Finanzen in der WG Geld für das, was Spaß macht

Studenten sind chronisch knapp bei Kasse. Aber ganz so eng muss es zum Monatsende nicht werden. Viele Wohngemeinschaften lassen sich mit wenigen Vertragswechseln finanziell aufmöbeln.

WG mit Finanztipps: Linus, Jana, Lena und Sofie (von links)
Piero Chiussi

WG mit Finanztipps: Linus, Jana, Lena und Sofie (von links)

Eine Kolumne von


Wir haben damals zu siebt in den Zellen des ehemaligen Bonner Frauenknasts gewohnt, zu viert in einem texanischen Appartement-Komplex mit Swimmingpool und mit drei Jungs in Berlin-Neukölln. Und immer waren wir in Geldnot.

Warum sollte das den Studierenden heute anders gehen? Der Berliner WG, die mein Kollege Matthias Urbach seit einigen Monaten begleitet, fehlt es auch immer an Geld. 900 Euro haben die vier pro Nase zur Verfügung, 1250 Euro kostet allein die Miete und für Nebenkosten gehen noch einmal fast 300 Euro drauf.

Und deshalb wurden Jana, Lena, Sofie und Linus neugierig, als wir eine WG für ein Sparexperiment suchten. Die Idee: Wir gehen alle finanziellen Entscheidungen durch und sparen überall, wo es sinnvoll ist. Als Anreiz, und weil sie's öffentlich mit uns machen, legen wir für jeden Euro, den sie im ersten Jahr mit ihren Entscheidungen sparen, noch einen Euro drauf.

Die vier sind alle Anfang zwanzig: Jana und Linus studieren Medizin, Lena Landschaftsarchitektur und Sofie Urbane Zukunft. Anspruchsvolle Fächer also, aber mit finanziellen Entscheidungen haben alle vier wenig Erfahrung. Das erinnert an den Aufschrei einer Gymnasiastin vor einiger Zeit: Die Schule habe ihr beigebracht, Gedichte in vier Sprachen zu interpretieren - aber sie hat keine Ahnung von Finanzen.

Ein paar Beispiele: Die Handyverträge haben die Eltern noch für unsere WG-Bewohner abgeschlossen. Drei von ihnen zahlten 20 Euro im Monat. Dass man für einen ausreichenden Vertrag im selben Netz nicht mehr als 8 Euro im Monat ausgeben muss, war ihnen völlig neu.

Von einem Freistellungsauftrag für das Sparbuch (mehr dazu hier) hatten die vier auch noch nie gehört. Was zur kuriosen Situation führte, dass die Postbank von "erbärmlichen" (Jana) zwei Cent Zinsen auf die Einlage von rund 2000 Euro noch einen Cent ans Finanzamt abführte.

Alle waren noch haftpflichtversichert über ihre Eltern, zwei waren sich darüber allerdings nicht ganz sicher. Das sollte aber jeder sein - auch im Studium. Denn wenn vom eigenen Handeln ein Unglück ausgeht, das viel Geld kostet, haftet man ein Leben lang. Es reicht der sprichwörtliche Blumentopf, der vom Balkon jemandem auf den Kopf fällt.

Stattdessen machten sich die vier Gedanken über eine Versicherung für ihren Hausrat, obwohl dessen Wert recht überschaubar ist - trotz gemeinsamer Einbauküche (mit der Wohnung übernommen) und teuren Computern. Keine blau gestrichenen Obstkisten wie damals bei mir in Neukölln, aber doch gebrauchte Möbel und eher IKEA. Ein gefundenes Fressen also für die Versicherer, die gerade an der Hausrat richtig gut verdienen.

