Finanz-Skandale Profit ohne Moral

Es ist der Sommer der Affären und Krisen – Siemens, IKB, SachsenLB. Die Häufung ist kein Zufall, sie ist systembedingt: Der Druck, Erfolge zu produzieren, veranlasst die Manager, immer höhere Risiken einzugehen.
Von Wolfgang Kaden

Was ist los in der (deutschen) Unternehmenswelt? Haben wir es nur noch mit einer Horde von Zockern und Halbkriminellen in den Führungsgremien zu tun?

Beim einstmals langweiligen Siemens-Konzern tauchen immer neue schwarze Kassen auf, die Bestechungssummen erreichen inzwischen schwindelerregende Höhen. Mit der SachsenLB hat sich nun, nach der Mittelstandsbank IKB, das zweite deutsche Geldhaus bei der Hypothekenfinanzierung verhoben. Vorher schon hat es, nach fehlgeschlagenen Spekulationen mit Aktien, bei der WestLB mächtig gekracht.

Hier die Korruptionsaffäre, dort gerade noch mal abgewendete Bankencrashs - beide Ereignisse haben auf den ersten Blick nichts miteinander gemein. Solche Unfälle sind nun mal, könnte man meinen, unvermeidlich im realen Wirtschaftsleben, das schließlich von Menschen mit all ihren Defiziten gestaltet wird.

Doch das ist zu kurz gesprungen. Es drängt sich Verbindendes auf: Die Siemens-Affäre wie die Beinahe-Crashs in der Bankenszene erscheinen als Indiz für eine zunehmende Verrohung der Sitten im Geschäftsleben; für eine wachsende Neigung im Management, unternehmerische Ergebnisse mit Mitteln zu erzielen, die jenseits bisher allgemein akzeptierter Standards liegen.

Performance um jeden Preis

Performance heißt das neudeutsche Schlüsselwort - Performance muss gezeigt werden, um beinahe jeden Preis. Entscheidend ist nur noch das Ziel, eine immer bessere Rendite, nicht mehr der Weg dorthin.

Was wir in diesem Sommer verschreckt registrieren, ist das Resultat einer Radikalisierung in der Unternehmenswelt. Der Wettbewerb um die guten Plätze - zwischen den Unternehmen und innerhalb der Unternehmen - hat kriegerische Ausmaße erreicht, und im Krieg gibt es bekanntermaßen nur Sieger und Verlierer.

Moral und Ethik sind Themen für feierliche Symposien. Im geschäftlichen Alltag gewinnt der, der vor nichts zurückschreckt, auch nicht vor dem höchsten Risiko und der ultimativen Grenzüberschreitung. Die Kollegen beim Wettbewerber handeln ja nicht anders. Wer in diesem Kampf nicht mithält, der hat schnell ein Problem - je nach seiner Position im Unternehmen gegenüber dem Vorgesetzten, gegenüber dem Vorstand oder, bei denen ganz oben, gegenüber den Analysten, der Börse, den Medien.

Zunächst zur Finanzkrise. Es macht einen fassungslos, wenn man erfährt, dass milliardenschwere Kredite aus den Bankbilanzen herausgenommen und in Gesellschaften mit so blumigen Titeln wie "Rhineland Funding Global Corporation" oder "Ormond Quay" versteckt werden. (Eine Frage, nur nebenbei: Wussten eigentlich die Wirtschaftsprüfer und die Bankenaufsicht nichts von diesen Ablegern?)

Kontrollen werden immer schwieriger

Seit Jahren verfolgen wir schon mit Staunen, mit welcher Kreativität die Finanzingenieure immer neue Instrumente basteln. Viele dieser Schöpfungen sind durchaus hilfreich, um Risiken breiter zu streuen. Aber offenkundig ist das globale Finanzsystem durch den Erfindungsreichtum nicht sicherer geworden: Die neuen Methoden erschweren die Kontrolle; und vor allem: Sie haben die Akteure zu immer waghalsigeren Engagements verleitet.

Anstand und Spielregeln gibt es in diesen Kreisen nicht mehr. Keiner bezweifelt, was in der Frankfurter Bankenszene kolportiert wird und worüber die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" dieser Tage berichtet hat: Dass die Deutsche Bank, gesteuert von ihren Londoner Investmentbankern, erst das zweifelhafte Kreditportefeuille an die IKB verkauft und treuhändisch verwaltet habe, alsdann die Kreditlinie gesperrt sowie die Finanzaufsicht informiert habe und schließlich als eine der Ersten "zu Ramschpreisen" zugriff.

Kreditausfälle und Bankenzusammenbrüche haben die Wirtschaftswelt immer schon in regelmäßigen Abständen erschüttert, sie gehören zum kapitalistischen System.

