Finanzmarktkrise BaFin-Chef geißelt Raffgier der Manager

Der Ausbruch der weltweiten Finanzkrise war programmiert. Davon jedenfalls geht der Chef der deutschen Finanzaufsicht, Jochen Sanio, aus. In einem Interview mit der "Zeit" benennt er die Ursachen - und er zählt viele Punkte auf, gegen die die Kritiker der Finanzmärkte seit Jahren Sturm laufen.


Frankfurt am Main - Raffgier, Fahrlässigkeit, Blauäugigkeit - mit dieser Kurzformel könnte man die Ursachen zusammenfassen, die zur Krise an den internationalen Finanzmärkten geführt haben. "Hinter uns liegen bald zwei Jahrzehnte der Deregulierung", sagte Sanio: "Deren Ergebnis ist jetzt zu besichtigen."

Jochen Sanio: Ratingagenturen haben versagt
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Jochen Sanio: Ratingagenturen haben versagt

Konkret zählt der Finanzaufseher die Bezahlung von Managern zu den entscheidenden Auslösern. Die vom Gewinn abhängige Vergütung habe Führungskräfte zu hohen Risiken verleitet, sagte Sanio der Wochenzeitung "Die Zeit". "Unter diesem Gesichtspunkt sind die Gehaltsstrukturen in den Finanzhäusern durchaus ein Thema, will man Schwachstellen im internationalen Finanzsystem beseitigen."

Um die Krise zu bewältigen, plädiert der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) auch für strengere Regeln auf internationaler Ebene. Als Auslöser der Misere sieht er die US-Hypothekenfinanzierer. "Sie haben in den vergangenen Jahren ihre Kreditvergabestandards stark gesenkt, in immer größerem Umfang Kredite auch an kreditunwürdige Personen ausgereicht - und sich eine goldene Nase verdient."

Hinzu komme das "Versagen" der Ratingagenturen, denen "das böse Spiel, das viele Hypothekenfinanzierer vor ihren Augen getrieben haben", völlig entgangen sei, sagte Sanio. Darum hätten die Bonitätsbewerter ihre Vertrauenswürdigkeit - ihr kostbarstes Gut - verloren. Investoren müssten daher die Risiken strukturierter Finanzprodukte selbst analysieren können - oder die Finger davon lassen. Das Financial Stability Forum, ein internationaler Zusammenschluss der Finanzaufseher, setze sich deshalb dafür ein, die Bedeutung der Agenturen herabzustufen. "Unter den Aufsehern gibt es eine klare Präferenz dafür, dass sich Investoren bei ihren Anlageentscheidungen nicht ausschließlich auf die Beurteilung von Rating-Agenturen stützen sollten. Sie müssen fähig sein, die Risiken strukturierter Produkte selbst zu analysieren."

Da die maßgeblichen Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch weltweit einflussreich seien, sollten sie nicht nur der US-Aufsicht unterworfen sein, sondern nach internationalen Standards und von internationalen Einrichtungen kontrolliert werden, verlangte der BaFin-Chef. Ferner müssten die Verhaltensregeln schnell verschärft werden.

Ein Dorn im Auge ist Sanio auch der internationale Bilanzierungsstandard IAS, dessen Regeln in der Krise wie ein "Brandbeschleuniger" wirkten. Weil die Banken damit gezwungen seien, die verschiedenen Finanzprodukte in ihrem Portfolio entsprechend der aktuellen Marktpreise auszuweisen, werde die negative Wertentwicklung womöglich deutlich überzeichnet. Damit werde das "Misstrauen erst richtig geschürt und die Krise immer weiter angeheizt".

Der Aufseher schlug eine Alternative vor: "Am besten wäre es, den Wert der Papiere nach den erwarteten Verlusten zu bemessen - so wie sich diese derzeit für die nächsten Jahre tatsächlich abschätzen lassen. Die Verluste würden dann wahrscheinlich über mehrere Jahre verteilt abgeschrieben", sagte er. Eine breite internationale Initiative müsse diese Änderung nun rasch durchsetzen.

mik/Reuters/ddp/AP



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