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16. Juli 2008, 12:59 Uhr

Finanzkrise in den USA

Wut, Angst, Endzeitstimmung

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Zunehmend panisch reagieren die Amerikaner auf die Hiobsbotschaften aus der Finanzbranche. Kunden stürmen Bankfilialen, Aktien gehen auf Talfahrt, der Präsident gerät ins Stottern. Wilde Börsengerüchte heizen die Stimmung zusätzlich auf.

New York - Es sind Szenen, die an den Börsencrash von 1987 erinnern oder an die große Depression: Tausende Kunden stürmen die Bankfilialen, warten stundenlang, nur um dann ergebnislos wieder heimgeschickt zu werden. Tags darauf kehren sie zurück, stehen erneut an. Nachzügler drängeln sich vor. Hitzige Worte werden gewechselt. Es kommt zu Rangeleien. Die Polizei rückt an.

Krisenbank IndyMac: "Erhebliches Risiko" fürs Wachstum
AFP

Krisenbank IndyMac: "Erhebliches Risiko" fürs Wachstum

Solche Szenen spielten sich gestern ab, vor den Filialen der kalifornischen Geschäfts- und Hypothekenbank IndyMac. Die größte Bank im Raum Los Angeles war am Wochenende kollabiert. Das jüngste Opfer der US-Kreditkrise. Wie gesetzlich vorgeschrieben, übernahm die staatliche Einlagenversicherung (FDIC) die Geschäfte. Sie beruhigte die rund 200.000 IndyMac-Kunden damit, dass ihre Guthaben bis zu 100.000 Dollar garantiert seien. Nur die Shareholder der Bank, so FDIC-Vizechef John Bovenzi, würden wahrscheinlich "vernichtet".

Vor den IndyMac-Schaltern kommt es seither zu heillosem Chaos. Aufgebrachte Klienten versuchten, ihre Konten zu plündern oder wenigstens eine klare Auskunft zu erhalten - meist vergeblich. An einer Filiale in Encino, einem Vorort von Los Angeles, entlud sich der Frust in Handgreiflichkeiten. Polizisten und Sicherheitsbeamte postierten sich drohend vor den Glastüren. Wie zum Spott hingen derweil weiter die Werbeposter im Schaufenster: "IndyMac - eine Beziehung, die einem nützt."

Kein Zweifel: Die Kredit- und Bankenkrise zieht Kreise - und Amerika reagiert mit Panik. "Dies ist ein riesiges Desaster", sagte der designierte Präsidentschaftskandidat Barack Obama gestern Abend zum CNN-Talker Larry King. Getrieben von einer explosiven Mischung aus realen Hiobsbotschaften und wilden Gerüchten verlieren nicht nur die Verbraucher den Glauben ins US-Finanzwesen, sondern langsam auch die kühlen Rechner der Wall Street.

Trudelnde Bankenwerte drückten den Dow-Jones-Index gestern erstmals seit zwei Jahren wieder unter die 11.000-Marke. Die Börsenaufsicht SEC musste dabei sogar zu einer dramatischen Notbremse greifen, um die eskalierenden Leerverkäufe ("short selling") einzudämmen - das wüste Spekulieren abgebrühter Trader mit dem Kursverfall.

US-Wirtschaft im Teufelskreis

Die Krise wird zum Teufelskreis. Erst waren nur ein paar Hypothekenbanken betroffen, die mit Subprime-Billigdarlehen gehandelt hatten. Dann traf es die großen Investmenthäuser, die mit diesen Darlehen spekuliert hatten. Dann, als dieses finanzielle Kartenhaus einzustürzen begann, waren bald auch andere Banken dran. Dann gerieten die beiden beherrschenden US-Hypothekenfinanzierer ins Trudeln, Fannie Mae und Freddie Mac. Und nun IndyMac - der größte Banken-Crash der USA seit 24 Jahren.

Und das ist erst der Anfang. Die FDIC bewertet intern 90 Banken als "gefährdet" und hat, in Erwartung eines breiteren Kollapses, 53 Milliarden Dollar zur Seite gelegt und 140 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Der Analyst Gerard Cassidy von der Research-Firma RBC Capital Markets spricht sogar von mindestens 300 US-Banken, die wegen der grassierenden "Finanzierungskrise" - die Institutionen können sich untereinander kein Geld mehr leihen - in den nächsten drei Jahren in Schieflage geraten könnten. Am wackligsten seien kleinere Banken. Und Ground Zero seien Kalifornien und Florida - zwei Bundesstaaten, die an der Immobilienkrise mit am schwersten leiden.

Bush: "Ich glaube, dass wir wachsen"

Schon vollführte der Aktienkurs der Regionalbank National City in Ohio, eine der größten US-Finanzinstitutionen, über die letzten zwei Tage solche Bocksprünge, dass sich der Konzern veranlasst sah, seine Kunden zu beruhigen - mit einer "Erklärung zu Marktgerüchten": Es gebe "keinerlei ungewöhnlichen" Aktivitäten. Auch Washington Mutual, die größte Spar- und Darlehenskasse der USA, musste nach schweren Kursverlusten Liquidität schwören.

