Brief aus Griechenland "Liebe deutsche Steuerzahler..."

Griechenland bittet um weitere Finanzhilfen, Deutschland zeigt sich bislang hart. Dabei wäre ein griechisches Euro-Aus auch für die Deutschen schädlich - und das nicht nur mit Blick auf die nächsten Ferien. Ein sehr persönlicher Hilferuf aus Thessaloniki.

Geschlossener Laden in Athen: "Ist Abschreckung das Ziel?"
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Geschlossener Laden in Athen: "Ist Abschreckung das Ziel?"

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Liebe deutsche Steuerzahler,

zu Schulzeiten habe ich eine Erfahrung gemacht, die mich an die heutige Lage meines Landes erinnert: Mit 15 fragte ich meinen besten Freund, ob er mir ohne weiteres 10.000 Drachmen leihen würde. "Kommt drauf an, wofür", sagte er. "Ich würde sie dir für eine Herzoperation geben, aber nicht für einen neuen Computer."

Die Einschränkung machte mich damals wütend. Doch wir haben uns wieder vertragen, ich wurde später sogar sein Trauzeuge und bin seitdem um eine Einsicht reicher: Man bekommt im Leben nur selten etwas einfach so.

Deshalb verstehe ich auch die fast 70 Prozent von Ihnen, liebe deutsche Steuerzahler, die uns laut einer aktuellen Umfrage mit Ihrem hart verdienten Geld keinen neuen Schuldenschnitt finanzieren wollen. Aber ich würde Sie gerne überzeugen, dass solche Großzügigkeit in Ihrem eigenen Interesse ist.

Erst einmal wären mit einem Euro-Austritt Griechenlands auch rund 50 Milliarden Euro weg, die Sie uns bereits geliehen haben – von anderen unschönen Folgen eines Grexit ganz abgesehen. Außerdem verließe Griechenland zwar den Euro, aber nicht Ihre Titelseiten und Bildschirme. Mich hat mal ein Berliner Taxifahrer sehr beeindruckt, weil er aufgrund der ständigen Krisenberichterstattung den Namen eines griechischen Vizeministers kannte. Das griechische Drama würde Sie auch nach einem Euro-Aus über Jahre verfolgen. Die Nachrichten im Fernsehen, auf ihrem Tablet und Smartphone wären voll mit Berichten über einen gescheiterten Staat mitten in Europa und über die griechische Bevölkerung, die unter Importkürzungen, Kapitalverkehrskontrollen, einer Hyperinflation und einer extremen Armut leiden würde. Und raten Sie mal, wer dafür verantwortlich gemacht würde: Ganz genau, Sie und Ihre Regierenden.

Dann ist da die mögliche Kettenreaktion: Wenn Griechenland den Euro verlässt, dann könnten ihm andere Euro-Schwächlinge folgen – sogar freiwillig. Wie der US-Ökonom Paul Krugman dargelegt hat, könnte Griechenland ohne Euro zum Erfolgsmodell werden, das andere Länder imitieren wollen. Die Rückkehr zur Drachme hätte nämlich nicht nur den Vorteil, dass man sie abwerten kann, sondern auch, dass die griechische Zentralbank ungebremst Geld drucken darf. Für Deutschland wäre das katastrophal: Der Euro würde immens aufwerten, und die Wirtschaftsstärke Ihres Landes stark abschwächen. Deutschland würde viele innereuropäische Handelsmärkte verlieren und damit auch den Titel "Europas Motor".

Bevor Sie jetzt sagen, ich sei ja ganz schön großzügig mit Ihrem Geld, würde ich gerne auf eine wenig bekannte Tatsache hinweisen: Mitten in seiner tiefsten Krise hat Griechenland dem Irak mehr als die Hälfte seiner Schulden erlassen, der Rest muss erst ab 2019 zurückgezahlt werden. Der erlassene Betrag machte zwar nur 0,1 Prozent unserer Wirtschaftsleistung aus. Aber wenn Sie uns als wirtschaftlich deutlich stärkeres Land die Hälfte unserer Schulden erlassen würden, wären auch nur 0,6 Prozent Ihrer Wirtschaftsleistung betroffen.

Wahrscheinlich antworten Sie jetzt, dass unsere kleine Wirtschaft gar nicht das Problem sei, sondern das schlechte Vorbild, das wir anderen Krisenländern böten. Ist also Abschreckung das Ziel?

Das haben Sie schon 2010 versucht, als Ihre Finanzhilfen mit möglichst harten Sparauflagen verbunden wurden. Glauben Sie mir, das hat funktioniert. Ein Freund von mir ist nach Saudi-Arabien ausgewandert, ein anderer jobbt für 100 Euro im Monat in einem Call-Center, viele weitere Bekannte sind arbeitslos oder arbeiten ohne Bezahlung. Jedes Land wäre verrückt, wenn es diesem Beispiel folgen wollte.

Manche von Ihnen mögen gegen weitere Hilfen sein, weil Sie die antideutschen Töne in Griechenland empören – etwa dass die Parteizeitung von Syriza kürzlich Wolfgang Schäuble in Nazi-Uniform zeigte. Ich fand das auch unschön. Aber hat Europa sich nach den Anschlägen von Paris nicht gerade die Hände gereicht und Meinungsfreiheit auch dann verteidigt, wenn sie blasphemisch ist? Außerdem hat es auch uns nicht wirklich erfreut, als Ihr "Focus" unsere Aphrodite mit Stinkefinger zeigte und von "Betrügern" schrieb.

