Finanzkrise Gerüchte über Staatsbürgschaften für Privatbanken

Jetzt also doch? Mehrere Zeitungen wollen in Erfahrung gebracht haben, dass große Privatbanken planen, Kreditbürgschaften aus dem staatlichen Rettungsfonds in Anspruch zu nehmen. Die Anträge wollen sie demnach zeitgleich stellen - aus Angst, von der Börse abgestraft zu werden.


Frankfurt am Main - Erst haben sie sich geziert, doch jetzt überwiegt möglicherweise die Vernunft: Nach langem Zögern denken die führenden deutschen Privatbanken offensichtlich darüber nach, gemeinsam Bürgschaften des Bundes in Anspruch zu nehmen. Das berichten sowohl die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) als auch das "Handelsblatt" unter Berufung auf Verhandlungskreise. Es zeichne sich ab, dass die Institute in den kommenden Tagen gemeinsam beim Bund vorstellig würden und Anträge auf Kreditbürgschaften stellten, wollen die Blätter in Erfahrung gebracht haben.

Banken in Frankfurt: Geldhäuser erwägen nach Medienberichten Staatsbürgschaften
AP

Banken in Frankfurt: Geldhäuser erwägen nach Medienberichten Staatsbürgschaften

Die laut der "Südeutschen Zeitung"betroffenen Banken - Commerzbank Chart zeigen, Postbank Chart zeigen, Dresdner Bank und die Deutsche Bank Chart zeigen - wollten sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Berichten äußern. Laut dem "Handelsblatt" rechnet man in Regierungskreisen allerdings damit, in den nächsten Tagen gemeinsame Anträge der großen Institute zu bekommen.

Gleichzeitig erhöht die Bundesregierung den Druck auf die Banken. Zwar hieß es aus dem Bundesfinanzministerium, dass noch keine Anträge vorlägen. Allerdings sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) am Mittwochabend auf einer Diskussionsveranstaltung in Berlin, er gehe davon aus, dass in den nächsten vier bis fünf Tagen mehrere Institute das Angebot des Staates nutzen werden.

Mit einer gemeinsamen Aktion würden die Konzerne vermeiden, dass einer von ihnen den ersten Schritt allein machen müsse und dafür mit massiven Kursverlusten an der Börse bestraft wird, schreibt die "SZ" weiter. Die Regierung sei über die Verhandlungen zwischen den Banken informiert, hieß es.

Mit den Bürgschaften würden die Geldhäuser nur eine Komponente - die am wenigsten kompromittierende - des dreiteiligen Rettungspaketes in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zur staatlichen Übernahme von riskanten Wertpapieren oder zur Rekapitalisierung durch Bundesmittel sind die Bürgschaften an geringere Auflagen gekoppelt. So kommt es in diesem Fall lediglich zur Überprüfung der Geschäftspolitik der betroffenen Institute.

Deutlich größere Einschnitte drohen, wenn die Banken die beiden anderen Hilfsmaßnahmen abfordern würden. Dann kann der Bund unter anderem die Gehälter des Managements deckeln, Abfindungen untersagen und Dividenden an die Aktionäre unterbinden.

Nach Angaben der "SZ" sind in die laufenden Gespräche alle großen Privatbanken einbezogen. Neben der Commerzbank, der Dresdner Bank und der Postbank verhandle selbst die Deutsche Bank mit, obwohl deren Chef Josef Ackermann jüngst erklärt hatte, er würde sich schämen, Staatsgeld in Anspruch zu nehmen. Mittlerweile sei man aber offenbar auch beim Marktführer zu der Einsicht gelangt, dass zumindest ein gemeinsames Vorgehen bei der Beantragung von Bürgschaften sinnvoll wäre, heißt es in dem Bericht der "SZ".

Als erste Privatbank hatte am Mittwoch die Hypo Real Estate Chart zeigen verkündet, den Rettungsschirm des Bundes in Anspruch nehmen zu wollen. Der Großteil der Privatbanken hatte bislang jedoch gezögert, das 500-Milliarden-Euro schwere Rettungspaket anzutasten. Unter den Banken besteht die Furcht, durch einen solchen Schritt das Vertrauen der Kunden und der Anleger an der Börse zu verspielen. Die Aktienkurse der Konzern könnten bei einer Inanspruchnahme des Pakets massiv einbrechen.

Die Bundesregierung will mit dem Rettungspaket bewirken, dass sich die Banken wieder untereinander Geld leihen. Nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers war dieses Geschäft quasi komplett zum Erliegen gekommen, weil jeder jedem misstraute. Von der Kreditklemme sind auch Institute betroffen, die sich gar keine Fehlspekulationen geleistet hatten und deshalb bisher ganz gut durch die Krise gekommen waren.

sam/suc/AFP



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