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TELEPHON Flacher Kasten

Die Industrie erwartet ein neues Milliarden-Geschäft. Anfang kommenden Jahres will die Post Telephone ohne Kabel anbieten.
aus DER SPIEGEL 39/1984

Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling bereitet sich auf einen Auftritt vor, der ihm endlich einmal nur Beifall bringen soll: Ende des Jahres will der Minister persönlich den Deutschen mitteilen, daß Telephonieren nun auch hierzulande komfortabler werden soll.

Seit gut hundert Jahren blieb das Telephon technisch nahezu unverändert. Vom Januar an aber soll alles ganz anders werden. Die Bürger dürfen sich dann ein Gerät zulegen, das sie bisher allenfalls von den Reichen in Dallas und Denver kennen: das schnurlose Telephon.

Vorbei sein soll der Ärger mit den Strippen, die entweder zu kurz sind oder als Fallstricke im Zimmer herumliegen, vorbei die Lauferei vom Garten ins Haus, weil das Telephon läutet. Auf dem Balkon oder beim Nachbarn, in der Küche oder in der Badewanne - überall ist das neue Telephon nutzbar, falls es nicht im Garten unter altem Laub liegt.

Soviel Lebensqualität ist nicht billig. Die Monatsmiete für das schnurlose Telephon wird zunächst 38 Mark zusätzlich zur normalen Grundgebühr von 27 Mark kosten. Dafür bekommt der Postkunde ein kompaktes, mit Elektronik vollgestopftes Gerät, das mit den bisher üblichen Fernsprechern nur noch sehr wenig gemein hat.

Der Wunderapparat heißt »Sinus« und besteht aus zwei Teilen. Die Basisstation, ein flacher Kasten von der Größe einer Zigarrenkiste, wird wie ein normales Telephon an den Hausanschluß angeklemmt. Der Hörer ohne Kabel enthält - zwischen Mikrophon und Lautsprecher - die Wahltastatur.

Die Schnur zwischen Hörer und Apparat wird durch eine Funkverbindung ersetzt. Klingelt das Telephon, wird der Anruf von der Basisstation per Funk auf den Hörer weitergeleitet. Ruft der Teilnehmer selbst jemanden an, wird das Gespräch zunächst zur Basisstation gefunkt und dort in das normale Telephonnetz eingespeist.

Die Reichweite der Funkverbindung ist begrenzt: Das schnurlose Telephon soll keine Alternative zum Autotelephon sein. Ist der Hörer mehr als 200 Meter von seiner Basisstation entfernt, kommt keine Verbindung zustande. Im Haus verkürzt sich die Reichweite um mehr als die Hälfte. Bis in die Kneipe um die Ecke wird das Funktelephon meist nicht reichen; in einem Einfamilienhaus dagegen wird die neue Art des Ferngesprächs problemlos sein.

Allerdings muß der Hörer, der einen Akku enthält, regelmäßig mit Strom geladen werden. Er wird dazu spätestens alle zwölf Stunden auf das Basisteil gelegt.

Das Mitnehm-Telephon bietet eine Reihe von Vorteilen, die bei dem notwendigen technischen Aufwand für die Funkanlage als Nebenprodukt anfielen. So kann der Telephonnutzer für häufig benutzte Nummern eine Codewahl einprogrammieren; eine Automatik kann bei Besetztzeichen den Anruf so oft wiederholen, bis das Gespräch zustande kommt.

Telephone dieser Art sind in Amerika und Fernost seit langem Verkaufsschlager. In vielen europäischen Ländern waren die meist aus ostasiatischen Fabriken stammenden Funktelephone dagegen strikt verboten.

Die in Übersee gebräuchlichen Telephone - so die Begründung der Bundespost - seien nicht abhörsicher, störanfällig und leicht manipulierbar. Sie arbeiten ähnlich wie die CB-Funkgeräte auf nur wenigen festgelegten Frequenzen.

In dünnbesiedelten Gebieten entstehen dadurch kaum Probleme, in Großstädten dagegen kann es rasch zum Fernsprechchaos kommen. In einigen Gebieten der Vereinigten Staaten sind die schnurlosen Geräte zwar erhältlich, aber kaum noch einsetzbar.

Oft reden dort mehrere verschiedene Gesprächsteilnehmer auf einer Frequenz durcheinander. Auch die Möglichkeit, per Funk auf Kosten anderer zu telephonieren, wird genutzt.

Gegen solche Störungen sollen die nun von der Post angebotenen Geräte gefeit sein. Sie arbeiten nämlich ähnlich wie die Fernsehsignale im Bereich der Ultrahochfrequenzen, wo mehr Kanäle zur Verfügung stehen. Erst wenn mehr als 40 Teilnehmer gleichzeitig im Sendebereich eines Telephons zum Hörer greifen, bricht das Netz zusammen.

Dabei sind die Geräte nicht wie in den USA auf eine bestimmte Frequenz geeicht. Vielmehr sucht ein Mikrochip in Sekundenbruchteilen die 40 Kanäle nach einem freien Übertragungsbereich ab.

Nachdem sich 1982 die europäischen Postverwaltungen auf dieses technische Konzept geeinigt hatten, drängte die Bundespost zur Eile. Denn auch hierzulande begannen sich die Fernost-Telephone störend bemerkbar zu machen.

Von Spezialläden wurden sie, mit dem Etikett »Nur für den Export«, zu Preisen zwischen 300 und 3000 Mark angeboten. Einige tausend, so schätzen Experten, werden hierzulande illegal benutzt.

Die Hersteller in Deutschland witterten ein großes Geschäft, als Schwarz-Schillings Telephonpläne im März 1983 bekannt wurden. Rund drei Millionen Apparate, so die Prognose der Postbeamten, könnten in den nächsten Jahren angeschlossen werden.

Fürs erste wollte die Post 25 000 Apparate kaufen. Rund 50 Firmen ließen sich die Ausschreibungsunterlagen schicken. Doch nur die wenigsten konnten das von der Post geforderte Eiltempo einhalten. Immerhin sollte innerhalb eines halben Jahres ein funktionsfähiges Mustertelephon präsentiert werden, dessen Entwicklungskosten in die Millionen gehen.

Die Ausschreibungsfrist wurde schließlich noch einmal verlängert. Dennoch reichten nur zehn Firmen Angebote ein. Lediglich vier erschienen den Postlern akzeptabel: die AEG, Siemens, das Kieler Unternehmen Hagenuk und die Hildesheimer Firma Stabo.

Nicht nur kleinere Firmen hatten Schwierigkeiten mit den neuen Apparaten. Auch die Großen des Gewerbes sind auf fremde Hilfe angewiesen.

So kauft die AEG wesentliche Teile für das neue Telephon in Fernost ein. Siemens, der größte deutsche Elektrokonzern, bezieht diese Teile vom US-Konzern Motorola. Trotzdem ist Siemens nicht in der Lage, vor Ende Dezember sein neues Produkt zu liefern.

Nur ein Unternehmen, die zum Salzgitter-Konzern gehörende Firma Hagenuk (1700 Mitarbeiter, 200 Millionen Mark Umsatz), kann ein echtes Eigenprodukt anbieten. Es ist zudem mit 980 Mark noch eines der preisgünstigsten.

Doch die technische Leistung brachte den Kielern, die demnächst auch in das Bildschirmtext-Geschäft einsteigen wollen, keine Vorteile. Hagenuk wird von den ersten 25 000 Telephonen auch nur 7500 liefern - ebensoviel wie der Konkurrent Stabo, der einfach ein vollständig in Japan gefertigtes Gerät weiterreicht.

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