senators Phil Gramm zwischen 1989 und 2001 mit knapp 100.000 Dollar unterstützt haben soll. Doch wenn der Senator nun ausgerechnet bei der Bank Vizechef wird, die den Zuschlag für die lukrative Enron-Übernahme erhielt, wird er sich sehr anstrengen müssen, den Anschein, der ehrenwerte Senator sei bestechlich, aus der Welt zu schaffen.

Aber der lautstarke und im Ton äußerst rüde Texaner, der seit 24 Jahre im Kongress und davon 18 Jahre lang im Senat sitzt, wird sich zu wehren wissen. Gramm, der sich stets als Mann des Volkes in Szene setzten wollte, verstand es schon früh, mit bizarren Methoden die Sympathien der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Wenn er im Senat Entscheidungen zu treffen hatte, fragte er zuvor sich vor allen verfügbaren Fernsehkameras, wie Dicky Flatt, eine Phantasiefigur, Modell "ost-texanischer Kleinstadtgeschäftsmann", entscheiden würde - und gab dann seine Stimme ab. In den Wochen vor seiner Entscheidung für den Posten bei UBS Warburg hatte Gramm stets unüberhörbar verkündet, nach seinem Ausscheiden werde er ein Geschäft eröffnen "oder Schäfer werden oder was auch immer".

Der Demokrat, der zu den Republikanern wechselte, hat jedoch auch schon Erfahrung mit wenig erfolgreichen politischen Schlammschlachten gemacht. 1996 wollte er als Kandidat der Republikaner die Wahl gegen Bill Clinton gewinnen - doch er verlor in den Vorwahlkämpfen gegen seinen Parteifreund Bob Dole. Er sei eben "zu hässlich, um Präsident zu werden", polterte Gramm damals. Doch Schäfer muss er ja jetzt nicht mehr werden. Zum Vize-Chef einer der größten Investmentbanken der Welt hat es gereicht.

Hendrik Ankenbrand



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