Was es in dieser Dimension bisher nicht gab, und was die aktuelle Finanzkrise so bedrohlich erscheinen lässt, das ist nicht nur die immer engere Verflechtung und die Undurchschaubarkeit der globalen Geldindustrie. Das sind vor allem die Spieler, die sich dort tummeln: Getriebene, ohne jedwede Skrupel; Zeitgenossen, für die nur die Erfolgszahlen von Belang sind.

Wettbewerbsdruck hat zugenommen

Nun zur Siemens-Korruptionsaffäre. Die Menschen, die bei den Münchnern Kraftwerke oder Telefonnetze verkaufen, sind sicher ein anderer Typus als jene, die ihr Geld bei Goldman Sachs oder dem Investmentableger der Credit Suisse verdienen. Am Landgericht Darmstadt waren jetzt zwei dieser Siemens-Herren zu besichtigen, die wegen Beihilfe zur Bestechung verurteilt wurden: bieder-deutsch, nichts Verruchtes, eher der Typus des soliden Oberstudienrats aus der Provinz.

Helle Empörung allerorten über deren und ihrer Kollegen Tun. Zu Recht. Aber: Was treibt solche Menschen von nebenan dazu, alle internen Vorschriften zu ignorieren, schwarze Kassen anzulegen und mittels Scheinrechnungen Millionen an Schmiergeldern zu überweisen?

Hier kommt wieder das Zauberwörtchen Performance ins Spiel. Aufträge müssen reingeholt werden, hochprofitable Aufträge, um die Renditevorgaben der Konzernspitze zu erfüllen. Was zählt, ist allein der Erfolg, die Mittel interessieren nicht. Und die Herren im Vorstand haben im Zweifel weggeschaut: Die Drecksarbeit sollen andere erledigen.

Was also lernen wir, vielleicht, in diesem Sommer der Affären und Krisen? Digitalisierung, Globalisierung und die Eigendynamik der Finanzmärkte treiben die Menschen in den Unternehmen mit immer höherem Tempo voran: speed, speed, speed. Der Druck steigt kontinuierlich. Wer Erfolg haben will, muss immer mehr wagen – und zuweilen riskiert er mehr als erlaubt oder vernünftig ist.

"Zwischen Profit und Moral"

Dabei ist es ja nicht einmal immer nur die nackte Gier der Gordon Gekkos, die die Unternehmenswelt in Krisen und Skandale stürzt. Natürlich, die Investmentbanker jagen zunächst einmal hinter ihren millionenschweren Bonuszahlungen her; und manch einer der Siemens-Leute soll ja der Versuchung nicht widerstanden haben, sich ein wenig selbst aus der schwarzen Kasse zu bedienen. Aber häufig geht es bei den riskanten bis kriminellen Geschäften vor allem darum, die hohen Erfolgsvorgaben zu erfüllen, wer auch immer sie setzt.

In einem kleinen, lesenswerten Buch mit dem Titel "Zwischen Profit und Moral" aus dem Jahr 2003 hat der damalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer einen Aufsatz geschrieben, in dem der Satz zu lesen ist: "Leider ist in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck entstanden, die auf Shareholder-Value getrimmte Welt der Manager führe zum Verlust tradierter Werte." Das bezog sich damals hauptsächlich auf Fälle von Bilanzfälschungen wie Enron und Worldcom. Heute, vier Jahre später, müssen wir leider konstatieren, dass der Eindruck von damals so falsch wohl nicht war; dass es vielleicht doch so etwas wie eine "systembedingte breite moralische 'Erosion'" gibt, die von Pierer damals bestritt.

An dieser Entwicklung sind viele beteiligt. Jene, beispielsweise, die dafür sorgen, dass an den Börsen nur noch in kurzen zeitlichen Dimensionen gedacht und gehandelt wird, dass kleine Misserfolge dort sofort gnadenlos mit Kursverfall abgestraft werden. Auch wir von den Medien, wenn wir die Erfolgreichen des Wirtschaftslebens zu Superstars aufbauen und wenn wir, umgekehrt, aus einem gut erklärbaren, nachvollziehbaren Ergebnisrückgang gleich einen "Gewinneinbruch" machen.

Noch einmal, zum Schluss, der ehrenwerte Heinrich von Pierer: "'Restoring trust', also die Wiederherstellung des Vertrauens in ein Wirtschaftssystem, dessen Spielregeln akzeptiert und eingehalten werden, ist das Gebot der Stunde", schrieb der Siemens-Mann 2003 in seinem Aufsatz. Wo er Recht hat, hat er Recht. Leider auch noch 2007.