Internet ist natürlich total wichtig, und so hat die WG einen überdimensionierten Vertrag von Vodafone, während der Router in der WG es gar nicht schafft, dieses Tempo überhaupt zu den Handys und Laptops der vier zu bringen. Was unter anderem daran liegt, dass der Anschluss leider an der Außenwand des Hauses ankommt - und der Router daher am Rand der Wohnung und dann auch noch unter einem Nachtschrank steht. Und natürlich hatten die vier es versäumt, das überflüssige Sicherheitspaket im Vertrag zu kündigen. So war beim Internet mit zwei Vertragsanpassungen schon ohne Anbieterwechsel 108 Euro Jahresersparnis drin.

Einmal auf den Geschmack gekommen, legten die vier richtig los. Bei den Girokonten etwa konnte schnell gespart werden. Studentische Konten kosten zwar meistens nichts, aber Sofie hatte die Sparkasse eine goldene Kreditkarte für 78 Euro im Jahr untergejubelt. Linus sattelt von einem Konto für 8 Euro im Monat, das noch seine Eltern eingerichtet hatten, und einer kostenpflichtigen Kreditkarte auf ein kostenloses Konto bei der DKB um.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Beim Stromvertrag hatten die vier mit Hilfe eines Vaters zwar einen Tarif mit 260 Euro Sofortbonus und noch mal rund 220 Euro Bonus zum Ende des ersten Jahres gefunden. Ab dem zweiten Jahr gibt's aber keinen Bonus mehr, so dass sie noch einmal clever wechseln müssen, damit der Strom 2020 nicht knapp 300 Euro teurer wird als bei der preiswerten Konkurrenz. Diesmal ohne Bonus, damit der Reigen nicht jedes Jahr aufs Neue losgeht.

Für Studenten ist natürlich eine gute und preiswerte Auslandsreisekrankenversicherung (für rund 10 Euro) wichtig, schließlich sind die oft unterwegs. Sofie war gerade erst auf Exkursion in Taiwan, Jana in Argentinien. Auch hier zeigt sich, dass ein ausführliches Gespräch mit den Eltern sinnvoll ist: Auf Sofies Namen lief noch eine solche Versicherung, die ihre Mutter aber längst vergessen hatte - und von der Sofie also nichts wusste.

Überraschung beim Telefonanbieter

Bei den Handytarifen erlebten wir eine große Überraschung: Kaum hatte Linus seinen überteuerten O2-Vertrag gekündigt, bombardierte die Firma ihn mit Rückholangeboten. Durch geschicktes Verhandeln gelang es ihm, nicht nur seinen Vertrag, sondern auch die seiner Familie neu zu verhandeln. Er, seine Eltern und Geschwister sparen jetzt zusammen 70 Euro. Im Monat!

Manche Tipps sind dann aber doch ganz speziell nur für die Studienzeit interessant. Das gilt vor allem für den Steuertrick mit dem Verlustvortrag: Studierende können zwar während des Studiums keine Steuern sparen. Aber wenn das Studium die zweite Ausbildung ist, also nach einer Lehre oder im Masterstudiengang nach dem Bachelor, können alle Studienkosten als Werbungskosten aufgeschrieben werden - und dann gleich später im ersten Berufsjahr beim Finanzamt abgezogen werden. Das sorgt für deutlich niedrigere Steuern.

Dafür allerdings müssen die vier auch als Studentin oder Student jedes Jahr eine Steuererklärung machen und die Verluste für die Fahrtkosten rund ums Studium, für Fachbücher, Softwareprogramme und Exkursionen festschreiben lassen.

Vier Jahre rückwärts ist eine solche Steuererklärung möglich, also in diesem Jahr auch noch für das Jahr 2015.

Bislang ist die WG schon auf jährliche Einsparungen von über 400 Euro gekommen, bis zum Ende des Experiments sollen es noch deutlich mehr werden: Wenn nämlich erst bei Gas und Strom die neuen Verträge abgeschlossen sind. Denn das sind neben den Handyverträgen bei unserer WG - wie in den meisten Haushalten - die größten Brocken.