Also bemühte die US-Regierung gestern ihre geballte PR-Maschinerie, um die Panik einzudämmen. Allen voran Präsident George W. Bush, dessen Auftritt im Rose Garden des Weißen Hauses aber womöglich eher die gegenteilige Wirkung gehabt haben dürfte.

Auf die Frage eines Reporters, wann sich die US-Konjunktur wohl wieder berappeln werde, stotterte Bush: "Ich bin kein Ökonom, aber ich glaube, dass wir wachsen." Und: "Ich bin ein Optimist." Und: "Ich hoffe auf jeden Fall, dass es sich morgen verändert." Noch Fragen?

Grienend erzählte Bush eine Anekdote aus seinem texanischen Heimatort Midland, wo er selbst mal einen "bank run" miterlebt habe, den Sturm einer Bank durch die Kunden. Die Bank habe versichert, keiner werde seine Einlagen verlieren. Doch die Kunden hätten "nicht zugehört". Multimillionär Bush kicherte in sich hinein, als sei das lustig. Und dann: "Meine Hoffnung ist, dass die Leute tief durchatmen."

Doch das Durchatmen fiel schwer. Vor allem auch, als Notenbankchef Ben Bernanke vor den Kongress trat. Vor dem Bankausschuss des Senats zeichnete der ein düsteres Bild. Die US-Konjunktur leide an "zahlreichen Schwierigkeiten": Die Wirtschaftsdaten blieben "schleppend", der Immobiliensektor "schwächt sich weiter ab", es bestehe "erhebliches Risiko" fürs Wachstum.

Untergangsstimmung in Washington

Senator Robert Menendez erinnerte Bernanke an seine fröhliche Prognose von 2007, die Finanzkrise sei "überschaubar". Woraufhin Bernanke nur bitter lächeln konnte: "Ich möchte meine Aussagen revidieren." Prompt resümierte die "New York Times": "Ein Gefühl wirtschaftlichen Untergangs hat Washington ergriffen." Und den Währungsmarkt: Der Dollar sank auf ein neues Rekordtief.

Auch die spektakuläre Rettungsaktion der Regierung für die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac hatte kaum die erwünschte Wirkung. Im Gegenteil: Manche Investoren sahen ihre Untergangsvisionen darin nur bestätigt. Während die halbstaatlichen Giganten Fannie und Freddie von Washington vor dem Untergang bewahrt würden, so war den ganzen Tag zu hören, blieben die kleinen Banken auf sich gestellt.

Kathy Lien, die Chefstrategin der Analysten-Website DailyFX.com, hegte gestern wenig Hoffnung auf Hilfe von oben: "Die Märkte fürchten eine weitere, große Krise, und sie bezweifeln, dass die Zentralbank oder das US-Finanzministerium kurzfristig irgendwas tun werden, um die Situation zu entschärfen", sagte sie dem "Wall Street Journal". David Bullock, der Geschäftsführer von Advent Capital Management, sah es in der "New York Times" sogar noch schlimmer: "Wir sind dem Depressions-Szenario eher näher als ferner."

Gerüchte lösen Panik aus

Und dazu gehören immer abenteuerliche Gerüchte, die die Talfahrt erst recht anheizen. Solche Gerüchte hatten im März schon die Investmentbank Bear Stearns zu Fall gebracht, als die Falschmeldung, sie sei insolvent, zum Selbstläufer wurde und eine Kettenreaktion auslöste. Auch die Wall-Street-Häuser JP Morgan Chase und Lehman Brothers wehren sich seit Wochen gegen Klatschkampagnen.

Inzwischen laufen die derart aus dem Ruder, dass die SEC gemeinsam mit der New York Stock Exchange (NYSE) und der Regulierungsbehörde FINRA Ermittlungen aufgenommen hat. Die Finanzfahnder vermuten, dass diese Desinformationen bewusst gestreut werden, zum Beispiel von skrupellosen Tradern oder Hedgefonds, um die Aktienkurse der betroffenen Unternehmen zu manipulieren und dann an ihrem Untergang zu profitieren.

Juristisch ist das allerdings eine Grauzone. Der Verlauf von Börsengerüchten lässt sich nur schwer nachzeichnen, und boshafter Wille ist nachträglich kaum zu beweisen. "Es ist eine Sache, für eine bessere Welt zu sein", sagte der Trader Michael Panzner dem "Wall Street Journal". "Und eine andere, das in der Realität durchzusetzen." Oder, so Steve Wolf von der Investmentfirma Source Capital Group: "Wie hält man Gerücht und Tatsache auseinander?"

Vor der IndyMac-Filiale in Encino jedenfalls verschmolzen Gerücht und Tatsache gestern zu einem Gebräu aus Wut, Angst und Frustration. Die Bank hatte weiße Zelte vor die Tür gestellt und darunter Plastikstühle, damit die Wartenden nicht allzu sehr in der Sonne leiden mussten. Alan Ray war mit dem Auto die Nacht durchgefahren, von Las Vegas bis nach Encino: "Ich warte notfalls den ganzen Tag", sagte er dem TV-Sender KABC. Sein Zettel für die Warteliste trug die Nummer 525.

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