Agrarrohstoffe Streit über die Spekulations-Studie

Die Deutsche Bank und die Allianz spekulieren weiter auf Nahrungsmittel. Sie erhalten Rückendeckung von einer Studie, die sogar positive Effekte solcher Geschäfte auf die Welternährung sicht. Eine Deutung, der der deutsche Ökonom Heiner Flassbeck vehement widerspricht.
Weizenernte: "Die massive Beteiligung von Finanzinvestoren treibt den Preis in die falsche Richtung"

Weizenernte: "Die massive Beteiligung von Finanzinvestoren treibt den Preis in die falsche Richtung"

Foto: A2836 Carsten Rehder/ picture alliance / dpa

Der Versuch der Deutschen Bank und der Allianz, ihre umstrittenen Nahrungsmittelspekulationen als nützlich für die Hungernden dieser Welt darzustellen, hat prominenten Widerspruch hervorgerufen. "Diese Argumentation ist komplett falsch", befindet Heiner Flassbeck, der sich als Chef-Ökonom der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Allerdings gelänge es "mit Hilfe der Medien und freundlich gesinnten 'Wissenschaftler', den Eindruck zu erwecken, als sei diese Meinung die Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft".

Konkret attackiert Flassbeck ein Diskussionspapier der Universität Halle. Darin hat ein Team um den Wirtschaftsethik-Professor Ingo Pies 35 aktuelle Studien und Veröffentlichungen zum Thema Agrarspekulation ausgewählt und ausgewertet. Ihr Ergebnis: Der Großteil der gesichteten Literatur enthalte keine Anhaltspunkte, dass die Spekulation mit Nahrungsmitteln Schuld sei an steigenden Preisen. Im Gegenteil: Die Liquidität, die Spekulanten in den Markt brächten, diene den Bauern zur Absicherung ihrer Ernten und fördere damit die Produktion.

Für Pies, dessen Lehrstuhl von der Dieter-Schwarz-Stiftung, der Muttergesellschaft von Lidl und Kaufland mitfinanziert wird, sind nicht die Spekulanten die Schädlinge, sondern all jene, die sie einschränken oder den freien Markt regulieren wollen. Er wirft Organisationen wie Oxfam und Foodwatch "irreführende Öffentlichkeitskampagnen" und eine "aggressive Moralkommunikation" vor.

Die Umkehrung der Moraldebatte

Flassbeck sieht das anders. Es sei hinreichend empirisch belegt, dass sich Spekulation auf die aktuellen Lebensmittelpreise auswirke. "Die massive Beteiligung von Finanzinvestoren treibt den Preis in die falsche Richtung und verzerrt massiv den internationalen Handel und die gesamte marktwirtschaftliche Allokation", so Flassbeck. Mehrere Studien, auch der Unctad, haben dies erforscht.

Professor Pies jedoch hat nur ganz bestimmte Studien ausgewertet: Beiträge zwischen 2010 und 2012, die eigene empirische Forschungen aufweisen und nach einem bestimmten wissenschaftlichen Verfahren erstellt wurden. UN-Organe, Welthungerhilfe, spezialisierte Institute und zivilgesellschaftliche Organisationen sind aber nicht an die Vorgaben des Wissenschaftsbetriebs und seine Publikationspolitik gebunden und bringen ihre Ergebnisse in Eigenregie an die Öffentlichkeit. So greift Foodwatch-Chef Thilo Bode Pies Selektion scharf an: "Wichtige Literaturbeiträge, die spekulative Blasen auf Agrarrohstoffmärkten nachweisen, werden entweder unterschlagen oder falsch klassifiziert."

Markus Henn von der Entwicklungsorganisation WEED verweist auf hundert andere Studien zum Thema, die zu deutlich kritischeren Einschätzungen kommen. Er bezeichnet Pies Kritik an der Spekulationskritik als eine "abgeschmackte Liste an marktliberalen Plattitüden". Der Bremer Universitätsprofessor Hans-Heinrich Bass fühlt sich und seine Studie, die er für die Deutsche Welthungerhilfe erstellt hat, von Pies fehlinterpretiert und missbräuchlich benutzt.

Der Hallenser Akademiker weist den Vorwurf der Willkür zurück. Er habe sämtliche Studien berücksichtigt, die die von ihm gestellten Kriterien erfüllten. Außerdem gewann er 40 deutsche Wissenschaftler dafür, einen Brief an Bundespräsident Joachim Gauck zu unterschreiben, der die Rohstoffspekulation verteidigt.

Die Finanzindustrie hat die Deutungshoheit verloren

Möglicherweise aber steckt hinter dem großen Streit um Studien und Wahrheit etwas ganz anderes: Seit der Finanzkrise hat die Finanzindustrie die Deutungshoheit über ihr Handeln verloren. Ihre einst so einflussreichen Lobbyisten sehen sich einer ganzen Reihe zivilgesellschaftlicher Organisationen gegenüber, die hochprofessionell und kenntnisreich Kampagnen fahren und die öffentliche Meinung beeinflussen. Die Politiker müssen sich dem Druck immer öfter beugen. Noch 2013 will die EU Einschränkungen und neue Regeln für fachfremde Finanzinvestoren im Agrarsektor beschließen. Etwa Positionslimits oder Zugangsbeschränkungen.

"Wir brauchen das Geschäft nicht", sagt ein Allianz-Sprecher. Aber man wolle nicht so opportunistisch sein, und sich nur wegen des Drucks von Foodwatch und Oxfam aus einem Geschäftsfeld herausziehen, das man für wichtig und richtig halte. Schließlich hätten eigene, interne Untersuchungen ergeben, dass die eigenen Aktivitäten die Preise nicht treiben und damit nicht nur nützlich, sondern geradezu geboten seien. Auch die Deutsche Bank verweist auf eigene Studien. "Es ist absurd, zu denken, dass bei der Allianz Leute mit niedrigen Beweggründen sitzen, die andere in den Hunger treiben wollen", so der Allianz-Sprecher.

Die Allianz gibt sich gekränkt ob des Misstrauen der Öffentlichkeit. Dabei wäre es ganz einfach, Vertrauen herzustellen. Das Unternehmen müsste, statt mit einer umstrittenen Studie aus Halle zu wedeln, einfach die angeblich so eindeutigen Ergebnisse ihrer internen Prüfungen vorlegen. Doch dazu sind weder der Versicherer noch die Deutsche Bank bereit. Aus Wettbewerbsgründen, erklärt die Allianz, weil sonst die eigene Anlagestrategie offenkundig würde.