Vor allem aber haben die vier inzwischen den Eindruck gewonnen: Die Fragen mit Steuer, Miete, Versicherungen, die bekommen sie künftig auch selbstständig geregelt. Meine Hoffnung ist, wenn dann die ersten Gehälter fließen und die Außendienstler die vier als lukrative Kunden entdecken, werden sie widerstehen und keine unnützen, sondern nur günstige und vernünftige Verträge abschließen.

Das haben wir WG-Bewohner der Achtzigerjahre damals nicht unbedingt hinbekommen.

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112211 04.05.2019
1. Vorteile
Es sind immer jene im Vorteil, die rechnen können. Alles im Blick zu behalten ist eine weitere Leistung. Dass das nicht allen gelingt, ist die Basis für so manche Vertragsanbieter. Bei Handyverträgen hat sich eine gewisse Routine entwickelt, Prepaid ist inzwischen meistens Standard. Bei Strom & Gas ist das aber nicht so. Winkt ein Bonus bei Vertragsabschluss, wird schnell unterschrieben, aber vergessen, dass nach 12 oder 24 Monaten der Tarif steigt. Auch hier lohnt es sich vor allem für die Anbieter, nicht für den Kunden. In WGs mit gelegentlichen Wechseln wird schnell der Überblick verloren Eindeutige Zuordnung der Zuständigkeiten wäre von Vorteil.
eunegin 04.05.2019
2. normales Haushaltseinkommen...
Ein Viererhaushalt mit 3600 Euro / Monat zur Verfügung (also netto). Damit müssen sehr sehr viele Haushalte in diesem Land auch auskommen. So ist das nun mal, wenn man eigenverantwortlich wirtschaften muss. Durchschnittlich verfügten die Haushalte 2016 über ein Nettoeinkommen von 3.314 Euro im Monat. Etwa 16 % der Haushalte mussten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1.300 Euro auskommen. In der höchsten erfassten Einkommensklasse von 5.000 bis unter 18.000 Euro waren knapp 19 % aller Privathaushalte. Wenn man jung ist, ist man wenigstens noch flexibel und arbeitet vor allem daran, dass man diese Sorgen später einmal nicht hat. Das sieht bei Älteren (auch mit Familie) leider schon anders aus. Aber das alles ist ein Lernprozess, den wir ja fast alle durchmachen durften. Daher: aus den Erfahrungen lernen, später erinnern und Verständnis für diejenigen haben, denen es weniger gut geht.
someoneunreal 04.05.2019
3.
Ich hatte mit einem 20stunden Job eher noch weniger als 900€ netto zur Verfügung - rund 430€ Miete in München, der Rest zum Leben. Gefehlt hat es im Rückblick an wenig. Da sollt man sich mal nicht so anstellen.
Mehrleser 04.05.2019
4.
Ja, es ist schon erstaunlich und ich beobachte es auch in der eigenen Familie: dedizierte Meinungen zu Klima und Internetthema, auch dazu, wer an den dort verorteten Übeln schuld sei. Aber keine Ahnung, zu was man sich beim Handyvertrag oder Girokonto verpflichtet hat. Offensichtlich gibt es dazu keine Influencer.
der_grillmeister 04.05.2019
5. Strom ohne Bonus?
Das Prinzip der Stromverträge ist doch, dass es im ersten Jahr einen Bonus gibt und die Anbieter die Hoffnung haben, die Kunden würden den nächsten Wechsel verschlafen. Jetzt rät Herr Tenhagen dazu, von Anfang an nicht den billigsten Vertrag zu nehmen, damit es im zweiten Jahr nicht teurer wird? Dafür lieber schon im ersten Jahr teuer. Ich rate dazu, jedes Jahr die paar Hundert Euro Ersparnis mitzunehmen und mit wenigen Mausklicks zwischen bewährten Anbietern hin und her zu hüpfen. Ich habe mit einem Anbieter auch schon schlechte Erfahrungen gemacht, aber ich habe auch ein paar Anbieter, zu denen ich alle paar Jahre wieder zurückkehre (für genau ein Jahr).
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