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24. Oktober 2008, 05:39 Uhr

Finanzplatz Schweiz

Die verunsicherte Wohlstandsinsel

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Die staatliche Hilfe für die Großbank UBS ist ein Schock für die Schweiz: Von gierigen Managern ist plötzlich die Rede, selbst konservative Politiker sprechen jetzt wie Linke. Die Erkenntnis setzt sich durch, dass die Schweiz stärker vom Rest der Welt abhängig ist als gedacht.

Hamburg - Es ist sieben Jahre her, da erschütterte ein Ereignis die Schweiz, das niemand sich je hätte vorstellen können: Die Swissair ging unter. Sie hatte zumindest den Schweizern als beste Fluggesellschaft der Welt gegolten, den "fliegenden Nationalstolz" nannte man sie auch - doch an jenem 2. Oktober 2001 musste die Nation Bilder sehen, die sich für immer in ihr Bewusstsein einbrannten: von gestrandeten Swissair-Maschinen in aller Welt, die nicht mehr fliegen durften, weil der Firma das Geld ausgegangen war.

Finanzplatz Schweiz: Emotionale Bindungen gekappt
REUTERS

Finanzplatz Schweiz: Emotionale Bindungen gekappt

Dabei hatte die Swissair als "fliegende Bank" gegolten, doch die Manager hatten die immensen Kapitalreserven einer größenwahnsinnigen Expansionsstrategie geopfert. "Grounding - Die letzten Tage der Swissair" wurde einer der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten: Er inszenierte jene Gefühle von Ohnmacht und Trauer, die das Land in jenen Tagen beherrschten - und er kanalisierte die Wut: nicht auf die Führungsspitze, sondern auf die Banken, in erster Linie die UBS , die sich am Ende geweigert hatten, dem überschuldeten Unternehmen weitere Kredite zu gewähren.

Viele Schweizer haben ihre emotionalen Bindungen an die Banken nach dem emotionalen Abschied von der Swissair gekappt - selbst wenn die Geldhäuser in Wahrheit wenig dafür konnten.

Sechs-Milliarden-Franken-Spritze schockte die Schweizer

Es liegt deswegen eine besonders bittere Ironie darin, dass nun, sieben Jahre später, eben jene UBS selbst in einer Lage ist, die sich kein Schweizer je hätte vorstellen können: den Staat um Geld anbetteln zu müssen, weil ihre eigenen größenwahnsinnigen Geschäfte mit riskanten Immobilienkrediten das Unternehmen an den Rand des Abgrunds gebracht haben.

Doch die Gefühle sind nicht die gleichen. Jeder Schweizer hat die Swissair geliebt. Jungen wollten sein wie die Flugkapitäne der Swissair. Sie wollten nie sein wie die Banker der UBS.

Aber es war dennoch ein jäher Schock, als die Schweizer Regierung, der Bundesrat, vergangene Woche bekanntgab, dass der Staat der UBS eine Kapitalspritze von sechs Milliarden Franken verpasse, und die Nationalbank dem Finanzkonzern schlechte Risiken in Höhe von 60 Milliarden Franken praktisch abnehmen werde.

Bis dahin hatte die Schweiz sich mal wieder als Sonderfall gefühlt: von der Krise nur am Rande berührt. Die UBS hatte sogar erstmals wieder schwarze Quartalszahlen geschrieben - und die rechtskonservative "Weltwoche", die gerne den Wirtschaftsliberalismus beschwört, erschien ausgerechnet am Tag, als das Notpaket für die UBS verkündet wurde, mit dem Titel: "La crise n’existe pas" - die Krise existiert nicht. Schlechtes Timing, aber auch ein wenig wie Nachrichten aus einem Paralleluniversum.

Buhmann der Nation

Die Staatsbeteiligung ausgerechnet an der UBS löst Wut aus - die Leserbriefspalten quellen über vor emotionalen Anklagen über Manager, die sich über Jahre die Taschen gefüllt hätten ("Das sind doch alles moderne Raubritter!" - "Es war so oder so eine Verrücktheit, was bei der UBS in den letzten Jahren passiert ist.") Selbst die Politiker der bürgerlichen Parteien sprechen plötzlich wie Linke: Er habe eine "Wut im Bauch", sagte Johann Schneider-Ammann, Präsident der Schweizer Maschinenindustrie, und nahm den Begriff "absolut unethische Haltung" in den Mund. "Ich bin wütend", sagte auch Fulvio Pelli, Präsident der wirtschaftsnahen FDP, und verlangte, die Banker müssten ihre Bonuszahlungen in Millionenhöhe zurückgeben, die sie in den vergangenen Jahren kassiert hatten.

Der neue UBS-Präsident Peter Kurer antwortete mit der Ankündigung, die Bank wolle auch in Zukunft solche Boni auszahlen. Dass er vom darauffolgenden Sturm der Entrüstung überrascht war und sich entschuldigen musste, zeigt für viele wiederum nur, wie weit sich der UBS-Vorstand von der Realität entfernt hat.

Die UBS galt vielen Schweizern schon lange als arrogant, als Bank, die sich nur noch für Vermögen über einer halben Million Franken interessierte, die den Pfad der eidgenössischen Tugend, der diskreten, zuverlässigen Vermögensverwaltung verlassen hatte - und in der amerikanische Investmentbanker den Ton angaben. Vor allem ihr langjähriger Präsident Marcel Ospel, der seit dem Swissair-Debakel als Buhmann der Nation galt, hatte diese Strategie befördert - er musste im April beim Ausbruch der Krise zurücktreten.

Rettungsaktion war notwendig

Mehr als zwei Drittel der Schweizer sehen laut einer Umfrage dennoch ein, dass die Rettungsaktion nötig war. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der UBS ist für das Land so immens, dass es sich einen Untergang seiner größten Bank unter keinen Umständen leisten kann.

Die Bank ist nun vermutlich gerettet. Und dem Schweizer Finanzplatz geht es verglichen mit den meisten anderen auf der Welt verhältnismäßig gut. Von der Krise sind nur die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse direkt betroffen. Den Schweizer Privatbanken, die Großvermögen aus aller Welt verwalten, sind im Zuge der Finanzkrise Gelder aus verschiedensten Ländern zugeflossen.

Aber die Krise der UBS hat neben der Wut auf die Banker auch Angst ausgelöst: Schon wieder ist ein nationales Symbol ins Wanken geraten. Und auch wenn man die UBS nicht liebt - man weiß sehr wohl, dass sie einer der entscheidenden Faktoren für den Reichtum des Landes ist. Die Schweiz, die Wohlstandsinsel, deren Wirtschaftsdaten immer noch deutlich besser sind als die all ihrer Nachbarn, wirkt wieder ein Stückchen weniger wie eine Insel. Verwundbarer und stärker vom Schicksal der restlichen Welt abhängig, als man dachte.

Vielleicht ist das der wahre Schock.

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