Und schließlich: Der Grexit mag verlockend erscheinen, wenn Sie wie mein Berliner Freund Marco zu den zwei Millionen Deutschen gehören, die dieses Jahr bei uns Urlaub machen wollen. Mit Drachme könnten Sie künftig einen 60-Prozent-Rabatt bekommen. Aber Sie dürften an einem verzweifelten Ort voller unglücklicher Gesichter und Deutschenfeindlichkeit ankommen, wo laut manchen Experten sogar Nahrungsmittelknappheit droht. Nicht der perfekte Ort zum Entspannen, wie Sie mir sicher zustimmen werden.

Falls Ihr Parlament also bald über neue Hilfen für Griechenland befinden muss, so hoffe ich, dass es nicht wie mein Schulfreund reagiert. Vielleicht können die Abgeordneten stattdessen an Adam Smith oder Alexis de Tocqueville denken. Die glaubten schon vor langer Zeit: Wer im Eigeninteresse handelt, nutzt am Ende der gesamten Gemeinschaft.

Herzliche Grüße

Giorgos Christides

Übersetzung aus dem Englischen: David Böcking

insgesamt 451 Beiträge
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Seite 1
Herr voragend 19.02.2015
1. Laaaaangweilig
Immer das gleiche Lied. Griechenland hat es so schwer und Griechland kann eigentlich nichts dafür und wer ist schuld mal wieder, die Deutschen. Warum das bleibt eigentlich das Geheimnis des Autors und der Griechen. Ich würde sagen werd erwachsen und arbeitet für Euch selber dann kann man wieder reden. Mit Schnorrern macht man das sehr ungern.
Bueckstueck 19.02.2015
2. Falscher Tonfall. Immer noch.
Mit süffisant drohendem Unterton, hahnebüchenen Begründungen für (Achtung!) Alternativlosigkeit eines Schuldenschnitts (Beispiel: Fehlinterpretation der Meinung Klugmans) und abstrusen Vergleichen (Beispiel: Griechische Parteizeitung diffamiert Schäuble und das soll mit einer dümmlichen Fotomontage einer Steinfigur des Focus von vor wievielen Jahren gleichzusetzen sein?) wird man weder den deutschen Steuerzahler noch seine Regierung überzeugen.
miss_moffett 19.02.2015
3.
Das ist ein Scherz. Als ob das Thema Griechenland jemals aus unseren Medien verschwinden würde. Und ob mich ganz Griechenland echt lieb hat oder mich Nazi schimpft, hat keinen Einfluss auf mein Leben. Wofür meine Steuern verwendet werden, hingegen sehr wohl und da darf ich wohl noch etwas gegen sinnlose Ausgaben haben.
Hintersinnig 19.02.2015
4. Schäuble hat recht.
Griechenland ist einfach eine kranke Nation, mit einer unanständigen Regierung. 1. Es hat sich mit gefälschten Zahlen den Weg in den Euro erschlichen. 2. Aufgrund jahrzehntelanger Mißwirtschaft, Klientelpolitik, Korruption und schierer Inkompetenz ist es (wieder einmal) nahe an den Staatsbankrott geraten. 3. Ein Nothilfeprogramm mit Auflagen, die strukturelle Schwächen, Ungleichbehandlung der Bürger (reiche Griechen zahlen weniger Steuern) und andere Mängel beseitigen sollten, hat die griechische Regierung immer nur widerwillig und zum Teil erfüllt. 4. Auf Zahlen aus Griechenland kann man sich immer noch nicht verlassen. 5. In blanker Mißachtung gültiger Verträge legt die neue Regierung ein abstoßendes Diplomatieverständnis an den Tag, wird unkontrolliert ausfallend und wirkt so schlicht noch inkompetenter als die Vorgängerregierungen (und das will etwas heißen). MIt solchen Partnern muß man nicht nachsichtig sein. Es kann nur darum gehen, den Schaden für Deutschland und die anderen Gläubiger so gering wie möglich zu halten. Das erreicht man zunächst durch Härte, nicht durch initiales Nachgeben. Die Drohung der Griechen, zum Selbstmordattentäter für das globale Finanzsystem zu werden, ist spätestens durch die Börsenentwicklung in den letzten zwei Wochen kraftlos geworden. Vielleicht versteht Schäuble doch mehr von Spieltheorie als der krawattenlose Krawallprofessor. Man sollte bedenken: Europa war ursprünglich eine Idee zur Verhinderung neuer Kriege zwischen großen europäischen Nationen. Da braucht es einen gescheiterten Halbstarkenstaat wie Griechenland als Mitglied nicht. Zur Zeit des kalten Krieges war das vielleicht anders. Aber jetzt nicht mehr.
selbstständig 19.02.2015
5.
Werter Herr Giorgos Christides, ich glaube Sie überschätzen Griechenland und die Medien völlig. Sollte der Grexit stattfinden, dann wird es sicher eine kleine Weile darum gehen, aber dann - das lehren uns die Medien - gibt es irgendwo auf der Welt eben spannendere Themen. Vielleicht klappt es dann später wieder mit dem Thema wenn "Griechenland ohne Euro zum Erfolgsmodell" wird. Solange Griechenland es sich leisten kann/will auf Steuern/Kassenbeiträge zu verzichten, tausende unfähige Beamte wieder einzustellen, Oligarchen ungeschoren zu lassen, die Renten und Co wieder zu erhöhen oder - wie Sie schreiben - dem Irak mehr als die Hälfte seiner Schulden zu erlassen, der braucht Griechenland dann doch eigentlich kein Geld. Merke: wer Geld anderer Leute ausgibt/verschenkt, der kann dies locker und entspannt tun und sich auch noch dafür feiern lassen.
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