Finanzkrise "Der Vertrauensverlust ist fatal"

Noch immer ist nicht klar, in welchem Ausmaß deutsche Banken in die US-Hypothekenkrise verstrickt sind. Experten warnen, dass Europa sogar stärker in Mitleidenschaft gezogen werden könnte als die USA. Die schlimmsten Folgen des Vertrauensverlusts bekommen die Weltbörsen zu spüren.

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Berlin – Die Hoffnung ruht allein auf den Zentralbanken. Mehr als 200 Milliarden Euro stellten die EZB und eine Reihe weiterer Notenbanken in den vergangenen Tagen für kurzfristige Kredite für die Banken zur Verfügung. Schon wetten die Händler darauf, dass die US-Notenbank auf ihrer nächsten Sitzung am 18. September die Leitzinsen senkt, oder zumindest beibehält – allen Inflationswarnungen der vergangenen Monate zum Trotz. Auch die – quasi bereits angekündigte - Zinsrunde der EZB Anfang September gilt längst nicht mehr als sicher.

Börsenhändler in New York: Höhe der problematischen Investments kaum abzuschätzen
AFP

Börsenhändler in New York: Höhe der problematischen Investments kaum abzuschätzen

Und trotzdem bleibt die Angst auf beiden Seiten des Atlantiks, dass sich zu einer handfesten Konjunkturkrise ausweiten könnte, was mit dem Zusammenbruch einiger Hausfinanzierungen in den USA begonnen hatte. "Viele Banken werden in Zukunft die Kredite nicht mehr so leichtfertig vergeben", sagte der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater, dem Nachrichtensender N24. Das werde die Investitionen bremsen. Frankreichs ehemaliger Wirtschafts- und Finanzminister Thierry Breton Breton, der derzeit in Havard lehrt, rechnet damit, dass die Euro-Zone in diesem Jahr "einige Zehntel Prozentpunkte an Wachstum verlieren wird".

Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge ist es sogar denkbar, dass europäische Banken viel stärker unter der Hypothekenkrise leiden könnten als die Institute der USA. Eine Vermutung, die durch die Meldungen im Zusammenhang mit der Insolvenz des US-Immobilienfinanzierers HomeBanc noch gestärkt wird. Denn Gläubiger der HomeBanc waren auch die Deutsche Bank, die Commerzbank und die französische Großbank BNP Paribas. BNP erklärte heute, sie sei mit 30 Millionen Euro an der HomeBanc beteiligt. Die Deutsche Bank wollte sich zwar nicht äußern. Finanzkreisen zufolge liegt der Betrag jedoch unter dem der BNP. Die Commerzbank hatte bereits erklärt, insgesamt 1,2 Milliarden Euro in US-Immobilienkredite gesteckt zu haben.

Konkrete Zahlen existieren nicht

Auch die WestLB hatte am Wochenende eingeräumt, rund 1,25 Milliarden Euro in diese Hypotheken für Kunden mit geringerer Kreditwürdigkeit investiert zu haben. Die Postbank bezifferte ihr Engagement auf 800 Millionen Euro. Den Betrag habe die Bank in Fonds der Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB angelegt. Die IKB hatte sich an Spekulationen mit US-Immobilienkrediten verhoben und konnte Ende Juli nur durch eine Milliardenhilfe der deutschen Banken gerettet werden.

Die Gesamthöhe der Kreditausfälle, der auf die europäischen Banken zukommt, ist bislang allerdings nicht annähernd zu beziffern. "Konkrete Zahlen, die eine seriöse Kalkulation ermöglichen würden, existieren nicht", erklärt Wolfgang Spörk vom Lehrstuhl Allgemeine BWL und Bankbetriebslehre der Universität Köln. In welchem Umfang die Institute sich im Kreditgeschäft für US-Immobilien engagiert hätten, darüber lasse sich nur spekulieren.

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Der Grund für die Ungewissheit liegt in der Natur der Sache: Seit Anfang der neunziger Jahre erlebt der Handel mit Krediten einen kontinuierlichen Aufschwung – ironischerweise bestärkt durch die Regeln des Basel-II-Abkommens, das eigentlich eine solide Gegenfinanzierung von Krediten sicherstellen soll. Um die erforderliche Eigenkapitalabsicherung in Höhe von acht Prozent zu sparen, verkauften viele Banken die guten – und damit weniger lukrativen – Kredite an Banken in aller Welt weiter.

Nachdem der Markt erst einmal geebnet war, folgten den guten auch die renditeträchtigen schlechten Kredite, die allerdings mit den von Basel II vorgeschriebenen acht Prozent bei weitem nicht ausreichend abgesichert waren. "Der Schritt war nur logisch: Viele Banken, die sonst keinen Zugang zum US-Kreditgeschäft haben, nutzten die Möglichkeit, gerade solche Kredite zu kaufen, um so ihre Rendite aufzubessern", erklärt Spörk. In der Regel hätten sie sich dabei auf das Urteil der Rating-Agenturen verlassen. "Die Zahl lässt sich, wie gesagt, nicht beziffern", betont Spörk – und fügt vielsagend hinzu: "Aber das Geschäft war sehr attraktiv."

Die größte Gefahr sieht der Experte aber weniger in der Summe der ausgefallenen Kredite, die die Institute verkraften müssen. "Der Vertrauensverlust ist fatal." Er sei zum einen durch die verunglückte Informationspolitik der Banken entstanden, zum anderen wegen der Unsicherheit über den Umfang der faulen Kredite. Die Geldknappheit sei eine der direkten Folgen davon. Aus Unsicherheit über das Ausmaß der Krise hatten die Banken in den vergangenen Tagen Geld gehortet, um in schlechten Zeiten flüssig zu sein.

Immobilien-Hausse in Großbritannien dauert an

Das Misstrauen könnte sich aber auch auf die Wirtschaft insgesamt auswirken: Wenn etwa selbst solvente Investoren Schwierigkeiten bekämen, Immobilienkäufe zu finanzieren, käme eine Kettenreaktion in Gang: Der Preisverfall beschleunigte sich und weitere Hausbesitzer kämen in Not, deren Kredit nicht mehr durch den Wert ihres Hauses gedeckt wäre.

Immerhin eine positive Tendenz machen die Experten trotzdem aus. Mit rund 47,6 Milliarden bot die EZB den Banken heute weit weniger flüssiges Geld an, als in den vergangenen Tagen - ein Zeichen dafür, dass sich die Lage zunächst einmal entspannt.

Das Signal wurde auch an den Aktienmärkten registriert. Dort ging es nach den massiven Verlusten der vergangenen Tage leicht bergauf. Der Dax legte bis zum Nachmittag gut 1,4 Prozent auf 7446 Punkte zu. Unter den Gewinnern waren auch Finanzwerte, die in den vergangenen Tagen kräftig Federn gelassen hatten.

Ungeachtet der Hypothekenkrise pokern die Investoren anderswo allerdings unvermindert weiter. In Großbritannien etwa: Dort nimmt der Preisanstieg bei Häusern unvermindert Fahrt auf. Im Juni seien die Preise im Vergleich zum Vorjahr um 12,1 Prozent geklettert, teilte die Regierung heute in London mit. Im Vormonat Mai hatte der jährliche Preisanstieg bei 10,8 Prozent gelegen.



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